Unser Gehirn lässt sich beeinflussen, keine neue Erkenntnis. Ein bisschen unheimlich klingt es aber schon, wenn man von Nocebo erfährt, dem Zwilling des allseits bekannten Placebo. Wo ein Placebo heilt, weil wir es wollen, obwohl es über keinerlei Wirkstoff verfügt, kann ein Nocebo krank machen, weil wir das wollen, obwohl es keinen Krankheitsauslöser gibt.
Dr. Magnus Heier weiß, wovon er schreibt. Als niedergelassener Neurologe hat er eine Menge Erfahrungen im Umgang mit Krankheit, Heilung und den Erwartungen von Menschen. Als Autor ist er zudem in der Lage, in einem wunderbar klaren Stil auch komplexe medizinische Sachverhalte zu behandeln. Seine Praxisbeispiele lassen einem gelegentlich den Mund offen stehen. Wer hätte schon gedacht, dass diese Geschichte wahr ist: Ein Mensch will aus dem Leben scheiden und nimmt dazu eine erhebliche Überdosis eines Antidepressivums, im Krankenhaus kann er auch intensivmedizinisch nicht stabilisiert werden und ist offenbar dem Tode geweiht. Bis der behandelnde Arzt die Frage nach der Herkunft der Tabletten stellt und herausfindet, dass der Patient diese als Proband einer Studie erhalten hat - nur dass er in der Kontrollgruppe war und sein vermeintliches Medikament nichts enthält. Als der eben noch Sterbende das erfährt, erholt er sich zusehends, ohne weitere ärztliche Interventionen.
Das im Hirzel Verlag erschienene Buch erklärt medizinische Phänomene, menschliche Erwartungen und deren Auswirkungen. Darüber hinaus bietet es eine Menge Denkanstöße.
Manuela Käselau
Magnus Heier: Nocebo: Wer's glaubt wird krank. Wie man trotz Gentests, Beipackzetteln und Röntgenbildern gesund bleibt. S. Hirzel Verlag, 133 S., 17,90 €.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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