Die Gespräche gehen über sie hinweg. Sie liegt auf dem Klavier. Unter weißen Lilien, die alle Schauspieler auf sie geworfen haben, wie man Blumen in ein Grab wirft. Hedda Gabler ist gestorben, an Langeweile. Schon in der ersten Szene. Der Tod ist hier: das Leben - das immer weiter gelebt werden soll, nach einem Ratschluss, den keiner so recht begründen kann. Hedda Gabler wird gleich erwachen, es ist Morgen, aber das Klavier wird sie kaum verlassen - seinem Grab hält man die Treue, mit der letzten, ersten Heimat spielt man nicht leichtfertig. Man bleibt, wo man nie hin wollte.
So sitzt, hockt, liegt, steht Ina Piontek in Tilmann Köhlers Inszenierung von Henrik Ibsens »Hedda Gabler« also auf dem Klavier, am Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden, lebend, aber tot, eine junge schwangere Frau, in der die Langeweile als Krebs wuchert. Langeweile lässt sie zum Kriegsvideospiel greifen, dessen Bilder auf einer Breitfläche im Hintergrund aufflackern, die auch ein großer Spiegel ist, darin das Publikum sich selber sieht, und der zugleich durchsichtig bleibt für Gespensterauftritte der Stückgestalten.
Die Langeweile der Hedda Gabler hat reichlich zu tun: Sie produziert Neid auf die einstige Schulfreundin und Zerstörungslust gegen den Mann, Lövborg, den sie mehr liebt als jenen, den sie geheiratet hat, Tesman, und ständig muss der Überdruss gegen diesen Ehepartner erneuert werden, das Lehramtsmännchen mit der ewigen Tanten-Nabelschnur und dem Ärmelschonergemüt. Hedda Gabler kann Männer fangen und fürchten, aber jenen, den sie liebt(e), den muss sie in den Tod treiben. Die wichtigste Arbeit dieser Hedda Gabler jedoch wird die Selbstvernichtung sein. Im Klavier liegt die Pistole, und wenn später der Deckel hart und heftig und eindeutig zuknallt, dann steht fest, dass die Waffe funktioniert.
Köhler lässt mit Handys spielen, und wenn die Gestalten rauchen, riecht es nach kiffen. Aber er vertraut Ibsen. Er lässt das Stück Stück sein. Viel schleichende Genauigkeit, doch in den Entscheidungspunkten: stockender Atem, Kampf, Krampf, Erschüttertsein. Es ist dies das höchst veraltete Stück eines technischen Gipfelkönners - mit einem Ruf aus dem Inneren, den Köhler gehört und wiedergegeben hat.
Das selbstlos rackernde Brave (die Thea der Antje Trautmann) gegen das Brennende. Das klein Befriedigte gegen das hochfliegend Ungestillte. Alfred Kerr sprach von einer Schlacht zwischen »Nutzmenschen und Traummenschen«. Immer muss das Ungestillte am Weltenlauf sterben. Der junge Regisseur Köhler inszenierte, als käme er gerade aus Gesprächen mit Ibsen: Wie viel Zeit doch vergangen ist, und wie wenig sich die Zeiten änderten.
Ida Pionteks Hedda: Kalt wird sie sein, lächelnd zynisch, Menschen wird sie kippen, Seelen löschen. Aber wie abwesend sie dabei bleibt. Köhler lässt sie nicht zur großen Tragödin der höchsten geistigen Ansprüche werden, er klemmt sie ein, und Piontek spielt es mit trauriger Grazie: Es ist die Klemme zwischen dem Hass aufs Mittelmaß und der Ahnung, es sei die rettendste Lebensart. Christian Friedels Tesman strahlt dieses Durchschnittswesen jungenhaft, fast bemitleidenswert aus, diese milde Gier nach Grau und gemäßigter Temperatur.
Den Lövborg spielt Christian Erdmann, Wettbewerber gegen Tesman, ein Ungezügelter, ein Besessener, ein von Leidenschaft Geschlagener, den der Wille zur Redlichkeit, zur Sanftheit doch immer wieder unbarmherzig ins böse Wilde, ins bitter Verneinende, innerlich Versumpfte jagt. Ein Wikinger der Wohnzimmer, also ortlos, also verdammt.
Hedda Gabler hat das wertvolle Buchmanuskript Lövborgs verbrannt, das ihr Mann zufällig fand und ihr zur Aufbewahrung gab. Ein Unikat. So ist der eine zum Sterben aus Verzweiflung bestimmt, der andere todwund getroffen von Schuld. Hedda in ihrem Element: Sie tut alles für Kriege jeder Art. Die Langeweile ist eine schöpferische Kraft.
Thea und Tesman werden aus hinterlassenen Notizen versuchen, den Text zu rekonstruieren. Köhler zeigt das, indem beide, und sogar das Hausmädchen und die Tante, fiebernd und beseelt am Klavier sitzen und - spielen. Nur Hedda Gabler steht davor, ein sinnloses Wesen. Das Klavier ist kein Grab mehr, sie aber abgestorbener denn je.
Nächste Vorstellung: 25. Januar
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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