Von Karin Leukefeld, Beirut
17.01.2012

Die Syrer wollen Veränderung

Beiruter Historikerin Saadeh warnt vor »komplexer Konfliktlage« in der Region

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat die Lage in Syrien als »unannehmbar« bezeichnet. Er hoffe sehr, dass sich der UN-Sicherheitsrat »ernsthaft und kohärent« mit dem Thema befassen werde, sagte Ban am Montag in Abu Dhabi. In den Nachbarländern Syriens steigt unterdessen die Zahl der Flüchtlinge aus dem Land.

Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR haben sich seit März vergangenen Jahres 5238 syrische Flüchtlinge bei der UN und bei entsprechenden offiziellen Stellen in Nordlibanon registriert. Unter ihnen sind rund 1800 Kinder und Jugendliche im Alter bis 18 Jahre. Genaue Angaben über die Zahl von verletzten Syrern, die in Libanon seit Beginn der Unruhen im März medizinisch behandelt wurden gibt es nicht, die UN schätzt ihre Zahl auf etwa 150.

Die 976 Flüchtlingsfamilien lebten vor allem im Norden Libanons bei Verwandten »unter schwierigen Umständen«, heißt es in einer UNHCR-Erklärung. Weil die Schulsysteme beider Länder sehr unterschiedlich sind, werden die schulpflichtigen Kinder in UNICEF-Schulen unterrichtet. An »sicheren Orten« sollen sie von Fachkräften betreut werden.

Im jetzigen Grenzgebiet Libanon/Syrien leben seit Jahrhunderten Familien und Clans, die erst durch die willkürliche Grenzziehung während der französischen Kolonialzeit nach dem Ende des Osmanischen Reiches 1918 auseinandergerissen worden waren. Die Franzosen teilten die historische Provinz Syrien in sechs Regionen ein: Aleppo, Damaskus, den Berg der Drusen, Alexandrette (Iskenderun), einen Staat der Alewiten und Großlibanon. Alexandrette wurde der Türkei überlassen.

Seit der Unabhängigkeit Syriens 1946 hatte keine syrische Regierung diese Grenzziehung akzeptiert. Erst Präsident Baschar al-Assad nahm 2008 eine »historische Korrektur« vor und erkannte Libanon als selbstständigen Staat an. Diplomatische Beziehungen wurden aufgenommen und einer Klärung des Grenzverlaufs zugestimmt. Doch bis heute ist der Grenzverlauf an mehr als 50 Stellen unklar. Syrische Kinder aus grenznahen Dörfern gehen in Libanon zur Schule, umgekehrt geht oder fährt man aus Libanon nach Syrien, wo vor allem Benzin und andere elementare Versorgungsgüter um ein Vielfaches billiger sind. Aus dem zivilen Grenzverkehr ist heute eine militärische Nachschublinie geworden: Flüchtlinge kommen aus Syrien, während Waffen und Milizen nach Syrien geschmuggelt werden.

»Die Menschen in Syrien wollen Veränderung, Demokratie und Freiheit, doch gleichzeitig sind sie von ihrer Gesellschaft geprägt«, erklärt Sofia Saadeh im Gespräch mit der Autorin in Beirut die »komplexe Konfliktlage«. Die säkularen Oppositionellen seien längst ausgebootet, »in den Grenzgebieten Syriens, in Homs und Idlib, bestimmen konfessionelle Milizen das Geschehen«, erklärt die Professorin für Moderne Geschichte des Mittleren Ostens an der Libanesischen Universität in Beirut.

»Die meisten Soldaten, die derzeit die syrische Armee verlassen, sind Sunniten«, sagt Saadeh. Sunniten seien maßgeblich in den bewaffneten Aufstand verwickelt und erhielten Unterstützung von sunnitischen Geldgebern am Golf. Doch Libanon werde nicht, wie die Türkei, sein Territorium für ein Lager zur Verfügung stellen, in dem desertierte Soldaten der syrischen Armee - und andere Bewaffnete - für den Kampf in Syrien vorbereitet würden, ist sie überzeugt. Unbestätigten Berichten zufolge soll das der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu von Libanon am Wochenende vergeblich gefordert haben.

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