Vor der Insel Giglio an der Westküste Italiens ist das Kreuzfahrtschiff »Costa Concordia« auf einen Felsen aufgelaufen und anschließend auf die Seite gekippt. Mindestens elf Todesopfer hat das Unglück gefordert, knapp ein Dutzend der insgesamt mehr als 4000 Passagiere werden noch vermisst. Man könnte also sagen: Ein schreckliches Unglück, dass für mehr als 99 Prozent der Kreuzfahrer ein gutes Ende nahm. Aus der Distanz betrachtet mag das stimmen, doch das Unglück ereignete sich sozusagen vor laufender Kamera. Über verwackelte Handy-Filme nehmen wir Teil an dem Ereignis. Überlebende erinnern sich: »Es war furchtbar, wie in dem Film ›Titanic‹«, wurde dieser Tage einer der Davongekommenen öffentlich zitiert.
Wir merken uns: Nicht der wahre Schrecken ist der Vergleichsmaßstab, sondern der verfilmte; die Fiktion ist zur zweiten Wirklichkeit geworden. Mit der Fotografie, erst recht mit der Erfindung des Films, verschwand nach und nach die Grenze zwischen realer und vorgestellter Wirklichkeit. Wer war Adolf Hitler? - Bruno Ganz vielleicht? Wie werden sich Menschen in der Zukunft den sozialen Alltag im Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts vorstellen? Mit Bildern im Kopf, die aus TV-Dokus wie »Familien im Brennpunkt« (RTL) stammen möglicherweise? »Scripted reality« heißen diese TV-Formate, in denen das Leben gespielt wird - von Laiendarstellern, nicht von professionellen Schauspielern. Auf ähnliche Art und Weise versuchen die TV-Sender dem Zuschauer Geschichte zu vermitteln. Der Niedergang des römischen Weltreichs etwa - eine nach Drehbuch inszenierte Handlung.
Wer aber kennt noch den Unterschied zwischen der Realität nach Drehbuch und der ohne Drehbuch? Eine Umfrage unter Zuschauern unter 18 Jahren ergab jüngst, dass knapp die Hälfte der Meinung ist, in »Familien im Brennpunkt« würden echte Geschichten nachgespielt. Rund ein Drittel war gar der Meinung, die Kameras würden tatsächliche Ereignisse dokumentieren. Nur 22 Prozent wussten, dass es sich um eine Inszenierung handelt. Die Pseudo-Dokumentation ist ein Quotenhit - bis zu 35 Prozent der Zuschauer schalten regelmäßig ein und verfolgen die Geschichten über eifersüchtige Ehefrauen, Patientinnen, die sich in ihren »megaattraktiven Hausarzt« verlieben und damit dessen Familie zerstören oder Geschichten darüber, wie eine »Sexy Hauptschülerin« von »einem Gymnasiasten ausgenutzt« wird.
Wo solcherart soziale Realität ins Fiktionale verdreht wird, wundert es nicht, dass das Fiktionale von einer - es ist zu vermuten - wachsenden Zahl von Menschen als Wirklichkeit begriffen wird. Nicht unschuldig an dieser Entwicklung sind filmische Werke wie der von James Cameron 1997 gedrehte Film »Titanic«. Im Bemühen, die Wirklichkeit so detailgetreu wie möglich abzubilden, wurde mit Hilfe der Computertechnik eine Arte Titanic 2.0 geschaffen. Die Bildermacht ist wichtiger als die Sprachgewalt.
Das aber ist auch ein Vorteil. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte lassen sich Erinnerung, Gesellschaft, soziales Leben in Bildern konservieren; wir sind nicht mehr wie unsere Vorfahren auf die mündliche oder schriftliche Überlieferung angewiesen. Nicht erst in unserem Kopf entstehen die Bilder, sie sind schon da, werden von Millionen von Nervenzellen in Emotionen umgesetzt, dann wiederum abgespeichert als Abbild von Wirklichkeit. In einer globalisierten Welt ist das von Vorteil. Das Bild des Kapitäns auf der Kommandobrücke der »Titanic« - es stammt aus dem Spielfilm, nicht aus Gehörtem, Erzähltem. »Es war furchtbar, wie im Film ›Titanic‹«: Dieser Satz wird überall auf der Welt verstanden. Ein Abbild kulturellen Allgemeinwissens wie einst die Höhlenbilder der Steinzeit.
Darin aber liegt auch der Nachteil des Imaginären: Bilder sind trügerischer, können den Blick auf das, was hinter dem Anschein des Gegenstandes liegt, verstellen. Blinde können durch Zuhören die Gefühlszustände ihres Gegenüber besser erkennen als Gehörlose dies anhand der Mimik des anderen können. Schwankungen der Sprachfrequenz als Spiegel der Seele. Was wir sehen, ist nicht das, was es ist. Will man das Wesen eines Menschen ergründen, muss man schon zu einem Trick greifen, um sich selbst nicht täuschen zu lassen: Friedrich II z.B. sich im Körper von Anna und Katharina Thalbach vorstellen (»Friedrich - ein deutscher König«, vorgestern Abend in der ARD).
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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