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Von Anouk Meyer 16.01.2012 / Berlin / Brandenburg

Entstaubtes Großstadtmärchen

Kästner modern im Grips: »Pünktchen trifft Anton«

Armes reiches Mädchen! Treibt sich abends auf der Friedrichstraße herum, da ihre Eltern wieder mal bis spät auf einer Gala sind. Da macht Luise, genannt Pünktchen, lieber mit dem Au-pair-Mädchen Peggy das nächtliche Berlin unsicher. Doch der Ausflug lohnt sich - auf dem Bahnhof Friedrichstraße trifft nicht nur Armut auf Reichtum, sondern »Pünktchen trifft Anton«.

Aktualisiert und mit etlichen Song- und Tanzszenen aufgepeppt, kommt Erich Kästners Kinderbuch-Klassiker im Grips-Theater zu neuen Ehren. Grips-Urgestein Volker Ludwig hat das Original aus dem Jahr 1931 mit Erlaubnis der Kästner-Erben behutsam und konsequent zugleich entstaubt, Sprache und Gestus modernisiert - und trifft gerade damit den Urton des Schöpfers Erich Kästner.

Auf verlogene Nostalgie und peinliche Altberliner Staffage, wie man sie aus anderen Inszenierungen des Stoffes kennt, wird verzichtet. Statt dessen übersetzt die Grips-Fassung die Stimmung der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre in die Gegenwart; schließlich klafft die Schere zwischen Arm und Reich heute mindestens so weit auseinander wie damals.

An der Basishandlung haben Ludwig und sein Regisseur Frank Panhans nichts gedreht: Pünktchen ist nach wie vor ein selbstbewusstes, kesses Gör aus besten Verhältnissen, das den Mangel an Zuwendung durch die viel beschäftigten Eltern recht bewusst zur Kenntnis nimmt - aus dem Schirmfabrikant Pogge wurde ein dauertelefonierender Immobilienmakler, seine Frau zickt als hysterische Charity-Queen herum. Zuständig fürs Kind sind die herzensgute Haushälterin Berta und das amerikanische Au-pair-Mädchen Peggy, das sich in den Kleingauner Robert verliebt hat. Weil ihr Schützling partout nicht alleine in der großen Villa im Grunewald bleiben will, schleppt Peggy das Mädchen widerwillig mit zum Bahnhof Friedrichstraße, wo sie mit Straßenmusik Geld verdient für ihren Bobby, der ihre Verliebtheit böse ausnutzt.

Beim Imbissbesitzer Murat lernt Pünktchen dann Anton kennen, einen ernsten, zurückhaltenden Jungen aus Weißrussland, der zusammen mit seiner Mutter Ewa illegal in Berlin lebt und nachts mit Flaschensammeln das kärgliche Haushaltsgeld aufbessert. Als Ewa wegen einer Krankheit ihren Job als Altenpflegerin verliert, spitzt sich die ohnehin schwierige Situation dramatisch zu - doch Pünktchen will unbedingt helfen.

In kurzen Dialogen macht das Stück den Milieuunterschied der beiden Jugendlichen deutlich. Etwa wenn Pünktchen ganz naiv fragt: »Wofür brauchst’n das Geld?« - und Anton lapidar antwortet »Na zum leben«. Doch so entsetzt Luise auch reagiert, als sie ihren neuen Freund Gemüse aus Supermarkt-Mülltonnen sammeln sieht, ist sie doch schnell bereit, beim Zubereiten von »Mülltonnenpaprikasalat« zu helfen - obwohl sie noch nie gekocht hat.

Wohlstandsverwahrlosung, die praktischen und sozialen Probleme von Illegalen, die Arm-Reich-Kluft: Das hätte schnell zu viel werden können, doch gegossen in den Grips-typischen Mix aus humorvollen Dialogen, Songs mit Ohrwurmqualität (Musik Wolfgang Böhmer) und schnellen Szenenwechseln samt Schlidderpartien über den schrägen Bühnenhintergrund, driftet das Stück nie zur moralinsauren Sozialstudie ab.

Zumal mit Jennifer Breitrück und Florian Rummel die Hauptrollen mit zwei Darstellern besetzt sind, die auch die leisen Töne wunderbar kitschfrei hinbekommen und ihren Figuren Ehrlichkeit sowie Tiefe verleihen. Äußerst glaubwürdig agieren auch Michaela Hanser als taffe Haushälterin mit Harry Potter-Vorliebe, Robert Neumann als Möchtegern-Einbrecher und Regine Seidler als zerbrechlich-kranke Ewa wie als lautstarke Bahnhofs-Pennerin.

Am Ende ist nicht alles gut, aber zumindest gibt es Hoffnung für Pünktchen wie für Anton und seine Mutter. Denn Geld für Afrika zu sammeln, reicht Frau Pogge nun nicht mehr, sie will Druck machen für die in Berlin lebenden Illegalen. Wie im modernen Großstadtmärchen, jedoch mit offenem Ende.

16./18.1., 29.2. und 1./2./5./6.3., 10.30 Uhr, 3.3., 16 Uhr,; Grips Hansaplatz, Altonaer Str. 22, Moabit, Tel. (030) 39 74 74 77

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