Schmerz
wie ein Vogel singt.
Mauer. Lüfte, hörbar
über der Angst.
Wer verschließt deinen Mund,
Lerche? Du fliegst
auf vom Wiesenstädtchen,
in die Verwüstung, vorüber
Türmen, atemlos, dort:
Lerche, sing deinem Volk,
sing der Schläfen
Gewalt. Ich hör einen Alten
reden von finsteren Jahren.
Zärtlichkeit, eine Träne
sagt deinen Namen.
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Es existiert kein Foto, das sie, die doch durch Zeiten hin gemeinsam genannt werden, zusammen zeigt. Der große Striche-Verdichter Arno Mohr, dieser Linien-Tanzmeister, hat sie 1987 ins Bild gesetzt, ins Gespräch. Zwei zwischen Erschöpfung und Erwartung. Sie schauen einander nicht an. So sieht Warten aus oder Scheu oder die Ratlosigkeit nach einem Streit. Oder die Ruhe davor. Knistert die Luft oder ist sie lau? Rosa Luxemburgs rechter Arm ist wie eine Brücke im Bau. Nähe, große Nähe, und doch gut, dass das Sofa zwei gegenüberliegende Ecken hat. Sie wirkt ein Quentchen freier: frech, keck, träumerisch. Die Hand im Haar offenbart eine Frau, die auch mal andere Gedanken hat als nur politische. Er blickt, als wolle er nicht in schöne Gefahren kommen. Stehen die Zwei jetzt gleich auf und treten vor eine Versammlung? Ist das Papier in Liebknechts Hand beider Papier? Porträt einer Doppelspitze. Beide Spitze.
Doppelt hält besser? Nicht unbedingt besser zusammen. Gedacht werden darf jetzt an Einar Schleefs großen, wuchtenden Abend vor zehn Jahren im Deutschen Theater Berlin, »Verratenes Volk«. Auch er brachte »Karl und Rosa« zusammen. Ein Stück, das eigentlich hieß: »Wir sind ein Volk. Wir waren ein Volk. Verratenes Volk«. Es führte aus dem Ersten Weltkrieg in die November-Revolution und zur These hinüber: Die Masse war zur Republik bereit, die Führung der Revolution aber hat sich in Unentschiedenheiten zwischen Lenins Vorgaben und eigenem deutschen Weg verhängnisvoll verzettelt. Auf leerer, weiter Bühne Aufmärsche, Aufschreie: Auf, auf zum Kampf. »Internationale« und »Dies irae« - zwei Lieder, ein Verhängnis: Tod. Liebknecht und Luxemburg im verzweifelt theoretischem und zugleich privat-zänkischem Streit um den richtigen Kurs. Der Rampenchor der dröhnenden Parolen und der roten Lieder löst sich letztlich auf in einen swingenden Bürgerfreudentanz - aus deutschem November wird gleichsam Osterspaziergang; aber plötzlich stehen die Massen mit erhobenen Händen hinten an der Wand, und vorn liegen zwei Leiber: Karl und Rosa. Aus der Masse gefallen, liegen geblieben. Verloren.
Einar Schleefs Erinnerung an Luxemburg und Liebknecht erzählte, was auch Arno Mohrs Radierung von beider (fiktiv gestalteter) Begegnung einmal mehr erzählt: Fantasie kennt kein Defizit, keinen Mangel, keinen Engpass. Im Kopf wächst zusammen, was sich nicht wehren kann. Oder sich gegen die Farblosigkeit der Realität wehren möchte. Per Fantasie kehrt Geschichte zurück in den Leib der Möglichkeiten, die draußen gern zerschellen.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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