»Das Wesen aller Dinge ist die Zahl«, erklärte einst der griechische Philosoph Pythagoras, nach dem der wohl bekannteste Satz der euklidischen Geometrie benannt ist. Zugleich legte Pythagoras den Grundstein für eine Lehre, die unter der Bezeichnung »Numerologie« heute der Esoterik zugerechnet wird. Denn sie beruht auf der Voraussetzung, dass in den Zahlen weit über deren mathematische Bedeutung hinaus ein »tieferer« Sinn verborgen sei, den es zu deuten gelte. Weil dies aber ohne objektive Kriterien und mithin willkürlich geschieht, benutzen kaum zwei Numerologen das gleiche System der Zahlendeutung.
Im Kern geht es bei der Numerologie darum, etwa aus dem Namen einer Person bestimmte Zahlenwerte zu bilden und daraus sowohl die Eigenschaften als auch das Schicksal jener Person abzuleiten. Inzwischen kann man eine solche Aktion auch im Internet durchführen. Neugierig geworden, tippte ich aus aktuellem Anlass den Namen von Bundespräsident Wulff in den Test ein und erhielt für diesen unter anderem das folgende numerologische Profil: »Du gibst allen, die dich kennen, ein Rätsel auf. Du bildest dir deine eigenen Regeln, welche nicht immer denen der Gesellschaft entsprechen.« Erstaunlich fürwahr, doch kein wirklicher Beleg für die Zahlensymbolik. Eine wissenschaftliche Überprüfung numerologischer Orakel hat vielmehr ergeben, dass deren Trefferquote nicht aus dem Bereich der Zufallswahrscheinlichkeit fällt. Das heißt, durch pures Raten käme man auf die gleichen Ergebnisse.
Damit soll freilich nicht bestritten werden, dass Zahlen unser Alltagsleben mitunter nachhaltig beeinflussen können. Der berühmte Mathematiker Norbert Wiener sagte einmal: »Zahlen sind der Quell der Wahrheit, mehr aber noch haben sie den Menschen verführt, teils in die Irre, teils in Gefilde erhabener Schönheit.« In ihrem Buch »Was Sie schon immer über 6 wissen wollten« gehen die Autoren Holm Friebe und Philipp Albers dieser Verführung auf den Grund. Denn anders als in einem Computer, der alle Zahlen gewissermaßen gleich behandelt, werden sie in unserem Kopf mit unterschiedlichen Prädikaten belegt.
Die Zahl 13 beispielsweise gilt als Unglückszahl, weil sie, wie es häufig zur Begründung heißt, in der Geschichte an viele schlimme Ereignisse geknüpft gewesen sei. Regelmäßig wird in diesem Zusammenhang Judas Ischariot genannt, der nach der Bibel als 13. Gast beim Abendmahl Jesus verriet. Wie die Forschung indes ergeben hat, erhielt die Zahl 13 erst im 19. Jahrhundert in Deutschland den Status einer Unglückszahl. Folglich handelt es sich hier, wie Friebe und Albers betonen, um eine »erfundene Tradition«. Gleichwohl haben manche Hotels kein 13. Stockwerk, und in den Flugzeugen der Lufthansa fehlt die 13. Reihe. Man weiß eben nie ...
So wie Menschen bestimmte Zahlen fürchten, bringen sie anderen besondere Sympathien entgegen. Meist sind die letzteren biografisch geprägt und etwa dem eigenen Geburtsdatum entlehnt. Das erklärt, warum die 19 auf Lottoscheinen die am weitaus häufigsten angekreuzte Zahl ist. Denn die meisten Lottospieler sind im letzten Jahrhundert geboren. Wer also die 19 und ähnlich beliebte Zahlen wählt, schmälert im Erfolgsfall seinen Gewinn, da er diesen gewöhnlich mit vielen Spielern teilen muss. Zu den oft getippten Lottozahlen gehört auch die 7, die gemeinhin als Glückszahl gilt. Und von der behauptet wird, dass sie in der Mythologie jeder Religion und Hochkultur einen besonderen Platz einnehme. Man denke etwa an die sieben Weltwunder der Antike, die sieben Endzeitplagen der Bibel oder die sieben mal sieben Tage, die Buddha unter dem Baum der Weisheit verbrachte. Gleichwohl steht zu vermuten, dass hier eine selektive Wahrnehmung vorliegt, da auch andere Zahlen in der Mythologie mit erstaunlicher Häufigkeit vorkommen.
Der Hamburger Mathematiker Günter Krauthausen hat rund 4000 Schüler nach ihren Lieblingszahlen befragt und dabei keine größeren Präferenzen feststellen können. Sobald sich aber jemand für eine Lieblingszahl entschieden hat, verleiht er dieser oft »magische« Eigenschaften.
Das zeigt sich besonders bei Sportlern. Vor Jahren wurde der holländische Fußballstar Johan Cruyff nach längerer Verletzung statt mit seiner Stammrückennummer 9 mit der 14 eingewechselt und entschied das Match. Fortan spielte er nur noch mit der Nummer 14, die seitdem in den Niederlanden als eine Art Qualitätsausweis für Angreifer im Fußball gilt.
Wissen Sie eigentlich, warum man Blumen nur in ungerader Anzahl verschenken soll. Nein? Dann sind Sie in guter Gesellschaft, denn so richtig weiß das keiner. Trotzdem halten sich die meisten Menschen an diese ungeschriebene Regel, zumal den ungeraden Zahlen auch in anderen Lebensbereichen der Vorzug gegeben wird. Goethe machte sogar den Vorschlag, die Ehe per Gesetz auf fünf Jahre zu beschränken, da die Fünf »eine schöne, ungrade, heilige Zahl« sei. Bedenkt man, dass bereits die alten Griechen gerade Zahlen mit Weiblichkeit und ungerade Zahlen mit Männlichkeit assoziierten, wird verständlich, warum man in patriarchalischen Gesellschaften das Ungerade so schätzt.
Es gibt allerdings auch Leute, die von geraden Zahlen fasziniert sind. Der englische Fußballprofi David Beckham wäre hierfür ein Beispiel. Sobald dieser drei Coladosen im Kühlschrank findet, wirft er eine davon weg, damit die Zahl der Dosen wieder gerade ist. So jedenfalls hat es seine Ehefrau, Ex-»Spice Girl« Victoria, gegenüber Journalisten berichtet.
Halten wir fest: Anders als Numerologen behaupten, beruht unser Umgang mit Zahlen nicht auf irgendwelchen okkulten Eigenschaften derselben. Wir sehen im Prinzip nur das in den Zahlen, was wir sehen wollen oder was uns soziokulturell vorgegeben ist. Spätestens an dieser Stelle werden dennoch viele ungläubig fragen: Wie aber steht es um den Goldenen Schnitt? Ist dieser nicht gleichsam ein objektiv bestimmtes Maß für Schönheit, das sich daher in vielen Bau- und Kunstwerken wiederfindet?
Mathematisch gesehen wird beim Goldenen Schnitt eine Strecke in zwei ungleiche Abschnitte so geteilt, dass sich der kürzere zum längeren Abschnitt verhält wie der längere zur ganzen Strecke. Der Punkt, der eine Strecke im Goldenen Schnitt teilt, liegt folglich bei 62 Prozent der Gesamtlänge, während das (eigentlich irrationale) Verhältnis der Abschnitte annähernd 5:3 beträgt.
Tatsächlich sind nicht wenige Kunsthistoriker der Meinung, dass berühmte Maler wie Albrecht Dürer oder Leonardo da Vinci in ihren Bildern gern den Goldenen Schnitt verwendet hätten. Das mag wohl stimmen. Allerdings könne man dieses geometrische Merkmal mit etwas Glück in fast jedem Gemälde nachweisen, entgegnen Friebe und Albers. Sie empfehlen daher, statt der Bildinhalte die Formate der Leinwände zu vermessen, die früher von den Künstlern zumeist selbst hergestellt wurden. Haben diese dabei den Goldenen Schnitt bevorzugt? Die Antwort lautet Nein. Über mehrere Epochen hinweg lag das Seitenverhältnis im Mittel bei 4:5 im Hochformat und bei 4:3 im Querformat. Und auch das 16:9-Fernsehbreitbild, das nach Expertenmeinung den menschlichen Sehgewohnheiten besser entspricht als das zuvor verwendete 4:3-Format, ist nicht den Proportionen des Goldenen Schnitts nachempfunden.
Wer mehr über die psychologische und kulturelle Wirkung von Zahlen erfahren möchte, dem sei das Buch von Friebe und Albers ausdrücklich empfohlen. Es ist nicht nur kurzweilig geschrieben. Es vermittelt dem Leser auch interessante Einblicke in ein Kapitel der Kulturgeschichte, das ansonsten eher wenig Aufmerksamkeit findet.
Holm Friebe, Philipp Albers: Was Sie schon immer über 6 wissen wollten: Wie Zahlen wirken. Hanser Verlag, 280 S., 17,90 €.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Preis: 100,00 €
Preis: 15,90 €
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