Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Suchen auf neues-deutschland.de:

Erweiterte Suche

Von Kurt Stenger 18.01.2012 / Ausland

Demokratisierung der Kreuzfahrt

Weltmarktführer Carnival setzt auf das Prinzip Kostensenkung auf den Meeren

Nach dem Unfall des Kreuzfahrtschiffes »Costa Concordia« vor der italienischen Insel Giglio sind weitere Tote gefunden worden. Das Unternehmen Costa Cruciere schiebt alle Schuld auf den Kapitän, der offensichtlich fahrlässig handelte. Allerdings haben sich Kreuzfahrten zu einem Massengeschäft entwickelt. Die Anbieter haben dabei an der Kostenschraube gedreht. Der Sicherheit an Bord tat das nicht gut.

Früher waren Kreuzfahrten ein Luxusangebot für die Schönen und Reichen - oder besser gesagt für schön reiche Senioren. Ausgerechnet die Terroranschläge in den USA im Jahr 2001 sorgten für ein Umsteuern in der Branche. Damals brachen nicht nur die Fluggastzahlen massiv ein, sondern auch die der Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen. Erst massive Preissenkungen und Angebote für ein jüngeres Publikum sorgten für neues Wachstum.

Mit der Zeit wurden Kreuzfahrten so auch für die Mittelschicht interessant und bezahlbar, was sich in stark steigenden Passierzahlen niederschlug. Im Jahr 2010 machten schon fünf Millionen Europäer eine Kreuzfahrt, darunter allein 1,6 Millionen aus Deutschland. Dabei boomten nicht so sehr die einfachen Flussfahrten, sondern teurere Hochseekreuzfahrten. 1,2 Millionen Gäste bedeuteten ein sattes Plus von fast 20 Prozent gegenüber 2009 und eine Versechsfachung gegenüber dem Jahr 2000. Unter Deutschen am beliebtesten ist das westliche Mittelmeer, Italien steht sogar weltweit ganz oben.

Marktführer hierzulande ist die in Rostock ansässige Aida Cruises, die derzeit acht Schiffe über die Weltmeere kreuzen lässt. Vier weitere warten auf ihre Fertigstellung. Aida wiederum gehört zum europäischen Marktführer Costa Crociere aus Italien - der Eigner der vor der Insel Giglio verunglückten »Costa Concordia« wiederum ist eine von zwölf Tochtergesellschaften des weltgrößten Anbieters Carnival Corporation. Die US-Firma, die im April des vergangenen Jahres ihr 100. Schiff in Betrieb nahm, hat ihre Hauptverwaltung in der Kreuzfahrerhochburg Miami (Bundesstaat Florida), jedoch ihren Sitz ins Steuerparadies Panama verlegt.

Letzteres weist bereits darauf hin, dass Kostenreduzierung eines der Erfolgsgeheimnisse von Carnival ist, die im Geschäftsjahr 2011 (bis Ende November) einen satten Gewinn von netto 1,9 Milliarden Dollar bei einem Gesamtumsatz von 15,8 Milliarden einfuhr. Die Demokratisierung des Kreuzfahrturlaubs führte zu stark sinkenden Gewinnmargen pro Passagier. Heute macht es die Masse. Neue Schiffe können immer mehr Passagiere befördern, was am kostengünstigsten ist. An Bord der »Costa Concordia« waren 3200 Passagiere (plus 1000 Besatzungsmitglieder), die neue Generation kann 6000 Passagiere und 1800 Crew-Mitglieder befördern. Dies alles macht Evakuierungen extrem schwierig, zumal das Gros der Beschäftigten, gering entlohntes Servicepersonal, nur eine minimale Ausbildung für einen solchen Fall hat, wie Andrew Linington von der Gewerkschaft Nautilus International im britischen »Guardian« erklärte.

Der Boom der Kreuzfahrtbranche zog einen wahren Bestellboom nach sich - seit 2000 steckte allein Costa 5,5 Milliarden Euro in den Neubau. Dies kam für die durch die asiatische Billigkonkurrenz schwer gebeutelte zivile Schifffahrtsindustrie in Europa gerade zur rechten Zeit. Die technisch anspruchsvollen schwimmenden Hotels können nur von spezialisierten Werften gebaut werden. Aida etwa sorgte auf der Meyer Werft in Papenburg (Niedersachsen) für jahrelang gut ausgelastete Kapazitäten. Umso mehr Ärger halste sich das Reiseunternehmen im vergangenen Jahr auf, als man zwei neue Schiffe zum Dumpingpreis bei Mitsubishi in Japan bestellte.

Die dank laufenden Bestellungen in den nächsten Jahren weiter stark wachsende Kreuzfahrtflotte muss aus Sicht der Anbieter ausgelastet sein. Und hier liegt für sie die eigentliche Gefahr in dem Unglück vor Giglio. Die unmittelbaren Kosten - 30 Millionen Dollar Selbstbehalt für die fällig werdende Schiffsversicherung plus rund 60 Millionen für wegfallende Einnahmen durch das Unglücksschiff - sind für Costa Crociere/Carnival verkraftbar. Aber wenn sich nun der Eindruck festsetzt, dass Kreuzfahrtreisen nicht sicher sind, bekämen die Anbieter ein echtes Problem.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

4 Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
  • vlun, 18. Jan 2012 20:05

    Wem nun gar nichts anderes einfällt

    als sich in den einschlägigen Touristenhochburgen von der Sonne rösten zu lassen und/oder in Feriensiedlungen von Animateuren per Massenabfertigung die Zeit zwischen den reichlichen Mahlzeiten vertreiben zu lassen schreckt erfahrungsgemäß vor nichts zurück. Diese Spezies lässt sich auch den herrlichen und so preiswerten Rundum-Versorgt-Urlaub gemeinsam mit zwei- oder dreitausend Mitpatienten in der Mega-Ölsardinenbüchse um keinen Preis vergällen. Dass gelegentlich eine durchgeknallte Kommandobrückencrew solch ein Schiffchen schrotet, ist aus der Sicht der Betreiber sicher zu verkraften, man hats ja. Das individuelle Leid der Betroffenen und der Familien, die im Hintergrund stehen, interessieren nach spätestens vierzehn Tagen in unserer Medienlandschaft ohnehin niemanden mehr.

    • Permalink

  • Insideman, 18. Jan 2012 18:05

    tja da liegt das schifflein

    da liegt nun das schifflein auf der seite und bringt kein geld.und warum?weil die geldgeilen eigner den kahn unter schlechter flagge fahren lassen und die sicherheit weit hinten rangiert.tja so ist das nun mal in der gewollten marktwirtschaft.auf teufel komm raus,da isser der teufel.grins.und wer bleibt auf der strecke?das allg. dumme volk.das war immer so,das ist heute so und wenn das volk nicht ganz so dumm ist braucht es nicht immer so zu bleiben.

    • Permalink

  • ShowCo, 18. Jan 2012 04:08

    agitprop lässt grüssen...

    ...tschuldigung, aber ich muss mal widersprechen - NICHT was die Demokratisierung des Kreuzfahrtmarktes angeht, NICHT was die Billigpreise angeht - aber doch was die Sicherheitsausbildung der Besatzung betrifft.

    Jedes noch so minimal bezahlte Besatzungsmitglied (gerade auch bei den Phillipinos, die eine "Weltmacht" unter den beschäftigten Kreuzfahrern darstellen) kommt nicht ohne entsprechende Zertifikate an Bord!

    Bei uns in Deutschland werden Sicherheitskurse unter anderem in Rostock durchgeführt, zudem gibt es an Bord von Schiff zu Schiff verschiedene und mehr oder weniger intensive, aber doch regelmäßige und praxisorientierte Übungen: die "Crewdrills", die meist sogar ein mal pro Reise durchgeführt werden. Zudem gibts international vorgeschriebene Standards, um die die Kreuzfahrtbranche nicht herumkommt.

    Zu schlussfolgern, die niedrigeren Preise für Kreuzfahrten würden sich auf die Sicherheit an Bord auswirken, ist schlicht falsch.

    • Permalink

  • Rotspoon, 17. Jan 2012 22:36

    Carnival - Fleisch fahr wohl

    Na dann, Leinen los

    • Permalink

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Hauptstadtflughafen BER

Seit Monaten hieß es am neuen Berliner Flughafen intern: Es gibt Probleme, aber wir schaffen das. Nach der Verschiebung steht der Flughafen-Start jetzt in den Sternen. Rund um den neuen Flughafen Berlin Brandenburg häufen sich die Probleme - die wieder einmal geplatzte Eröffnung ist nicht das einzige.

Alle Dossiers

Facebook
Twitter

Zum Shop

Vernetzung

»nd in der Schule«

Medienkompetenz und politische Bildung
nd-Probeabo

Jetzt »nd« testen

Hier Ihre kostenlose Leseprobe bestellen.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.