Von Uwe Kraus, Hordorf
14.01.2012

Das Trauma von Hordorf

Gedenkstein für Opfer des Zugunglücks in Sachsen-Anhalt geplant

Ein Gedenkstein soll künftig an die Opfer des Zugunglücks von Hordorf in Sachsen Anhalt erinnern. Bei dem Zusammenstoß eines Personenzuges mit einem Güterzug waren am 29. Januar 2011 zehn Menschen ums Leben gekommen, 23 weitere wurden verletzt. Die Justiz hat vor einigen Tagen Anklage gegen den Lokführer des Güterzuges erhoben.

Der letzte Januar-Samstag 2011 hat sich bei sehr vielen Menschen in Sachsen-Anhalt tief ins Bewusstsein gebrannt. An jenem 29. Januar war der HEX 80878, der planmäßig um 22.13 Uhr den Magdeburger Hauptbahnhof in Richtung Halberstadt verließ, auf der eingleisigen Strecke hinter Oschersleben frontal mit einem Güterzug der Verkehrsbetriebe Peine-Salzgitter zusammengestoßen. Der Triebfahrzeugführer, die Zugbegleiterin und acht Fahrgäste des Personenzugs des Harz-Elbe-Expresses starben, 23 wurden teilweise schwer verletzt.

Granit aus Schweden

In der Überleitstelle Hordorf am Bahnkilometer 42,702 soll nun am 27. Januar ein Gedenkstein zur Erinnerung an die Opfer enthüllt werden. »Die Idee dazu hatten mehrere Menschen. Die Gruppe der Hinterbliebenen der Opfer setzte sich dafür ein, einen bleibenden Gedenkort zu schaffen, das Magdeburger Verkehrs- und Innenministerium begleitet das seit Anbeginn«, sagt Andreas Putzer, Geschäftsführer des zum Verkehrsunternehmen Veolia gehörenden HarzElbeExpress (HEX). Sein Unternehmen und die Verkehrsbetriebe Peine-Salzgitter (VPS) hätten sich »an den Zug angekoppelt« und übernahmen die Finanzierung.

Die Vorschläge für den aus schwarzem schwedischen Granit gestalteten Gedenkstein kamen von den Hinterbliebenen. »Sie allein entscheiden, wie ihr Ort der Trauer aussehen soll«, erklärt Putzer. So werde auf dem Stein an das Unglück erinnert, auf der Rückseite sei ein Gedicht eingemeißelt. Auch die DB Netz habe sich sehr zugänglich gezeigt, als es darum ging, auf der ihr gehörenden Fläche den Stein aufzustellen, das Areal soll dann von der Gemeinde Hordorf gepflegt werden. Wie es zudem heißt, werde »zeitnah zum Gedenken« der getötete Triebfahrzeugführer postum durch das Land Sachsen-Anhalt mit der Rettungsmedaille geehrt.

Mysteriöser Zwischenhalt

Währenddessen hat die Staatsanwaltschaft Magdeburg jetzt Anklage gegen den Lokführer des mit Kalk beladenen Güterzugs der VPS erhoben. Das Magdeburger Landgericht soll nun über die Zulassung der Anklageschrift entscheiden. Zudem sollen sich eine Reihe Nebenkläger gemeldet haben.

Der Vorwurf lautet auf fahrlässige Tötung in zehn und auf fahrlässige Körperverletzung in 22 Fällen sowie auf Gefährdung des Bahnverkehrs. Die Staatsanwaltschaft habe die Zeit benötigt, so wurde erklärt, den seit 14. September 2011 vorliegenden Unfalluntersuchungsbericht der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes auszuwerten. Darin heißt es: »Aufgrund der vorliegenden Erkenntnisse ist davon auszugehen, dass die Ursache der Vorbeifahrt an dem Vorsignal ›Halt erwarten‹ und Blocksignal B ›Halt‹ und letztlich der Zugkollision in einer menschlichen Fehlhandlung begründet ist.« Entkräftet wurden in dem Papier jedoch Berichte, dass sich der Lokführer zum Zeitpunkt des Unglücks nicht auf der ersten Lok an der Spitze des Zuges aufgehalten haben soll. Offen bleibt bisher, warum um 22.19 Uhr - acht Kilometer vor dem Zusammenstoß - der von zwei schweren Loks gezogene Kalkzug aus einer Geschwindigkeit von 71 km/h für 36 Sekunden zum Stillstand gebracht wurde. Der Triebfahrzeugführer schweigt weiter zur Sache, heißt es aus Ermittlerkreisen.

Wenige Monate nach dem Zugunglück wurde die Strecke bei Hordorf mit einer »Punktförmigen Zugbeeinflussung« ausgestattet. Das automatische Bremssystem soll durch Zwangsbremsung Unfälle und Gefährdungen verhindern, wenn ein Triebfahrzeugführer Halte-, Vorwarn- oder Überwachungssignale vor Bahnübergängen überfährt oder zu schnell unterwegs ist. Der Einbau hier war von der Deutschen Bahn bereits lange vorher geplant und nach dem Unfall vorgezogen worden. »Nun ist so ein tragisches Unglück wie bei Hordorf nach menschlichem Ermessen nicht mehr möglich«, schätzt Andreas Putzer ein.

33 Fälle pro Monat

Bahnangaben zufolge sind von den bundesweit etwa 33 700 Kilometern Trasse des deutschen Schienennetzes bereits rund 30 000 Kilometer mit dem automatischen Bremssystem abgesichert. 60 Millionen Euro will die Deutsche Bahn in die Aufrüstung von 3000 weiteren Kilometern investieren.

In Deutschland kommt es, so der Bericht der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes vom 14. September, »im Monat zu durchschnittlich 33 unzulässigen Vorbeifahrten an Halt zeigenden Signalen«. Einige Verkehrsexperten relativieren die Zahl. Jedes Überfahren könnte zwar gefährlich werden. In die Statistik gehe aber, so Andreas Putzer, auch eine Verlängerung des Bremsweges etwa durch nasses Laub ein.

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