Ist es ein Gemälde? Eine Installation? Eine moderne Plastik? Nichts von alldem, es ist eine schlichte Zimmerwand. Die allerdings wurde vom amerikanisch-japanischen Fotografen Ishimoto Yasuhiro so kunstvoll und abstrakt in Szene gesetzt, dass sich die Abbildung vom Objekt emanzipiert. Das Bauhaus-Archiv präsentiert bis 12. März wegweisende Aufnahmen Ishimotos, auf denen er in den 50er und 80er Jahren die kaiserliche Villa Katsura bei Kyoto Winkel für Winkel geradezu kartographiert hat. Pünktlich zur Ausstellung hat der Künstler dem Archiv 55 wichtige Werke aus jener Reihe geschenkt.
Es ist ein Fest der Grautöne, der Kontraste und der Tiefenschärfe. Denn der 91-jährige Ishimoto hat bei der Arbeit auf repräsentative Aspekte vollkommen verzichtet. Ein Haus ist fast nie zu sehen, aber dennoch zu erkennen. Statt konkreten Inhalten teilen Linien und Flächen die Bilder auf. Fast alle sind sie im Rechteck-Raster mit der Großformat-Kamera aufgenommen. Detailversessen, durchkomponiert, extrem strukturiert. Christian Wolsdorff, der die Ausstellung für das Bauhaus-Archiv »adaptiert« hat, spricht von »komplizierten Fotos«, die aber nie rätselhaft oder willkürlich erscheinen würden.
Der Weltruhm sowohl der Villa Katsura als auch von Ishimoto, den das Projekt schlagartig bekannt machte, ist zunächst nicht so leicht nachzuvollziehen. So wurde die Villa vor den Fotosessions (im Gegensatz zu heute) nicht als besonders bedeutend eingeschätzt. Während es in Kyoto etliche Stätten des Weltkulturerbes gibt, zählt Katsura nicht dazu. Auch hatte Ishimoto vor 1955 noch gar keine Architektur fotografiert. Hier befruchteten sich, befeuert durch den Zufall, zwei Komponenten gegenseitig - und profitierten beide kräftig.
Dem us-amerikanisch sozialisierten Ishimoto kam es bei der Arbeit nicht darauf an, japanische Authentizität zu preisen. Im Gegenteil, wollte er sowohl den Japanern als auch »dem Westen« zeigen, wie modern asiatische Architektur erscheinen kann, wenn man sie »richtig« fotografiert. Der Wanderer zwischen den Kulturen entschied sich dabei für einen dezidiert »westlichen« Blick auf das schlichte wie fragile bauliche Kunstwerk aus Holz und Stoff. Dass allerdings eine »japanische Sachlichkeit« die westliche Moderne und damit auch die Bauhaus-Künstler stark geprägt hat, wird mittlerweile meist verneint.
Ishimoto hat mit diesen Arbeiten Standards gesetzt. Die Vermeidung von Totalen, die extrem sachlichen Kompositionen, das Spiel mit Schwarz und Weiß, die radikalen Ausschnitte, die alles, was nicht absolut essenziell ist, gnadenlos aussparen - das verleiht seinem Oeuvre und vor allem den kargen Katsura-Reihen etwas Zeitloses und Bleibendes.
Der Künstler - in den 50er Jahren Schüler von Harry Callahan und Aaron Siskind am New Bauhaus in Chicago und mittlerweile hoch geachtete »Person of Cultural Merit« in Japan - hat nie über seine Werke geschrieben oder Interviews gegeben. Gab es neues Fotopapier auf dem Markt, zog er sofort alle seine Werke neu darauf ab. Leider aber schwört er auf kleine Formate: sind sie ihm zu groß, signiert er sie nicht. Das ist schade, denn Sujets und Qualität schreien geradezu nach großen Dimensionen.
Bis 12. März, Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstraße 14, Tel.: (030) 254 00 20
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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