Am kommenden Sonnabend heißt es in Berlin: »Wir haben es satt«. Unter diesem Motto rufen mehr als 90 Organisationen zu einer Demonstration gegen eine immer mächtiger werdende Agrarindustrie auf. »Sie verschärft Hungerkrisen, den Klimawandel und das Höfesterben«, heißt es im Aufruf. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, beginnt doch am Freitag in Berlin mit der »Grünen Woche« die wichtigste internationale Messe der Ernährungswirtschaft. Zudem sorgt der jüngste Antibiotika-Skandal in der Hühnermast für Verunsicherung beim Verbraucher. Laut einer Untersuchung des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) waren antibiotikaresistente Keime in Hähnchenfleisch aus Supermärkten nachgewiesen worden.
Am Montag äußerten sich Vertreter von Bauern- und Umweltverbänden zu den Hintergründen der geplanten Großdemonstration vor dem Kanzleramt, zu der mehr als 10 000 Menschen erwartet werden. Das System sei das Problem, betonte der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder. So könnten die Tiere in diesem System nur überleben, »weil sie mit Antibiotika vollgepumpt werden«. Schröder forderte Bestandsobergrenzen für Ställe und mehr verbindliche Vorgaben für die Tierzucht. So etwa bei »Mast-Puten«, die darauf gezüchtet würden, möglichst viel Brustfleisch zu produzieren. Da die Beine der Tiere dem Gewicht nicht gewachsen seien, würde diese oftmals brechen. Schweizer Untersuchungen haben ergeben, dass achtzig Prozent der Puten unter Verformungen der Beine und schmerzhaften Gelenkentzündungen leiden. Deshalb verabreicht man den Tieren neben Antibiotika auch Schmerzmittel.
Der Tierarzt Rupert Ebner verwies auf einen Artikel der »Frankfurter Allgemeinen«, wonach Veterinäre 80 Prozent ihres Einkommens durch Medikamentenverkäufe erzielten. »Das System funktioniert nur, weil Antibiotika leicht verfügbar sind«, so Ebner, der auch im Vorstand der Konsumentenvereinigung »Slow Food« sitzt. Laut Ebner sollten Fleischpackungen mit dem Warnhinweis versehen werden: »Kann Reste von Antibiotika enthalten.«
Die BUND-Agrarexpertin Reinhild Benning machte sich für ein Ende der Subventionen für die Fleischindustrie stark. Mit einer Milliarde Euro pro Jahr werde die Industrie gesponsort, so Benning. Hinzu kämen 950 Millionen Euro indirekter Zuschüsse für Futtermittelflächen. Mittlerweile würde auf 60 Prozent aller deutschen Felder bereits Tierfutter angebaut, rechnete Benning vor. Außerdem bräuchte es »klare Reduktionsziele« für den Einsatz von Antibiotika. Die Agrarexpertin sprach sich auch für eine Kennzeichnung von Fleisch aus Massentierhaltung aus.
Stig Tanzmann vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) machte auf die internationalen Konsequenzen der Massentierhaltung aufmerksam. So werde das in Deutschland als Futtermittel verwendete gentechnisch veränderte Soja in Südamerika unter Verletzung von Umwelt- und Menschenrechtsstandards produziert. Die subventionierten Dumping-Fleischexporte aus der EU hätten vielerorts in Afrika die dortigen Agrarmärkte zerstört, so Tanzmann. Einig waren sich die Experten am Montag, dass Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) nur an Symptomen ansetze, statt einen grundlegenden Systemwechsel anzusteuern.
»Meine Landwirtschaft - unsere Wahl« wird von derzeit 90 verschiedenen Organisationen und Initiativen getragen, die meisten von ihnen sind Bauern- und Umweltverbände. Die Kampagne macht sich stark für eine Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik. Ein erstes Achtungszeichen setzten die Organisatoren im Januar 2011: Damals beteiligten sich mehr als 22 000 Menschen in der Demonstration »Wir haben es satt«. Der diesjährige Protestzug soll am Sonnabend, den 21. Januar ab 11:30 Uhr vom Berliner Hauptbahnhof zum Bundeskanzleramt führen. fal
Die Zukunft gehört der Agrargenossenscgaft Typ III.
Übrigens: Falls ein junger Ökobauer sich ein Weib nimmt, sollte er die Braut fotografieren. Sonst wird er sie nach 20 Jahren Maloche auf dem Ökohof nicht wieder erkennen.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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