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Wie die Unschärfe alter Filme ...
Foto: fotolia/Andrii Pokaz
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Es gibt bisher keine Dokumente mit Strittmatters Namen, die belegen, auf welchem Wege er zur Schutzpolizei kam und was er dort bis 1945 gemacht hat. Überliefert wurde aber Strittmatters Fragebogen zu seiner »Kurzbiographie« und ein dreiseitiger Nachtrag zu diesem Fragebogen unter der Überschrift »Erläuterungen zu meinem Militärverhältnis« vom 11. Mai 1959. Diese Dokumente fügte die Kulturkommission beim Politbüro des Zentralkomitees der SED als Anlage ihrer »Vorlage an das Sekretariat des ZK der SED« vom 12. Mai 1959 bei. Denn das allmächtige Sekretariat der Partei musste billigen, dass Erwin Strittmatter, der bereits im Februar 1959 zum 1. Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes (DSV) der DDR berufen worden war, auch weiterhin diese Funktion ausüben durfte.
In der dazugehörigen Begründung ist zu Strittmatters Militärzeit nachzulesen: »Zur Frage seiner Militärdienstzeit hat er einen Nachtrag geschrieben. Wir sind der Meinung, dass damit die Unklarheiten in den fraglichen Punkten beseitigt wurden und seiner Bestätigung als 1. Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes nichts mehr im Wege steht …«
Der Vorgang spielt sich kurz nach der Autorenkonferenz vom 24. April 1959 in Bitterfeld ab, auf der Strittmatter nach seiner Selbstkritik auf der Kulturkonferenz von 1957 eine zentrale, geschickt aufgebaute parteitreue Rede hält. Doch auch daran muss in diesem Zusammenhang erinnert werden: 1957 ist das Jahr des tragischen Desasters, das den ehemaligen Leiter des Aufbau-Verlages Walter Janka und dessen einstigen Cheflektor Wolfgang Harich widerfährt, die durch das Oberste Gericht der DDR zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt werden.
Erwin Strittmatter gilt, nachdem er sich mit den Romanen »Ochsenkutscher« (1950) und »Tinko« (1955) in der deutschen Literatur einen Namen gemacht hat, bald als Mann Bertolt Brechts, der 1953 Strittmatters Stück »Katzgraben. Szenen aus dem Bauernleben« mit dem Berliner Ensemble inszenierte … Seine Haltung zum Sozialismus formuliert er auf dem IV. Deutschen Schriftstellerkongress im Januar 1956 mit den Worten: »Ohne Hitze keine Glut, ohne Ufer kein Fluss, kein Sozialismus ohne Menschenherzen«. In seiner Rede kritisiert er die »Kathederschriftsteller«, die den Sozialismus vorantreiben würden, als ob er ein Ochse sei. Wer nur die Blüten besinge und nicht auch die welken Blätter, wer nicht die Not des Volkes kenne und nicht sehe, was das Volk sehe, wer nicht »das Lob des Lebens« singe, der müsse sich nicht wundern, wenn er niemanden erreiche. …
In seinen »Erläuterungen« bekundet Strittmatter, »als Reservist zum Pol.-Batl. 325 nach Eilenburg« gekommen zu sein, wo er ausgebildet wurde. »Meinen Dienstgrad Oberwachtmeister erhielt ich automatisch.«
... In Wirklichkeit gehörte er zu den 26 000 Freiwilligen, die sich 1939 und 1940 zur Schutzpolizei melden konnten und als Wehrpflichtige von der Wehrmacht freigestellt wurden. Diese Notlüge gegenüber dem Sekretariat des ZK der SED bestätigt meine Analyse, mit welchem Geschick er um den Posten des 1. Sekretärs im Deutschen Schriftstellerverband kämpfte ...
Die erste Frage, wie Strittmatter überhaupt zur Schutzpolizei gekommen sein kann, beantwortet der kleine Artikel »Willst Du zur Schutzpolizei?«, der deutschlandweit veröffentlicht wurde und am 31. Oktober 1939 im »Saalfelder Kreisblatt« erschienen ist. Diese Zeitung ist in der Region, in der Strittmatter lebt, eine viel gelesene Zeitung ... In seiner Nachtigallgeschichte »Meine Freundin Tina Babe« bestätigt er, dass er diese Zeitung las. Mit höchster Wahrscheinlichkeit hat sich Strittmatter durch diesen Artikel, denn es wurde dort auch sein Jahrgang 1912 benannt, angesprochen gefühlt. Und auch die Ermahnung des Vaters, sich dem Dienst am Vaterland nicht zu verweigern, könnte ihm durch den Kopf gegangen sein. Die soziale Absicherung seiner Familie wäre garantiert gewesen. Jedenfalls muss er überzeugt gewesen sein, alle Bedingungen zu erfüllen, auch die »volle SS- und Polizeitauglichkeit«, die ausdrücklich gefordert wurde.
Die zweite Frage lautet: Wie schaffte es Erwin Strittmatter als Ungedienter, die drei genannten Männerdienstgrade zu überspringen und sofort mit dem ersten Unterführerdienstgrad eines Wachtmeisters eingestellt zu werden?
Die Antwort ergibt sich aus einem Material der Staatssicherheit der DDR …, denn Erwin Strittmatter gehörte zu den Freiwilligen aus Thüringen, die nicht zum Polizeibataillon Jena kommen, sondern zum in Eilenburg zu bildenden Polizei-Bataillon 325, mit Heimatstandort Halle/Saale, weil Saalfeld dem Wehrkreis IV mit dem Hauptquartier in Dresden zugeordnet war. Aus der allgemeinen Einstellungsverfügung dieser Freiwilligen, die ebenfalls durch die Staatssicherheit in einer Abschrift überliefert ist, geht hervor, dass jeder Bewerber die nationalsozialistische Weltanschauung bedingungslos zu bejahen hatte und, wenn er wie Strittmatter zu dem Jahrgang 1912 zählte, als »Polizeiwachtmeister« einzustellen sei. Nach einer einjährigen Dienstzeit durfte er bereits zum Oberwachtmeister befördert werden, wozu die jüngeren Jahrgänge von 1918 bis 1920 fünf Jahre brauchten. Mit diesen Dokumenten wird bestätigt, was ich mit Strittmatters geführten Dienstgraden bereits beweisen konnte: Er meldet sich freiwillig zur Schutzpolizei, wenn auch auf den letzten Drücker, denn seine Musterung findet am 15. April 1940, wahrscheinlich im Hotel Zapfe in Saalfeld statt. Strittmatters überlieferte Musterungskarteikarte hat also nichts mit der Waffen-SS zu tun und der auf der Karte eingetragene formelhafte Vermerk »für die SS geeignet« war eine zu erfüllende Bedingung, um von der Schutzpolizei aufgenommen zu werden ...
Die dritte Frage, die noch zu beantworten ist, betrifft nicht die Parteifunktionäre aus dem Sekretariat des ZK der SED, die er mit dem Freiwilligenstatus hinters Licht führte, sondern seine vielen Leser. Konnten sie in seinen Büchern diese Wahrheiten erfahren? - Immerhin spielt Strittmatter im zweiten Teil des Romans »Der Laden« auf die vielen Leserbriefe an, in denen er gefragt wurde »wie viel Prozent« von dem, was er aufschrieb, auf Wahrheit beruhe, und wie viel Prozent erdichtet, »erlogen« sei. Strittmatter, der leise Schelm mit dem offenen Gesicht, antwortet diesen Lesern: »Wahrlich, ich sage euch, dieses Buch da und dieses Buch hier enthalten neunzig Prozent Wahrheit und zehn Prozent Erlogenes. Ich sage absichtlich Erlogenes, weil jene Leser den Unterschied zwischen Dichtung und Lüge nicht anerkennen.«
Joachim Jahns: Erwin Strittmatter und die SS. Günter Grass und die Waffen-SS. Dingsda Verlag, 206 S m. Dokumententeil., geb., 25 €.
Buchlesungen: 16. 1. (Bahnhofsbuchhandlung Ludwig in Leipzig), 25. 1. (Bahnhofsbuchhandlung Ludwig Dresden-Neustadt), 9. 2. (Bahnhofsbuchhandlung Ludwig in Frankfurt/O.), jeweils 19 Uhr.
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