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Von Niels Astrup 19.01.2012 / Wirtschaft

»Als ob die Titanic nie verunglückt wäre«

Experten üben scharfe Kritik an zu laschen Sicherheitsvorschriften für Passagierschiffe in Europa

Nach jeder Katastrophe auf europäischen Passagierschiffen hat die Politik versprochen, für mehr Sicherheit zu sorgen. Doch passiert ist bislang wenig.
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April 1990: Die brennende »Scandinavian Star« im Hafen von Lysekil am Tag nach der Katastrophe

Ein Kapitän, der sich als erster selbst rettet. Passagiere, die nach unten in den Bug eines sinkenden Schiffes geschickt werden. Dunkle Gänge, wo sie ihre Orientierung verlieren. Seeleute, die nicht die Sprache der Passagiere sprechen und selbst in Panik geraten. Die Augenzeugenberichte vom havarierten Kreuzfahrtschiff »Costa Concordia« sind für Mike Axdal aus der dänischen Hafenstadt Korsor ein Déjà-vu. In der Nacht zum 7. April 1990 war der damals 27-Jährige an Bord der Auto- und Passagierfähre »M/S Scandinavian Star«, die zwischen Oslo und Frederikshavn in Nordjütland unterwegs war, als an mehreren Stellen Feuer ausbrach. Die Besatzung hatte keine Brandschutzübungen absolviert, sprach weder Norwegisch noch Dänisch. Die Wandverkleidungen waren aus hoch entzündlichem Material. Das Schiff sank, die Katastrophe kostete 158 Menschen das Leben.

Unter den Toten waren ein Bruder und der Vater von Mike Axdal. Er engagierte sich stark in einem Verein von Angehörigen der Opfer und schrieb später Bücher über Sicherheit im Seeverkehr. Für ihn gibt es keinen Zweifel: »Wenn wir jetzt von einem Chaos hören wie seinerzeit auf der ›Scandinavian Star‹, liegt dies daran, dass die Behörden nicht in der Lage sind, die großen Schiffe zu kontrollieren. In ganz Europa werden die Vorschriften über die Sicherheit im Seeverkehr von den maritimen Behörden ignoriert«, sagt Axdal gegenüber »nd« und gibt ein Beispiel: Eigentlich müsste es überall im Schiff Rettungsstationen geben, doch, wie Augenzeugen berichteten, wurden Passagiere der »Costa Concordia« in ihre Kabinen geschickt, um Schwimmwesten zu holen. »Dies ist empörend und eine Verletzung aller Leitlinien«, sagt Axdal erschüttert. Den Mangel an Sicherheit begründet er mit der »enormen wirtschaftlichen Macht« der Reedereien. Nötig sei eine wirklich unabhängige Kontrolle der großen Passagierschiffe: »Solange wir keine sehr strenge Aufsicht eingeführt haben, wird sich nichts ändern.«

In einem Büro in Kopenhagen wird der Ton noch rauer. Als Koordinator der Seefahrtsabteilung der größten dänischen Gewerkschaft, 3F, hat Henrik Berlau über 20 Jahre Erfahrungen mit der Sicherheit im Seeverkehr gesammelt. »Was erwarten die Leute? Passagiere zahlen 1200 Euro für eine 14-tägige Kreuzfahrt und lassen sich von einer Besatzung bedienen, die maximal 1000 Euro im Monat bekommt«, schimpft der Gewerkschafter. »Bei manchen Reedereien leben die Mitarbeiter vom Trinkgeld. Und man erwartet, dass sich diese wie Helden benehmen und für die Fahrgäste opfern.«

Auch bei den Sozialstandards in der maritimen Welt sind die Vorschriften zu lasch. Die EU-Kommission akzeptiert eine Arbeitszeit von 94 Stunden pro Woche. Im Moment behandelt Brüssel einen Vorschlag, die Arbeitszeit auf 91 Stunden zu begrenzen. Berlau erinnert an ein britisches Gesetz aus dem Jahre 1913, laut dem die Pferde in den Minen nicht mehr länger als 7½ Stunden pro Tag eingesetzt werden durften. »100 Jahre später müssen Seeleute doppelt so lange arbeiten.«

Auch der Gewerkschafter kritisiert, dass in einigen europäischen Ländern die Reeder zu mächtig seien. Wenn sich ein Unfall wie bei der »Scandinavian Star« ereigne, reagieren die Politiker mit einer Verschärfung der Gesetze. Doch wenn etwas Zeit vergangen ist, tun die Reeder alles, dass diese Verschärfungen »kastriert« werden.

»Es ist, als ob die Titanic niemals verunglückt wäre«, sagt Søren Søndergaard, Europaabgeordneter und Mitglied der Fraktion Vereinte Europäische Linke/Nordische Grüne Linke (GUE/NGL), mit Blick auf die Berichte von der »Costa Concordia«. Der gelernte Schiffbauer befasst sich ebenfalls seit Langem mit Schiffsunglücken. Vergeblich versuchte er, seinerzeit im dänischen Parlament eine unabhängige Untersuchungskommission zur »Scandinavian Star« durchzusetzen. Nach dem Untergang der »Estonia« im Jahr 1994 mit 852 Todesopfern engagierte sich der Linkspolitiker dafür, die Sicherheit auf Fähren, die europäische Häfen anlaufen, zu verbessern. »Ich hätte nie im Leben geglaubt, dass ich Berichte wie vor 20 Jahren wieder lesen müsste«, sagt Søndergaard. Er erinnert sich noch gut daran, wie die nationalen Behörden und die EU nach diesen Katastrophen versprachen, alles zu tun, damit sich so etwas nie wiederhole. »Es ist ganz offensichtlich, dass die Versprechungen nicht eingehalten wurden«, sagt er und verspricht, seine Fraktion werde mehr Druck ausüben, die Sicherheit der Passagiere auf europäischen Schiffen zu verbessern.

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