Fast scheint es, als würden sie den schwierigen Gang schon einmal üben. Ein Zug von rund 700 Menschen bewegt sich am verschneiten Morgen des vorigen Freitags vom Plauener Rathaus aus langsam die Hauptstraße hinauf. Nach einem guten Kilometer kommt er in einer Seitenstraße zum Stehen. In einem grauen Bürogebäude befindet sich über einem Fitnessstudio das Jobcenter der Stadt. Hierher, so steht zu befürchten, werden viele von ihnen ab Februar öfter kommen müssen. Die Männer und Frauen arbeiten bei Manroland, dem großen Druckmaschinenhersteller, dessen Werkhallen am anderen Ende der Stadt liegen. Das Unternehmen ist der größte Arbeitgeber der Stadt - und seit November in der Insolvenz. Ob der Betrieb die Pleite übersteht, entscheidet sich diese Woche. Mindestens ein Fünftel der Arbeitsplätze aber, schätzt man bei der IG Metall, wird verschwinden.
Noch hoffen die Mitarbeiter des Unternehmens, das in Plauen nur unter dem traditionellen Namen »Plamag« bekannt ist. Der ist so fest verwurzelt, dass sogar die Endstation von drei Straßenbahnlinien so benannt ist. Seit über 100 Jahren werden im Werk Druckmaschinen produziert, viele Jahrzehnte lang trugen sie das Etikett »Plamag«. In Zeiten, als das Werk zum DDR-Kombinat »Polygraph« gehörte, liefen Plauener Maschinen in Ungarn und der Sowjetunion; zuletzt, da der Betrieb einer von drei deutschen Standorten des Manroland-Konzerns war, wurden sie nach Italien, China oder in die USA exportiert. Dass die Tradition demnächst zu Ende gehen könnte, will an diesem Freitag noch keiner der Beschäftigten glauben. Auf grünen Westen tragen sie einen Slogan, der mit dem traditionellen Firmennamen spielt: »Platt machen geht nicht«, ist zu lesen.
Ob die Zuversicht berechtigt ist, wird sich ab heute erweisen müssen. Bis Freitag konnten sich Interessenten bei Insolvenzverwalter Werner Schneider melden. Mögliche Investoren gebe es, sickerte durch; allerdings zeichnete sich auch ab, dass der Konzern nicht im Ganzen fortgeführt, sondern zerschlagen werden wird. Genaueres sollen Stefan Kademann, Regionalchef der IG Metall, und Udo Beier, der Chef des Betriebsrates, heute in Augsburg erfahren, wo das Unternehmen seinen Stammsitz hat. Wenn morgen in allen drei Niederlassungen zu Betriebsversammlungen gerufen wird, dürfte es zumindest in Plauen für viele keine guten Nachrichten geben, ahnt Kademann. Es wird, warnte er die Demonstranten vor, »viele schlimme Schicksale geben«.
Dass es so weit kommen konnte, hat Gründe in einem schleichenden Niedergang der Plamag. In der DDR Alleinhersteller von Rollendruckmaschinen, wurde das Werk später vom MAN-Konzern aufgekauft, der wiederum vor einigen Jahren den Druckmaschinenbereich zu wesentlichen Teilen an den Allianz-Konzern übertrug. Seither wurde in der Firmengruppe gründlich umgebaut. Die Montage der »Rolle« wurde an den Stammsitz nach Augsburg verlagert, sagt Beier; in Plauen wurde ein Bereich »Mechatronische Systeme« aufgebaut. Das klingt bedeutend; im Kern aber hieß es, dass den Plauenern »das Endprodukt weggenommen wurde«, wie Beier sagt. Das Echo in der Belegschaft war nicht begeistert: »Das war eine Degradierung.«
Die einst stolze Plamag war damit endgültig geworden, was viele andere Industriebetriebe im Vogtland schon längst waren: eine verlängerte Werkbank. Und sie geriet ins Trudeln wie viele der anderen Konzernfilialen. Denn die Liste der Hiobsbotschaften, die zuletzt aus dem Vogtland kamen, ist lang. Die »Plauener Gardine« wurde geschlossen - zugunsten eines Werkes in Bayern. Der Bushersteller Neoplan verlagerte zentrale Teile der Produktion nach Polen, ebenso wie der Lampenhersteller Philips, der das frühere Narva-Werk aufgekauft hatte. Der Spezialmaschinenhersteller Wema wurde zerschlagen. Auch andere Orte im Vogtland wurden gebeutelt: In Netzschkau fiel die Firma Nema, die Kühlanlagen für Kraftwerke herstellte, einem konzerninternen Konzept zur Restrukturierung zum Opfer, das sich inzwischen als falsch herausgestellt hat - zu spät für die Nema. In Falkenstein wurde der Garnhersteller Enka abgewickelt. Wie viele der anderen Betriebe war er hoch produktiv. Aber auch in diesem Fall saß die Firmenzentrale nicht im Vogtland. Alles in allem erlebte das Vogtland einen, wie Kademann sagt, »industriellen Kahlschlag«. Wolfgang Hinz, der langjährige Chef der Linksfraktion in Plauen, erinnert daran, dass es vor gut 20 Jahren in Plauen zehn Betriebe mit jeweils mehr als 1000 Beschäftigten gegeben habe. Heute ist die Plamag mit 750 Beschäftigten mit Abstand der größte Betrieb. Die Überreste der Wema, die Niederlassungen von Philips oder Neoplan hätten 250, vielleicht 300 Beschäftigte - »wie größere Mittelständler«, sagt Hinz. Manche seien verlängerte Werkbänke; bei den meisten handle es sich allerdings um das, was er despektierlich »Bastelbuden« nennt: Zulieferer und Teileproduzenten ohne eigene Forschung und ohne Endprodukte. Wenn es eng kommt, sagt Hinz, »sind die als erste weg«.
Eckhard Sorger, der Chef der Wirtschaftsförderung im Rathaus, will die Lage nicht so düster sehen. Er verweist darauf, dass etwa Neoplan zwar seine Busgerippe jetzt in Polen herstellt. In Plauen aber werde nicht nur weiter ein Luxusbus gefertigt; zudem stecke das Unternehmen auch 20 Millionen Euro in ein »Kompetenzzentrum« - eine Entwicklung, die auch die IG Metall lobt. Bei Philips zeichnet sich laut Sorger ab, dass der Plauener Betrieb »jetzt außerhalb des Konzerns eine Chance« erhalte. Selbst im Fall der Wema seien zwei - wenn auch kleinere - Nachfolger entstanden. »Meistens geht es irgendwie weiter«, sagt der Wirtschaftsförderer und fügt an, dass daneben viele Arbeitsplätze bei mittelständischen Familienbetrieben entstanden seien. Überregional freilich sorgen Nachrichten wie die von der Plamag-Pleite für Schlagzeilen. »Psychologisch«, sagt Sorger, »sind das ganz miese Signale.«
Das gilt um so mehr, als es sich bei der Plamag um einen »Leuchtturm« handelt - nicht nur, was die Größe, sondern auch, was die Löhne betrifft. Falls die Plamag die Insolvenz in wenn auch gerupftem Zustand überlebe, sei er zuversichtlich, dass die Entlassenen anderswo im Vogtland Arbeit finden könnten, sagt Sorger. Er fügt aber hinzu: »Die Frage ist, zu welchem Preis.« Schon jetzt, sagt Gewerkschafter Kademann, gibt es in der Region rund 30 000 Menschen, denen die Löhne im Vogtland nicht hoch genug sind. Sie haben gute Alternativen: Nach Nürnberg sind es anderthalb Stunden Autofahrt.
Noch wollen sich viele Plamag-Mitarbeiter mit solchen Gedanken nicht abgeben. »Lasst Plauen nicht aussterben«, steht auf einem der Plakate, die vor dem Arbeitsamt hochgehalten wurden. »Wir werden den Standort nicht kampflos aufgeben«, betont Gewerkschafter Kademann. Allerdings sagt er auch unumwunden, wie die kommenden Tage werden: »Grausam.«
Aktuelle Ausgabe: 21.05.2012
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