Kunstaktion = Bücherverbrennung der Nazis? Der tschechische Künstler Martin Zet will bei der Biennale Berlin mindestens 60 000 Exemplare des Sarrazin-Buches »Deutschland schafft sich ab« zuerst als Installation ausstellen und anschließend »recyceln«, wie es in der Ankündigung der Aktion heißt.
nd-Redakteur Martin Hatzius über die Kunstaktion
Dieses »recyceln« ist es, das Kritik an der Kunstaktion herausfordert: Bücher vernichten - das erinnere fatal an die Aktionen der Nazis im Jahr 1933, als sie Schriften zu Scheiterhaufen auftürmten.
Doch diesem Vergleich, muss Kritik entgegengebracht werden: dass zwar der Akt einer Büchervernichtung Assoziationen weckt, doch nicht jede Assoziation oder scheinbare Parallele auch zum Vergleich taugt. Weil sich nämlich der weiterführende Gedanke verbietet. So wie die Nazis Bücher aus Bibliotheken rissen und verbrannten, die darin zu Papier gebrachten Geschichten und Gedanken vollkommen auslöschen wollten, ermordeten sie viele der Autoren, steckten sie in Konzentrationslager, machten sie mit Drohungen und Gewalt mundtot, trieben sie in die Emigration. Damals wie heute also? Doch wohl nicht.
Von Thilo Sarrazins »Bestseller« stehen mehr als eine Million Exemplare unangetastet in Bücherregalen, liegen zum Kauf in Buchhandlungen bereit oder warten darauf, übers Internet bestellt zu werden. Er selbst tourt mit seinem Machwerk und Rassismus durch die Bundesrepublik, füllt Hallen mit Zuhörern, die von ihm hören wollen, was sie denken. Mehr als Demonstrationen gegen seine kruden Thesen hat der Autor nicht zu befürchten.
Wenn nun 60 000 Bücher einer Millionenauflage einer Kunstaktion zum Opfer fallen sollen - ist das also vergleichbar mit den Tausenden Opfern unter den Autoren und Autorinnen, den erwischten oder verratenen Lesern und Leserinnen ihrer verbotenen Werke - die aus der Erinnerung an die Bücherverbrennung nicht herauszulösen sind? Wenn sich nun Leute, wie viel am Ende auch immer, dafür entscheiden, ihre »Deutschland-schafft-sich-ab«-Ausgaben einer künstlerischen Abschaffung anheim zu geben (anstatt sie vielleicht in den Müll zu werfen) - dann tun sie dies aus freien Stücken. Niemand schreibt ihnen vor, was als lesenswert gilt und was nicht. Zets Aktion ist ein Angebot. Und wichtiger: Keiner - weder Künstler noch Bücherabgeber - hat die Macht, andere dazu zu zwingen, es ihnen gleich zu tun.
Thilo Sarrazin, hofiert und gelobt von »Bild« bis NPD, ist kein Opfer. Das Gejammer seiner Fans und der vermeintlichen Verteidiger der Meinungsfreiheit, die Gegner des Rassisten und Sozialchauvinisten würden Dinge unterdrücken und zensieren, die man endlich auch einmal aussprechen dürfen muss - es ist lächerlich und verkennt die Machtverhältnisse. Nichts anderes tut er, als unentwegt gegen Migranten und einkommensschwache Menschen zu hetzen. Niemand kann ihn daran hindern. Keine erbosten SPD-Genossen, keine antirassistische Initiative, kein Wissenschaftler, der seine Rassenthesen als völligen Blödsinn entlarvt. Sarrazin im Fernsehen, Sarrazin in Zeitungen, Sarrazin auf Lesereise, Sarrazin im Internet - er und seine Anhänger haben die Hoheit über das, was sie Debatte nennen, und Millionen aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft sind seiner Meinung.
Der Vorwurf, Zet würde mit seiner Aktion Zensur an einer missliebigen Meinung üben und damit Sarrazin-Anhängern Futter für deren Mystifizierung liefern, ist falsch. Der Vergleich mit der Bücherverbrennung hilft Sarrazin und seinen Gefolgsleuten sogar: der Rassist auf einer Stufe mit den Ermordeten und Vertriebenen der Nazis. So wird er maßlos ungerechtfertigt überhöht, die Opfer einmal mehr bodenlos erniedrigt.
In diesem Land sollten keine Bücher verbrannt werden - schon, um den schönen Schein zu wahren
dann Menschen!?
Es ist schon eine Dimension der besonderen Art , wie linke Radikalinskis und Menschenbeglücker sich mit ihnen nicht genehmen Meinungen auseinandersetzen : man schreddert die entsprechenden Druckerzeugnisse.Wenn man schon intellektuell nicht in der Lage ist, den dummen, deutschen Michel zu überzeugen, unsere islamischen Mitbürger zu lieben, dann muss eben eine Schocktherapie her.Andere vor uns haben das ja schon vorgemacht.
Und ja, im ND finden sich dann noch Autoren, die das noch mit einer grossen Nazikeule rechtfertigen.
Einfach zum Ko........
PR
Wurden vor 20 Jahren Millionen Bücher geschreddert, viele auch in Müllverbrennungsanlagen verbrannt. [...] / Anm. d. Red.: Teile des Kommentars gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, nd-Onlineredaktion
Lieber Rotspoon,
politisch korrekt hättest Du schreiben sollen: die Bücher vor zwanzig Jahren wurden umweltgerecht entsorgt.
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