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Von Anouk Meyer 16.01.2012 / Berlin / Brandenburg

Chroniken eines Attentats

»Die beleidigte Nation« im Ballhaus Naunynstraße

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Beleidigt

Dunkelheit, dann blitzt Licht auf in dem kleinen Glaskubus. Zwei Männer stehen sich gegenüber: der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink, 2006 nach dem türkischen § 301 wegen »Beleidigung des Türkentums« zu Haft auf Bewährung verurteilt und nach einem Talkshow-Auftritt im Januar 2007 vor seiner Redaktion erschossen. Und der Attentäter, ein junger Arbeitsloser von der Schwarzmeerküste. Im wahren Leben haben sie nie miteinander gesprochen. Doch das Ballhaus Naunynstraße beleuchtet in seinem großartigen Performance-Abend »§ 301 - Die beleidigte Nation« eben auch fiktive Aspekte dieses Dramas, das viel mit Missverständnissen und Empfindlichkeit zu tun hat.

Dabei lässt sich der Kernpunkt auf die Frage zurückführen, wo Meinungsfreiheit endet. Der Autor Hrant Dink hatte in seinen Texten die türkischen Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als Völkermord bezeichnet - in der Türkei ein Tabu - und an sein Volk plädiert, »den bösen Türken aus ihren Herzen zu vertreiben«, da dies ihr Blut vergifte. Was er damit meint, versucht er in Mirat Bezars Performance »Spiegelungen« seinem Mörder zu erklären, dem 17-jährigen rechtsnationalen Ögun Samast. Doch seine Erläuterungen, es gehe ihm um Verzeihung und um ein normales Verhältnis der Armenier zu den Türken, kommen bei dem großspurigen Jungen nicht recht an, er protzt mit seiner Tat. Erst als der ältere Mann von seiner Kindheit erzählt, die er nach der Trennung der Eltern in einem armenischen Waisenhaus verbrachte, kommen sich die beiden kurzfristig näher.

Behutsam und psychologisch geschickt zeigt die Szene, wie Vorurteile und Hass zu dem politischen Attentat geführt haben. Der Zuschauer ist vor dem spiegelnden Glaskasten ganz nah dran an den beiden Darstellern Peter von Strombeck (Dink) und Paul Wollin (Täter), wodurch die Szene eine bedrückende Intimität erhält. Und auch die anderen vier Performances in diesem Parcours durchs Ballhaus beeindrucken durch Schauspielkunst und gute Dramaturgien - jeder Regisseur verfolgt einen anderen Ansatzpunkt, und so sieht auch der Zuschauer die Tragödie aus immer neuen Blickwinkeln.

Den größten Bogen schlägt dabei zum Auftakt Züli Aladags »Neden«, benannt nach der bekannten türkischen Talkshow. Auf der Bühne werden noch einmal die eindrücklichsten Momente jener Sendung nachgespielt, in der Hrant Dink mit einem wütenden türkischen Politiker über Meinungsfreiheit und »Ehre« diskutiert; parallel laufen Ausschnitte aus der Originalsendung im Hintergrund. Dann flimmern grauenvolle Bilder vom Genozid an den Armeniern über die Leinwand.

Danach trennt sich das Publikum in drei Gruppen, die sich die folgenden Performances gesondert ansehen. Dabei geht es durchs ganze Theater: von der Werkstatt neben der Bar ins Obergeschoss, das in ein türkisches Wohn- bzw. Schlafzimmer und ein Café verwandelt wurde.

Dort verfolgen die Zuschauer in »The TV Next Door« noch einmal die Talkshow, unterlegt durch Kommentare der türkischen »Gastgeber«. »Terrorist« zischt die gutmütig strickende Ehefrau, als Hrant Dink auf dem Bildschirm erscheint. Regisseur Hans-Wener Kroesinger zeigt eindrucksvoll, wie öffentliches Sprechen einen Mann zur Zielscheibe machen kann.

Im kleinen Saal sieht man dann, gemütlich auf Teppichen liegend, den Videofilm »Deep Sea Fish« an, in dem die Künstlerin Silvana Der-Meguerditchian durch das Istanbuler Viertel Cihangir streift und den Zuhörer an ihren Gedanken teilhaben lässt. Poetisch ist die Abschlussperformance von Hakan Savas Mican, der Fahnenappelle, Aufmärsche und Reden von Staatsgründer Atatürk über ein unter einer weißen Plane verborgenes Auto projiziert und dazu Kindheitserinnerungen einspielt. Berührend wie der ganze Abend.

16.-18.1., 20 Uhr, und 20.-22.1., 19 und 21.30 Uhr; Ballhaus Naunynstraße, Naunynstr. 27, Kreuzberg, Tel. (030) 75 45 37 25, Infos www.ballhausnaunynstrasse.de

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