Drei Kinder hatten sie versehentlich zum Leben erweckt, die Gespenster Hexe, Riese und Rumpelstilzchen. Die Figuren verließen die Gespensterbahn des Kulturparkes Berlin und flogen auf einem Staubsauger zum Hexentanzplatz im Harz. »Spuk unterm Riesenrad« hieß die DDR-Fernsehserie für Kinder über die Jagd der Kinder und eines skurrilen Polizisten nach den Ausreißern.
Heute spukt es wieder unterm Riesenrad. Seit sich Norbert Witte, der vielen Berlinern als Betreiber des Parkes galt, vor zehn Jahren - am 18. Januar 2002 - mit Familie und sechs Fahrgeschäften nach Peru abgesetzt hatte, ist das Gelände in Berlin-Treptow verwaist. Das 45 Meter hohe Riesenrad, im Entstehungsjahr 1969 das zweithöchste in Europa, dreht sich noch, wenn der Wind es will, und knarrt dabei wie in einem Horrorfilm. Daneben stehen Bretterbuden, eine verwunschen wirkende Märchenbrücke zwischen Gestrüpp und der Eingang zur nicht mehr vorhandenen Achterbahn. Die meisten Fahrgeschäfte sind abgebaut. In den letzten Jahren dienten die Ruinen als Filmkulisse. Letzten Sommer hauchte das Theater »Hebbel am Ufer« dem Park für wenige Tage Leben ein. 20 000 Besucher kamen, um Kindheitserinnerungen aufzufrischen.
Jeden Sonntag führt der 23-jährige Christopher Flade Besucher durch die Ruinen im Wald. Flade erzählt Geschichten aus dem früheren Kulturpark und dem späteren Spreepark. 1969 baute die DDR im Plänterwald ihren einzigen ständigen Rummelplatz. Er zog jährlich bis zu 1,7 Millionen Besucher an. Das waren längst nicht nur Berliner. Für viele Sachsen und Thüringer gehörten auf ihrem Sommertrip Richtung Ostsee ein paar Runden Riesenrad oder Achterbahn in Berlin zum Urlaubsauftakt. Schon der Fußmarsch durch den Wald in den damaligen Kulturpark, weiß Flade, blieb vielen Besuchern unvergesslich: Gab es doch unterwegs allerlei Verkaufsstände mit Sachen aus dem Westen.
Nach der Wende konnte der Spreepark die Erfolgsgeschichte nicht fortsetzen. Da war auf der einen Seite die Konkurrenz vieler modernerer Freizeitparks, auf der anderen Seite das Missmanagement der Spreepark-GmbH rund um Norbert Witte. Die Besucherzahlen schrumpften auf 400 000. Der Park häufte Schulden an.
Als der Hamburger Norbert Witte im Wendejahr 1990 seine Wohnwagen im Spreepark aufstellte, galt er als Retter aus der Not. Der Park sollte privatisiert werden und Witte spielte die Rolle des Investors so überzeugend, dass er 1992 unter sieben Anbietern den Zuschlag bekam. Genauer gesagt: Die Spreepark-GmbH bekam den Zuschlag. Und die gehörte nicht ihm, sondern zum großen Teil seiner Frau. Das Konzept war ambitioniert: ein ökologischer Vorzeigepark, der sich harmonisch in das Landschaftsschutzgebiet im Plänterwald integriert. Die Gäste sollten mit Gondeln über die Spree anreisen - so sollte die Natur zu ihrem Recht kommen.
Doch eigentlich war nicht Norbert Witte der Spreepark-Retter, sondern der Spreepark war seine Rettung. Der Hamburger hatte 1981 das größte Rummelplatzunglück in der deutschen Nachkriegsgeschichte verursacht. Sieben Menschen starben in der Hansestadt, als er ein defektes Teil an seinem Fahrgeschäft ausbauen wollte. Dabei stürzte sein Kran, der weder zugelassen noch versichert war, ins benachbarte Fahrgeschäft. Witte konnte den Schaden nicht regulieren. Die Folgen: Untersuchungshaft, Bewährungsstrafe wegen fahrlässiger Tötung, ein Offenbarungseid. Bis zur Wende fand Witte nur schwer Stellplätze auf deutschen Rummelplätzen.
Wegen des Offenbarungseides konnte Witte nicht persönlich Inhaber oder Geschäftsführer der Spreepark-GmbH sein. Der Treptower Baustadtrat Dieter Schmitz (SPD), der in der Regel mit Witte über den Spreepark verhandelt hatte, erfuhr davon erst bei einer Gerichtsverhandlung. Es ging um illegale Baumfällungen im Landschaftsschutzgebiet. »Dort zeigte sich«, erzählte Schmitz der Presse, »dass Witte nur ein kleiner Angestellter im Unternehmen seiner Frau war, mit einem so kleinen Gehalt, dass dem Richter fast die Tränen kamen.«
Das Öko-Konzept geriet in Vergessenheit. Witte klagte überall über fehlende Parkplätze, die er im Landschaftsschutzgebiet nicht einrichten durfte: seine Erklärung für den Besucherrückgang. Es war die Zeit der Großen Koalition in Berlin und Witte war Mitglied der CDU. Angestellte des Spreeparkes sollen im Wahlkampf eingesetzt worden sein. Im Jahre 2003 gestand die Treptower CDU ein, dass rund 100 der von Witte und seinen Angehörigen geworbenen CDU-Mitglieder Karteileichen waren. Die Spreepark-GmbH wiederum war Großspender der CDU.
Berlin vertraute der Spreepark-GmbH anfangs grenzenlos und erlaubte ihr 1997, das landeseigene Grundstück mit 20 Millionen Mark plus Zinsen und Nebenkosten zu beleihen. Später wurde die Bürgschaft sogar nochl aufgestockt. Es schien niemandem aufzufallen, dass der Verkehrswert des Grundstückes viel geringer war. Die Spreepark-GmbH blieb den Erbbauzins schuldig.
Den erstaunlichsten Spuk unterm Riesenrad schrieb kein Drehbuchautor, sondern das Leben: Norbert Witte setzte sich am 18. Januar 2002 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Peru ab. In seinem Gefolge: seine Frau, seine Kinder und sechs Fahrgeschäfte. Niemand will bemerkt haben, dass Witte über Wochen diese Fahrgeschäfte abbauen und verladen ließ. Witte nennt den Peru-Coup übrigens nicht Flucht: Er habe »in einem anderen Land investiert. Ich träumte von einem Freizeitpark am Meer.«
Berlin kam dieser Coup teuer zu stehen. Die Spreepark-GmbH ließ rund 15 Millionen Euro Schulden zurück. Weitere kamen hinzu: für die Entsorgung alter Giftfässer aus dem Park, für Wachschutz, für ausgefallenen Erbbauzins. Alle Versuch, das Grundstück zu verkaufen, scheiterten an diesen Schulden, die offenbar kein Investor übernehmen will.
Wittes neuer Park in Peru erwies sich als Flop. Ende 2003 wurde er verhaftet. Er hatte versucht, ein mit 167 Kilogramm Kokain beladenes Fahrgeschäft nach Deutschland zu transportieren. Das Landgericht Berlin verurteilte ihn zu einer siebenjährigen Haftstrafe. Inzwischen wohnt er wieder im Spreepark, in einem Wohnwagen zwischen Bäumen und Ruinen. Während er das Glück hatte, vor einem deutschen Gericht zu stehen, wurde sein Sohn Marcel von einem peruanischen Gericht wegen seiner Beteiligung am Drogenschmuggel zu 20 Jahren Haft verurteilt.
An den Wochenenden, wenn Christopher Flade Besucher durch den Ruinenpark führt, verkaufen die Witte-Töchter Bratwurst und Glühwein. Die Parkbahn dreht sich wieder. Die betreibt Norbert Wittes Ex-Ehefrau Pia, die als Inhaberin der Spreepark-GmbH das Grundstück zurückbekam, seit das Insolvenzverfahren mangels Masse eingestellt wurde. Ihr Verwalter Gerd Emge hat Pläne für den Park. Im September soll dort ein Horrorfestival stattfinden. Die gespenstische Kulisse bietet sich an.
Verhindern kann dies allerdings das Amtsgericht Köpenick. Sollte es bis dahin den Spreepark zwangsversteigert haben, würde Pia Witte die Verfügungsgewalt verlieren. Der Liegenschaftsfonds des Landes hofft, dass der Park dann wieder eine Zukunft hat. Das hoffen auch Abgeordnete von Grünen und LINKEN. Harald Moritz von den Grünen verweist darauf, dass alle Pläne von Großinvestoren in den letzten Jahren gescheitert sind. »Das Landschaftsschutzgebiet Plänterwald eignet sich dazu nicht. Hier soll entweder ein kleiner familienorientierter Freizeitpark hin oder das Grundstück muss endlich renaturiert werden.« Jutta Matuschek von der Linkspartei lehnt eine Renaturierung ab. »Die große Resonanz auf das Hebbel-Festival hat doch gezeigt, dass die Leute einen kleinen Park mit kindgerechten Angeboten wollen.« Doch dazu müsse die Deutsche Bank endlich über ihren Schatten springen, die Schulden abschreiben und so den Weg für die Zwangsversteigerung frei machen. Damit das Spuken unterm Riesenrad wieder Spaß macht.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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