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Von Ronald Blaschke 14.01.2012 / Geschichte

Die seltsame Sucht nach Arbeit

Paul Lafargue - ein Streiter für das Recht auf ein gutes und schönes Leben

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Hedonist und Marxist: Paul Lafargue

Er war ein bemerkenswerter Politiker und Publizist der internationalen Arbeiterbewegung. Bemerkenswert, weil sich seine von Karl Marx und Friedrich Engels geprägten Auffassungen mit einer großen Eigenständigkeit und geistigen Freiheit im politischen sowie publizistischen Wirken verbanden.

Der am 15. Januar 1842 in Santiago de Cuba geborene Paul Lafargue stammte aus einer multiethnischen und multikulturellen Familie. Eine Großmutter war Mulattin aus Haiti, die andere eine Karibin, die Großväter französischer Herkunft. Flucht und Übersiedlungen aus politischen Gründen waren Alltagserfahrungen seiner Eltern und Großeltern. Sie prägten Lafargues Leben und Wirken ebenso wie das multiethnische und multikulturelle Milieu. Er genoss eine Ausbildung in klassischen Sprachen, Philosophie und Literatur, studierte Medizin in Frankreich, zog es dann aber vor, sich als Berufsrevolutionär in die politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit zu begeben.

Zunächst Anhänger von Pierre-Joseph Proudhon (»Gott ist das Übel«, »Eigentum ist Diebstahl«, »Mein Vergnügen ist mein Gesetz«) lernte er Karl Marx in London kennen, wo Lafargue sein Medizin-Studium fortsetzen sollte, da er aufgrund politischer Umtriebe von allen französischen Universitäten ausgeschlossen worden war. Von Marx erhielt er Unterweisungen in politischer Ökonomie - und, nach langem Zaudern (er möge doch erst die ökonomische Basis einer Ehe sicherstellen), das Jawort zur Hochzeit mit Laura, einer Tochter von Marx. Friedrich Engels war Trauzeuge. Er war nicht nur der Mäzen der Familie von Karl Marx, sondern auch der chronisch an Geldmangel leidenden Familie Lafargue.

Laura war eine hochgebildete, sprachversierte und schöne Frau. Paul: »Ihr üppig krauses Haar glänzte goldig, als ob sich die untergehende Sonne hinein gebettet hätte.« Bisher Marxens Privatsekretärin und Übersetzerin, übernahm sie neben dem Ehehaushalt auch Schreib- und Übersetzungsarbeiten für Paul. Paul schätzte Laura: Auf den bösen Vorwurf hin, sie würde seine Schriften verfassen, die er nur mit seinen Witzen verderbe, entgegnete er, dass Laura begabt sei, ganz andere Dinge zu schreiben, als er vermöge. Laura gründete politische Frauenzirkel, gab eine Arbeiterinnen-Zeitung heraus und publizierte eigene Beiträge. Sie gebar in der Ehe mit Lafargue drei Kinder, zwei starben nach Monaten, eins wurde vier Jahre alt.

Die Lafargues waren oft getrennt. Paul war viel auf politischen Reisen,

auf der Flucht vor politischer Verfolgung oder im Gefängnis. Die Gefängniszeiten wurden zur Ausarbeitung von Studien und politischen Programmen und, ermöglicht durch die damalige Selbstversorgung, ausgiebig zu Essensgelagen genutzt. Die Lafargues pflegten freundschaftliche Beziehungen zu Franz Mehring, Clara und Ossip Zetkin. Zu Besuch bei ihnen waren Wladimir I. Lenin, Nadeschda Krupskaja, Karl Kautsky, Alexandra Kollontai und Karl Liebknecht.

Lafargue, der mit Laura viele Werke von Marx und Engels in verschiedene Sprachen übersetzte, vertrat in Auseinandersetzungen mit den Bakunisten und Proudhonisten in der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) die Ansichten der beiden, war Funktionär und Vertreter verschiedener Ländersektionen der IAA, gründete die Parti Ouvrier und war zeitweilig Abgeordneter in der französischen Abgeordnetenkammer. Er gab Zeitschriften heraus, veröffentlichte sprachwissenschaftliche, kulturhistorische, religions- und literaturkritische Abhandlungen sowie Aufsätze zu aktuell politischen Fragen. Lafargue publizierte mehrfach auch zur Frauenfrage und zum Geschlechterverhältnis: Die marxistische Feministin Frigga Haug bezeichnete ihn als einen Spurensucher der Geschlechterkämpfe und weiblicher Emanzipationsbestrebungen. Im Sinne des späteren Antonio Gramsci lag es dem vielseitig gebildeten Lafargue daran, die kulturelle Hegemonie der herrschenden Klasse zu bekämpfen.

Ein Schmuckstück besonderer Art ist seine sehr ernst gemeinte Satire »Widerlegung des ›Rechts auf Arbeit‹ von 1848«, mit dem Haupttitel »Das Recht auf Faulheit«. Dabei handelt es sich um eine Schelte des von bürgerlichen und christlichen Philanthropen verwirrten und durch die kapitalistische Arbeitsmoral korrumpierten Proletariats, das selbst im ökonomischen Überfluss die Kapitalisten nach Arbeit, sogar für weniger Lohn, anflehte: »Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht … Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit.« Statt nach Arbeit zu verlangen, sollten die Arbeiterinnen und Arbeiter sich die Produkte ihrer Arbeit aneignen und ein gutes und schönes Leben führen. Lafargue schlug dazu das Verbot jeder Arbeit über drei Stunden täglich vor, pries den Einsatz moderner Maschinerie und eine lokale Produktion und Konsumtion. Produkte vom Feinsten, Edelsten sollten es aber sein. Eine solche für das gute und schöne Leben regulierte Produktion würde Arbeitszeit und Arbeitskräfte freisetzen - Arbeit, die, um das Lohnarbeits- und Profithamsterrad aufrechtzuerhalten, sich nicht vor verfälschter, bewusst kurzlebiger und unsinniger Produktion scheue. Um der Überproduktion entgegenzuwirken wäre es auch sinnvoll, dass die Produzierenden ihre Produkte selbst konsumieren. Statt unsinniger Produktion anzuhängen, sollten Feste gefeiert, den Musen und der freien Liebe gehuldigt werden. Für Lafargue galt, dass »die Arbeit erst dann eine Würze der Vergnügungen der Faulheit, eine dem menschlichen Körper nützliche Leidenschaft sein wird, wenn sie weise geregelt« werde.

Lafargue entwickelte die Vision einer Menschengemeinschaft, die das Was und Wie ihrer Produktion bewusst gestaltet. Einem unsinnigen Produktionswachstum stellte er die Idee der gesteigerten Genussfähigkeit für unverfälschte, edelste Produkte und für ein erotisches Leben gegenüber. Das Recht auf ein gutes und schönes Lebens für alle setzte er dem »Recht« auf Lohnarbeit, die tagtäglich die Herrschaft des Kapitals und der bürgerlichen Kultur reproduziert, entgegen.

Laura und Paul Lafargue gingen in der Nacht zum 26. November 1911 in den Freitod. Paul hinterließ eine Abschiedsnotiz: »Gesund an Leib und Seele töte ich mich, bevor mich das gnadenlose Alter schrittweise nach und nach der Freuden der Existenz beraubt und meine physische und geistige Stärke untergräbt, meine Energie lähmt, meinen Willen bricht und mich mir selbst und den anderen zur Last macht.« Selbstbestimmung bis in den Tod!

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • OBJZ, 15. Jan 2012 21:56

    "Freddy" war mit der Ehe von Laura Marx und Lafargue einverstanden !

    Die Beziehung zwischen Marx und Engels war vielseitig und auch familiaer. Marx fragte seinen Freund "Freddy" nach seiner Meinung ueber eine Ehe der Marx Tochter mit Lafargue. ---Die "multiethnische" Abkunft von Lafargue welcher trotzdem der priviligierten offiziellen "Weissen" Kaste im damaligen Lateinamerika angehoerte, gibt einen Einblick in die Vergangenheit der MEHRZAHL aller "weissen" Familien in Lateinamerika: Die Europaer sehen sie als "reine" Nachkommen von europaeischen Einwanderern, aber die mehrzahl der "weissen" Familien in Lateinamerika wissen dass in den Jahrhunderten manchmal Menschen mit indigener Abkunft (Indianer) , auch manchmal afrikanischer Herkunft beim Entstehen der Familie beigetragen haben. Simon Bolivar, der sehr reiche Venezolaner - und Befreiungskaempfer gegen die spanische Kolonialherrschaft, hatte auch etwas afrikanische Abkunft. Der Europaer von 2012 versteht noch nicht vollkommen, dass sich auch "weisse" Lateinamerikaner nicht "zugehoerig" zu Europa betrachten... In 1898 musste in USA ein Gericht entscheiden ob ein Mestize spanischer und indianischer Abkunft als "weiss" eingestuft werden sollte. Das Urteil erklaer te, "obwohl er nicht voellig weiss ist, ist er "WEISS GENUG"! Die "WEISS GENUG" Regel hat schon seit Jahrhunderten in Lateinamerika bestanden... Diese Tatsachen sind wichtig fuer die geopolitische Analyse Lateinamerikas.

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