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Von René Heilig 17.01.2012 / Inland

Über allen Wipfeln herrscht Ruh'

Krauses Welt, seine Erddepots und urplötzliche Ermittlungen des Generalbundesanwaltes

Über allen Gipfeln Ist Ruh'In allen Wipfeln Spürest Du Kaum einen Hauch;Die Vögelein schweigen im Walde Warte nur, balde Ruhest Du auch.

Ach der Goethe, was wollte er der Nachwelt mit diesen Zeilen, geschrieben unweit des thüringischen Ilmenau, sagen? Fast könnte man meinen, der Geheimrat habe die Wünsche der obersten Neonazi-Terror-Ermittler vorausgeahnt. Das Schweigen im Walde kann man sogar wortwörtlich nehmen.

Kaum ein Hauch von Information geben sie preis. Ob daran die geplanten parlamentarischen Untersuchungsausschüsse etwas ändern werden? In Sachsen und Thüringen will man sich heute über deren Auftrag einigen, gestern saßen Experten der Bundestagsfraktionen beisammen, um dem auf höchster Ebene geplanten Gremium eine Richtung zu geben.

Es bleibt nicht viel Zeit, um die Wahrheit über den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) und die Versäumnisse oder gar Beihilfen staatlicher Stellen ans Licht zu fördern. Maximal 25 Sitzungswochen bleiben - wenn man den Ausschussmitgliedern die Sommerferien komplett streicht.

Nichts ist einfacher, als ungeübte parlamentarische Ermittler ins Leere laufen zu lassen. Da müssen nicht einmal Zeugen ohne Aussagegenehmigung sein und Akten zu spät bereitgestellt werden. Wird es zu kitzlig, reichen zwei Worte, um wesentliche Informationen vorzuenthalten: »Laufende Ermittlungen ...«

Wie perfekt das geht, erleben derzeit Journalisten. Man frage nach einem Mann namens Michael Krause. Zunächst sagten diverse Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden: Kein Problem, schicken Sie die Fragen. Doch dann war der Zeitraum bis zur Antwort ungewöhnlich kurz. »Tut uns leid, der Fall ist dem Generalbundesanwalt zur Prüfung übergeben worden.«

Wer war Michael Krause? Der 53-jährige Mann, geboren in Berlin, sollte am 25. Mai 2008 an der Allee zwischen Bayreuth und Bindlach von zwei Streifenbeamten kontrolliert werden, als er sich an einem Fahrrad zu schaffen machte. Doch er rannte weg, holte eine Walter PPK heraus, feuerte verwundete einen Polizisten, wurde selbst von sechs Kugeln getroffen, verschanzte sich hinter einem Baum - um sich selbst zu richten.

Der Ermittlungsapparat lief an. Im Rucksack des Toten fand man Schwarzpulver, weitere gefüllte Magazine für die Pistole, einen selbst gebauten Schussapparat und 38 handgezeichnete Landkarten. Darauf war - clever verschlüsselt - die Lage von Erddepots bezeichnet. Im Klartext dagegen las man das Inventarverzeichnis: Handgranaten, Sprengstoff, Bomben, Zünder, Schusswaffen ...

Der Lage-Code ließ sich nicht knacken. Durch Zufall erkannte ein mittelfränkischer Streifenpolizist die Gegend, in der er mit seinem Hund spazieren ging. Das erste Depots war gefunden und damit der Schlüssel, um die Lage der anderen zu ermitteln. Sie waren in Nordbayern, in Sachsen und Thüringen angelegt. Auch nach Brandenburg führte die Spur, drei Depots fand man in Österreich. Die Bomben aus verschraubten Rohren, umgebaute zehn Kilogramm schwere »Feuerlöscher« und die Gasflaschen waren mit selbst hergestelltem Explosivstoff gefüllt, voll funktionsfähig und hätten Verheerendes anrichten können. Eine blaulackierte Bombenart aus Krauses Depot ähnelt frappierend der Nagelbombe vom Kölner NSU-Anschlag 2004, die in einem Bekennervideo des NSU gezeigt wird.

Zufall? Möglich. Vielleicht wollte Krause sich ja nur gegen eine Invasion aus dem All wappnen. Oder niemand hatte ihm gesagt, dass »der Russe« nicht mehr kommen wird. Denn ein wenig erinnert Krauses Lagerwesen schon an das des rechtsextremistischen Forstmeisters Heinz Lemke. Der hatte Erddepots für die NATO-Geheimarmee »Gladio« zu verwalten. Ganz offenbar hatte er auch schon mal ein wenig des Inhalts abgezweigt für die Nazi-Wehrsportgruppe Hoffmann. Die (das muss man sagen, weil besagter nun in Sachsen und Thüringen ansässige Hoffmann allzu gerne klagt, wenn Ermittler so schlampig gearbeitet haben, dass man keine gesicherten Erkenntnisse in die Zeitung schreiben kann) mit dem Attentat im September 1980 auf das Oktoberfest nichts zu tun gehabt haben soll. 13 Menschen kamen ums Leben, 211 wurden verletzt, als - das mag Zufall sein - ein mit Schrauben und Nägeln gefüllter Feuerlöscher zur Explosion gebracht wurde. Doch bevor Forstmeister Lemke etwas aussagen konnte, erhängte er sich in der Gefängniszelle. Das war 1981.

Krause schoss sich - so sagte die Polizei 2008 vor der Presse - in den Kopf. Die beiden mutmaßlichen Mörder aus der Zwickauer NSU-Zelle - Mundlos und Böhnhardt - sollen sich ebenfalls entleibt haben.

So enden Spuren. Vor allem dann, wenn man sie nicht verfolgt. Krause hatte bereits einmal Staatsschützern durch laute »Heil Hitler«-Rufe in einer Zulassungsstelle auf sich aufmerksam gemacht. Und Österreichs Polizei, so meldete der Wiener »Kurier«, schloss sich rasch der Ansicht an, Krause sei nur ein Verwirrter. 2006 hatte die Polizei des Nachbarlandes bei Krause allerlei Waffen entdeckt.

Krause war in 20 Jahren 25 mal umgezogen und ab 2005 angeblich obdachlos. Sein letzter Wohnsitz wurde in Plauen entdeckt. Die Entfernung zwischen Plauen und Zwickau, wohin das mutmaßliche zehnfache Mördertrio Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe abgetaucht war, beträgt 40 Kilometer. Das reicht noch nicht für einen Verdacht. Und auch, dass die NSU-Blutspur nicht weiterging, nachdem Krause tot war, ist kein Beleg dafür, dass es eine Verbindung zur »Zwickauer Zelle« gab.

Nachgehen sollte man dem Gedanken schon. So wie man herausfinden muss, wo und wovon der Obdachlose Krause lebte, wer ihm Reisen bezahlte. Woher stammen die Waffen, wer baute derart professionell die Bombenkörper, wer mixte den Sprengstoff? Der gelernte Betonbauer Krause war es wohl nicht, ihm fehlten die nötigen Kenntnisse auf diesen Gebieten und Zugang zu Metallwerkstätten hatte er laut Polizei auch nicht. Statt Antworten zu finden, stufte man Krause als psychopathischen Einzelgänger ein. Heute nennt man das - nach dem Fall des norwegischen Massenmörders - »Modell Breivik«. Der deutsche »Fall Krause« wurde kurz nach dem Täter selbst ebenfalls beerdigt.

Für einen solchen Typen hatte natürlich der Generalbundesanwalt keinen Nerv. Er lehnte eigene Ermittlungen, die möglicherweise zu Krauses Hintermännern geführt hätten, ab. Nachdem nun Journalisten die Arbeit der Ermittler machen, sagen die Karlsruher Strafverfolger: »Die Bundesanwaltschaft prüft derzeit, ob sich aus dem Sachverhalt des eingestellten Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Bayreuth gegen Michael K. Hinweise im Zusammenhang mit dem bei der Bundesanwaltschaft gegen Mitglieder und Unterstützer der sogenannten ›Zwickauer Zelle‹ geführten Ermittlungsverfahren ergeben. Bislang liegen solche allerdings nicht vor. Da die Prüfung jedoch noch andauert, ist eine Beantwortung der von Ihnen gestellten Einzelfragen derzeit nicht möglich.«

Die Thüringer Linksfraktion wird eine parlamentarische Anfrage zum ominösen »Fall Krause« stellen. Ob es eine verwertbare Antwort gibt, ist ungewiss, denn: Über allen Wipfeln ist Ruh'...

Aus dem 1998er Verfassungsschutz-Bericht des Freistaates Sachsen:

»Rechtsterroristische Gruppen sind in der Bundesrepublik Deutschland derzeit nicht bekannt ... Die Mehrzahl der Rechtsextremisten lehnt zur Zeit terroristische Gewalt als Mittel des politischen Kampfes ab. Dennoch ist die Gefahr einer geplanten Gewaltanwendung durch unberechenbare Einzelpersonen oder konspirative Kleinstgruppen aufgrund des vorhandenen Potenzials jederzeit gegeben.« Im Umfeld der 1998 untergetauchten Jenaer Rechtsextremisten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt soll es fünf V-Leute gegeben haben. Verfassungsschützer von Bund und Ländern, der Militärische Abschirmdienst (MAD) und vermutlich auch der Bundesnachrichtendienst (BND) hatten bezahlte Leute in der Neonazi-Vereinigung »Thüringer Heimatschutz«, dem auch die späteren mutmaßlichen Rechtsterroristen angehörten.

Der Wert der Spitzel für den Schutz von Menschen und Rechtsstaat war offenbar gleich Null. Andere logische Schlüsse mag man gar nicht ziehen ... hei

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Rotspoon, 17. Jan 2012 12:55

    Wie es weiter geht?

    Sie handeln nach einem Drehbuch, daß ihresgleichen nach dem Gladio-Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 verfaßt haben.

    • Permalink

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26.05.2012 | Marcus Meier

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