Von Charlotte Noblet
14.01.2012

Im Bienenhaus

Coworking in Frankreich: Oasen für Arbeitsnomaden oder Revolution auf dem Arbeitsmarkt?

Selbstständig sein und doch ein Büro zusammen mit Kollegen nutzen: Coworking macht es möglich. Durch das Anmieten eines Arbeitsplatzes im »Coworking-Space« lassen sich scheinbar Privat- und Berufsleben trennen. Keine Ablenkung mehr durch den häuslichen Alltag, Büroatmosphäre und eine aussagekräftige Postadresse wirken anziehend. Vor allem die digitale Bohème nutzt diese Möglichkeit.
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Zehn Coworking-Spaces gibt es in Paris, viele davon kommunal gefördert. Das »La Ruche« (dt. Bienenhaus) im 10. Stadtbezirk der französischen Hauptstadt akzeptiert nur ökologisch und sozial engagierte Mieter. Bei »La Cantine« mietet sich der freiberufliche Web-Art-Direktor Anthony Enkirche seinen Arbeitsplatz.

Entlang des Kanals Saint-Martin mitten in Paris, nicht weit entfernt von der aus dem Film »Die fabelhafte Welt der Amélie« bekannten Brücke, wurden die alten Pferdeställe zu einem »Bienenhaus« (französisch: »La Ruche«) umgebaut. Auf den 600 Quadratmetern gehen nun täglich bis zu 60 fleißige Arbeiterinnen und Arbeiter ein und aus. Astwerke trennen ihre Arbeitsplätze, Steine und Bäume dekorieren Wände von Besprechungsräumen, Blumentöpfe wurden umgedreht und als Lampenschirme verwendet. »Hier arbeiten mehrere soziale Unternehmer neben- und miteinander«, erklärt Romain Sciacqua.

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coworkinginitiatives.com Grafik: Crealoft

Der Betreuer von La Ruche geht durch den Innenhof. »Seit mittlerweile vier Jahren tauschen sich in unserem Coworking-Space ökologisch und gesellschaftlich innovative Akteure aus.« Eine Tür öffnet sich und gibt Einblick in eine gemütliche Küche, wo sich Gäste mit Fairtrade- und Biokost stärken. Romain arbeitet selbst sozial und solitär als Eventmanager. Er unterstützt die »green attitude«. »Der verkleidet Leute als Karotten und wirbt damit gegen Pestizide«, scherzt einer der Stammgäste.

In der Küche sammeln sich schon um die dreißig Personen. Ein paar kochen sich noch schnell einen Kaffee und gehen zum Tisch: Gleich eröffnet Romain den wöchentlichen Buzz-Brunch von La Ruche. Dabei können die Mieterinnen und Mieter sowie ihre eingeladenen Gäste Informationen austauschen und neue Projekte vorstellen.

»Mir hat diese positive Atmosphäre geholfen«, erzählt Malik Badsi, 27 Jahre alt, leise und vertraulich. »Ich konnte bei der Gründung meines Unternehmens viel von den anderen und deren Erfahrungen lernen.« Heute boomt sein Unternehmen namens Yoola, welches Reisen zu großen Sportevents für behinderte Personen anbietet. »Ich stelle demnächst drei Leute ein und werde aus diesem Grund La Ruche verlassen. Der Ort soll ein Sprungbett für neue Projekte bleiben.«

Im Anschluss stellt sich eine neue Mieterin vor: »Ich aktualisiere den Branchenführer von verantwortungsbewussten Unternehmen und freue mich, bei Euch angekommen zu sein.« Gleich steht die nächste Person auf und kommt zu Wort: »Ich habe eine gute Nachricht für Euch: La Ruche ist zum Netzwerk-Event für innovative Unternehmen ›Paris, esprit d'entreprise‹ von der Stadt eingeladen worden.« Applaus begrüßt die gute Nachricht.

La Ruche zählt zu den zehn Coworking-Spaces in Paris, wo kleine Unternehmen, Start-ups, freiberufliche und andere digitale Nomaden sich Arbeitsräume teilen und voneinander profitieren.

Ein Büroplatz für zehn Euro pro Tag

Sie bilden eine Gemeinschaft oder »Community«, welche Infrastruktur wie Drucker, Fax, Beamer und Besprechungsräume teilen. Statt Wettbewerb bietet das Konzept aus Kalifornien lieber Zusammenarbeit an. Jeder kann unverbindlich und zeitlich flexibel den Ort bzw. den Coworking-Space benutzen.

»Klar schauen klassische Unternehmen in unsere Richtung, sie werden auch bald keine andere Wahl mehr haben.« Paul Richardet schmunzelt. Er hat 2008 ein anderes Coworking-Space in Paris mitgegründet: La Cantine, inmitten einer schönen Passage im 2. Stadtbezirk. Dort wird nicht gegessen, sondern vor dem Bildschirm gearbeitet. Mit ihren 280 Quadratmetern, 25 Arbeitsplätzen und 400 Events pro Jahr profiliert sich La Cantine als »the place to be« der Digitalbranche in Frankreich. Jeder ist als Mieter eines festen Schreibtisches willkommen: für sieben Euro einen halben, für zehn Euro einen ganzen Tag oder für 250 bis 300 Euro im Monat. Preise und WLAN-Code hängen gleich am Eingang, Multisteckdosen um die Tische herum. Kopfhörer knistern leise, sonst herrscht Ruhe. Das Gespräch geht auf der Terrasse eines Nachbarcafés in der Passage weiter. »In der Cantine treffen sich die Technik-Affinen und tauschen sich aus. Deswegen ist das Innovationspotenzial hier sehr hoch«, erzählt Paul Richardet. »Viele Unternehmen beobachten unsere Szene und ein paar geben uns schon Aufträge. Es wird heutzutage einfach anders gearbeitet.«

Nathanael Sorin-Richez setzt sich dazu. Der ist für die Logistik und die Betreuung der »Community« in La Cantine zuständig und war im November in Berlin bei der internationalen Konferenz über das Coworking. Dort stellte er fest, wie die neue Form zu arbeiten langsam zum Mainstream wird: »Früher haben sich Freiberufler bzw. »Coworkers« zusammengeschlossen, um Kosten und Kenntnisse zu teilen. Mittlerweile gelten Coworking-Spaces als angesehene Einrichtung und renommierte Adresse.«

Während des Gesprächs zwischen zwei Heißgetränken wird der Arbeitsmarkt theoretisch revolutioniert. Das kulturelle Kapital, das durch die Neuen Medien entsteht, wird sich durchsetzen und damit der Einzelne sich von den großen Unternehmen loslösen. »Viele sprechen von Outsourcing und fürchten um die Arbeitsbedingungen: Die Strukturen zerfallen immer mehr und Freiberufler werden von den Aufträgen ›der Großen‹ abhängig«, sagt Nathanael Sorin-Richez. »Die Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft lautet aber anders: Die Großen sind auf die Dienstleistungen der Kleinunternehmer in der IT-Branche angewiesen. Diese können sich von daher ruhig unabhängig machen, sie werden gebraucht und anerkannt. Insofern trägt Coworking nicht zur Prekarisierung bei, eher zur Besserung der Arbeitsbedingungen«, meint Sorin-Richez zuversichtlich.

Inspiration im Coworking-Space

Zur Hälfte könnte Anthony Enkirche zustimmen. Nach sechs Jahren Berufserfahrung als fest angestellter Web-Art-Direktor sitzt er seit September 2011 als Freelancer in La Cantine. »Das Open Space in meiner Agentur war bedrückend, ich war unglücklich. Jetzt verdiene ich noch nicht so viel, dafür geht's mir gut.« Anthony Enkirche wollte auf keinen Fall von Zuhause aus arbeiten und hat sich von daher für das Coworking entschieden: »In meiner Wohnung würde ich niemanden treffen - ein Problem für die Inspiration. Hier kriege ich viel mit, und wenn bei der Arbeit etwas schief geht, bin ich nicht allein.« Für seinen Schreibtisch bezahlt er 250 Euro pro Monat: »Das Budget ist schon heftig für mich. Wenn ich knapp bei Kasse bin, sind die Leute von La Cantine kulant und ich helfe ihnen dafür mit meinem IT-Wissen.«

Die Cantine hilft Projekten, die neu beginnen. Diese müssen nicht wie andere zusätzlich viel Geld in ein gutes Arbeitsumfeld investieren. »Hier spielen die Subventionen der Region, der Stadt und sogar der EU eine wichtige Rolle«, erklärt der Mitgründer Paul Richardet. »Wir unterstützen Wachstum, Arbeit und Innovation. Aus diesem Grund sind wir von Arbeitern und Institutionen anerkannt.«

Im September hat die nordfranzösische Region Île-de-France solche »tiers-lieux« (dt. »Dritte Orte«) zwischen Wohn- und Arbeitsort als Priorität definiert. Laut Jean-Baptiste Roger, Digitalberater der Region, sollen sie bessere Arbeitsbedingungen schaffen: Unternehmen teilen sich Kosten, Arbeiter verbringen weniger Zeit in Verkehrsmitteln, Freiberufler sind nicht mehr so isoliert. Vorgesehen sind »Hotels für Unternehmer«, wo Festangestellte auf lange Frist ihr Büro haben, sowie Coworking-Spaces, wo Freiberufler sich flexibel treffen können. Bis zu zwölf neue »Dritte Orte« wird die Region 2012 finanziell unterstützen.

Von ihrem Home-Office im 3. Stadtbezirk aus beobachtet die Grafikerin Karine Ivanoff die Coworking-Szene. Wie 15 000 andere Freiberuflerinnen und Freiberufler in Paris hat sie keinen festen Arbeitsplatz: »Nach elf Jahren Berufserfahrung, angestellt bei einer Agentur, wollte ich meine Verpflichtungen selbst bestimmen und meinen eigenen Weg gehen«, erzählt sie etwas melancholisch. »Jetzt bezahle ich den Preis dafür: Ich fühle mich bei der Arbeit ziemlich einsam.« Noch hat sie sich aber nicht getraut, die Tür eines Coworking-Space zu öffnen: Aber auch dies kostet Überwindung.

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