»Gefährliche Kurven, mit dem Motor bremsen!« So auf die Gefahren des Weges hingewiesen, lenkt der Fahrer unseren Wagen aus dem Hochland um San Marcos, der Hauptstadt des gleichnamigen Departamentos im Südwesten Guatemalas, in Richtung Pazifikküste.
Wir verlassen die »Kälte« - immerhin hatten wir früh bei unserer Abfahrt nur zwölf Grad - und nähern uns Orten, bei denen jetzt, zu Beginn der Trockenzeit Anfang Dezember, die Temperaturen auf über 30 Grad steigen.
Bevor es aber so weit ist, machen wir einen Abstecher in den kleinen Ort San Pablo am Fuße des Hochlands. Dort besuchen wir Kaffeeplantagenarbeiter, die seit einigen Jahren von einem Juristen der INKOTA-Partnerorganisation COPAE (Kommission für Frieden und Ökologie) begleitet werden. Dort sollten nach Vorstellungen internationaler Energieunternehmen drei Flüsse vereinigt werden, um deren gesammelte Wasserkraft in großem Stil zur Gewinnung von Strom zu nutzen. Der Kaffeeplantagenbesitzer wollte dafür einen Teil seines Landes gewinnbringend verkaufen, darin eingeschlossen das Terrain, auf dem die Arbeiter wohnen. Deren Pech war, dass sie dieses Land vom Vater des heutigen Besitzers anstelle von Geld für ihre Arbeit erhalten hatten, ohne dass dies je legalisiert wurde. So lebten sie zwar schon jahrelang auf ihren kleinen Grundstücken, formal war das jedoch ungesetzlich. Sie konnten demzufolge jederzeit von diesem Land vertrieben werden.
Die Plantagenarbeiter kämpften um ihr Land. Als sie sich gegen die Vertreibung wehrten, erhielten einige von ihnen anonyme Morddrohungen. Manche wollten daraufhin den schier ausweglosen Kampf um ihr Recht schon aufgeben. Dann nahm sich COPAE ihrer an. Wie fast immer in solchen Fällen zog sich der Prozess schier endlos in die Länge. Doch dann kam den Arbeitern das Glück zur Hilfe. Da Untersuchungen ergaben, dass sich die Zusammenlegung der Flüsse und der Bau eines Großkraftwerkes nicht ausreichend rentieren, hatten die internationalen Investoren kein Interesse mehr an dem Projekt. COPAE und die Plantagenarbeiter setzten den Kampf um die Legalisierung fort und letztlich erhielten sie die Landtitel für ihre Grundstücke.
Mit dem schönen Gefühl, dass der Kampf um die Rechte der vorwiegend indigenen armen Bevölkerung auch erfolgreich sein kann, setzen wir unsere Fahrt fort. Wir verlassen die schattigen Berghänge des auslaufenden Hochlands mit ihren kilometerweiten Kaffeeanpflanzungen und kommen in die Tiefebene. Dort wechseln sich extensive Weideflächen, bevölkert von riesigen Kuhherden, mit ausgedehnten Plantagen ab, die entweder mit der Afrikanischen Palme oder mit Gummibäumen bepflanzt sind. »Noch wird aus der Afrikanischen Palme ausschließlich Palmöl gewonnen, aber schon wird mit dem Einstieg ins Biodiesel-Geschäft geliebäugelt. Das dürfte die Nachfrage nach großen Anbauflächen in der Region, verstärkt auch durch ausländische Firmen, noch weiter forcieren«, befürchtet Fernando Martínez, der Projektkoordinator von COPAE.
Wir nähern uns dem Ziel unserer Fahrt: Nuevo Progreso, ein Ort unweit des Pazifiks und der Grenze zum mexikanischen Chiapas. Dort angekommen, treffen wir uns im Gebäude des lokalen katholischen Radiosenders mit Leticia Montufar. Sie ist eine der von COPAE ausgebildeten ehrenamtlichen Reporterinnen und Reporter und als solche verantwortlich für die Sendungen unserer Partnerorganisation über die gravierenden Umwelt- und Menschenrechtsproblemen in der Region. Eines der zentralen Probleme: die Nutzung des Stroms, der aus der Wasserkraft gewonnen wird.
Zwar haben die ausländischen Firmen die Idee von Großwasserkraftwerken aufgegeben, aber sie haben die Rechte für die Stromversorgung von der guatemaltekischen Regierung gekauft, als diese die staatlichen Energiewerke privatisierte. In der Region war es zunächst die spanische Firma Unión Fenosa, die 1997 die Rechte von Guatemalas Regierung für 101 Millionen US-Dollar kaufte, um sie vor kurzem für 500 Millionen US-Dollar an die britische Firma Actis zu veräußern.
Leticia, die auch im Gemeindekomitee für Elektroenergie organisiert ist, meint, dass der Strompreis heute über dem Dreifachen dessen liegt, was man in Gemeinden zahlen muss, deren Stromversorgung noch in staatlichen Händen ist. Als Fernando mein zweifelndes Gesicht bemerkt, bestätigt er diese Angaben. Er selbst hat jahrelang in San Pedro gewohnt. Dort musste er bei weniger Stromverbrauch weit über das Doppelte an das private ausländische Energieunternehmen bezahlen als heute im Nachbarort San Marcos, wo das Elektrizitätswerk noch in Händen der Kommune ist.
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Leticia informiert in Nuevo Progreso im Radio über Umwelt- und
Menschenrechtsverletzungen.
Foto: Willi Volka
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Gegen die Wucherpreise wehrt sich die Bevölkerung in der Region. COPAE unterstützt die Organisierung dieses Widerstands und verhandelte gleichzeitig mit Unión Fenosa und Regierungsvertretern am »Runden Tisch« über faire Strompreise. Als das aus Sicht des Bischofs Álvaro Ramazini nur noch »reine Zeitverschwendung« war, stieg COPAE aus den Verhandlungen aus.
Gleichzeitig eskalierten die Auseinandersetzungen um den zu hohen Strompreis. Trauriger Höhepunkt dessen war das Jahr 2010: Zunächst wurde Víctor Galvez nach einem Treffen des Gemeindekomitees im Nachbarlandkreis Malacatán auf offener Straße erschossen, kurz danach wurden im selben Ort zwei weitere Aktivisten ermordet.
»Das hat dazu geführt, dass wir die Arbeit als Gemeindekomitees zur Organisierung und Mobilisierung der Bevölkerung so gut wie eingestellt haben. Es ist einfach zu gefährlich, die Angst ist zu groß«, sagt Leticia und fährt fort: »Aber der Kampf geht weiter, ich weigere mich beispielsweise bis heute, den überhöhten Strompreis zu zahlen.«
Auch die katholische Kirche und COPAE haben angesichts der Eskalation ihre Strategie inzwischen geändert. Zum einen werden Menschen wie Leticia durch einen Anwalt unterstützt und zum anderen versuchen sie, die Bürgermeister zu gewinnen, die Energiewerke zu rekommunalisieren und in den Ausbau des Energienetzes zu investieren. Das ist umso wichtiger, weil es Pläne ausländischer Firmen gibt, in der Region bis zu 16 kleinere Wasserkraftwerke zu errichten: Das Geschäft scheint sich zu lohnen!
»Die Energieversorgung wieder in die kommunalen Hände zu nehmen, ist laut Gesetz möglich. Doch das ist schwer«, weiß Leticia zu berichten. »Unser Bürgermeister ist unseren Forderungen gegenüber scheinbar aufgeschlossen, aber es passiert nichts.« Ein Grund dafür könnte sein, dass alle Gemeinden in der Region Verträge mit Unión Fenosa abgeschlossen haben, deren Inhalte geheim sind. Außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass zumindest einige der Bürgermeister durch den ausländischen Konzern bestochen worden sind.
Es ist Zeit, dass wir uns verabschieden, denn Leticia geht gleich auf Sendung. Das Thema heute: der massive Abbau von titanhaltigem Sand an den Stränden des nahen Pazifiks durch chinesische Firmen und die ökologischen Folgen.
Mir drängt sich der Eindruck auf, dass ganz Guatemala und dessen vorwiegend indigene Bevölkerung zur Ausbeutung durch ausländische Konzerne freigegeben sind. Ein Glück, dass es Menschen wie Leticia Montufar und Organisationen wie COPAE gibt, die sich dagegen wehren und die es zu unterstützen gilt. Und manchmal gibt es ja auch Hoffnungsschimmer wie in San Pablo, wo die Kaffeeplantagenarbeiter inzwischen stolze Besitzer ihrer Grundstücke sind.
Zum zehnten Mal ruft das »nd« gemeinsam mit SODI, INKOTA und Weltfriedensdienst zur Weihnachtsspendenaktion auf.
Bitte spenden Sie auf das gemeinsame Konto:
Kto: 10 20 101 / BLZ: 100 205 00 - Bank für Sozialwirtschaft / Kennwort: Soliaktion
Spendenstand 19.01. 2012: 32.386,94 Euro Mehr
Natuerlich brauchen die benachteiligten Indigenen in Guatemala die Hilfe gegen Ausbeuter. Die "Linke" koennen das in Guatemala nicht leisten, weil sie sonst sofort der Gefahr ausgesetzt werden. Die katholische Kirche kann jedoch im Hinterland ihre Ziele verfolgen - sich als Schirmherr der Indigenen zu beweisen. Denn alle die "Rechten" in Guatelama wollen doch "gute Christen" bleiben. Auch die katholische Kirche in Guatemala nur eine Zukunft "auf dem Land". Wie ueberall in Lateinamerika verbreiten sich merkwuerde christlische "Unternehmen" - teilweise von USA gesteuert - wie die Mormonen des republikanischen Praesidentschaftskanditaten Mitt Romney, und andere "konservative" USA Kirchen. Aber heute besonders von Einheimischen "Religionsunternehmern" betriebene "Neo-Pentacostals": "Das Geld welches du unsere Kirche spendest - fuehr zu weit groesserem finanziellen Glueck vom lieben Gott im Himmel!" Dazu feurige tropische Salsa-Musik und "Halelulia!"-Singen. In Guatemala treibt besonders die Unternehmerklasse zum "modernem" Protestantismus. Deshalb verliert die katholische Kirche, wie ueberall in Lateinamerika, in den Staedten, in welchen heute teilweise die Mehrzahl der nationalen Bevoelkerung lebt. In Brasilien leben mehr Menschen in Staedten als auf dem Land, und die katholische Kirche verliert alle zehn Jahre 10% der katholischen Glaeubigen. Brasilianische Mega-"Religionsunternehmen", meist "Neo-Pentacostal"spannen heute mit tausenden "Kirchen" - grosse und kleine rund um die Welt. In Afrika, Europa, USA, Asien. Das Ausmass ist astronomisch: Am 2.Jan. 2012 wurde die neueste "Kirche" einer der grossen brasilianischen Pentacostals in Sao Paulo (11 Millionen) eroeffnet: Mit Sitzgelegenheit fuer 150,000. 500,000 erschienen zur Eroeffnung. Hunderte Omnibusse parkten doppelt auf der Innen-Stadt-Autobahn. Der Verkehr zum Flughafen staute und viele verpassten ihre Abfluege. Gute Linke: Die Kirchen - alle- haben POLITISCHE MACHT - und viel Geld und sind keine Linke...
95% aller Guatemaltecos sind Indigene oder haben etwas indigene Abstammung. Die Indigenen Guatemalas sind fast nur "Mayas" (wie im Sueden Mexikos und Norden von Honduras). Doch die nationale Musik Guatemalas stammt von dem Einfluss des "Marimba-Instrument" welches von Afrikanern nach 1550 in Guatemala eingebuergert wurde. Das Instrument stammt aus Afrika. Die "Marimba"-Musik ist die nationale Musik Guatelamas. Sieh im Internet unter MARIMBA GUATEMALA - auf der Seite erscheinen eine Anzahl Photos, und auch youtube Videos - welche dann immer weiter zu hunderten anderen "Marimba" Videos leiten. --- Nur weniger Kilometer von der Grenze Guatemalas, im Hochland von Chiapas, sind auch die meisten Mayas oder mit teilweiser Maya-Abstammung. In San Cristobal des las Casas (bekannt durch die "Zapatistas", lebten in der ersten Haelfte des vorigen Jahrhunderts die vier Brueder "Dominguez" - welche alle vier in der spanisch-sprachigen Welt als einige der groessten Komponisten romantischer Musik stehen. Im Internet erscheint nach MARIMBA HERMANOS DOMINGUEZ , ein langes Musikvideo mit den Kompositione der Brueder Dominguez - und eine Tour von dem Tiefland hoch in das Hochland und nach San Cristobal des las Casas. Am Ende zeigt das Video die "Kirche" in der traditionellen Chamula-Tzotzil-Maya Stadt "Chamula". Diese "Kirche" war einst katholisch, bis die katholische Kirche von Chamula ausgewiesen wurden. Seitdem ist der Glaube in der "Kirche" eine Mischung zwischen katholischen Heiligenverehrung und Mayatraditionen. Nach der Ausweisung der Katholiken, sind auch alle Ueberterter zum Protestantismus von der Gemeinde ausgewiesen wurden. Das Photographieren in der "Kirche" ist verboten. ---Die Kompositionen der vier Brueder Dominguez sind heute "klassische Musik" in Lateinamerika. (In den Film von 1942 "Casablanca" tanzen Ingrid Bergman die schwedische Schauspielerin und Humphrey Bogart eine Bolerokomposition von Albert Dominguez, sieh youtube Video CASABLANCA PERFIDIA ).
Berichtigung: Der Name des Komponisten ist ALBERTO DOMINGUEZ (1913-1975).
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Spanien streikt für Bildung Massenproteste gegen die geplanten Kürzungen der konservativen Regierung
Athen: Linkes Bündnis formiert sich neu SYRIZA soll einheitliche Partei werden
Berlin befindet sich im Wandel. Die damit einhergehenden Veränderungen sehen die einen als unvermeidliche und positive Stadtentwicklung. Andere verstehen diesen Prozess als Bedrohung. Investoren, die vom Berliner Charme profitieren möchten, werten ganze Viertel auf: Die Mieten steigen, Clubs werden rausgeklagt und am Ende steht eine ausgetauschte Mieterschaft.
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