Gleißend strahlt die Sonne auf die Eisschnelllaufbahn von Innsbruck. Ein Schuss ertönt, der Startschuss, und zwei Mädchen in engen Laufanzügen und Klappschlittschuhen rennen los. Etwa 1000 Zuschauer füllen die Tribünen nur zur Hälfte. Es ist seltsam leise für eine Sportveranstaltung. Zweiter Lauf, 500 Meter Sprint, Entscheidung bei den Frauen. Oder soll man Mädchen sagen? 15 bis 18 Jahre alt sind die Starter bei den 1. Olympischen Jugend-Winterspielen, eine Idee, die IOC-Präsident Jacques Rogge durchgesetzt hat.
Die jungen Damen auf dem Eis, eine aus Italien, eine aus Polen, geben alles. Kaja Ziomek aus Lubin führt schnell, doch auf der Zielgeraden passiert es: Sie stürzt. Auf dem Rücken schlittert sie die letzten 15 Meter ins Ziel. Was für ein Pech. Bereits im ersten Lauf ist ihr dieses Missgeschick passiert. Doch als sie über die Ziellinie rutscht, lacht sie. Und die Zuschauer feiern sie wie eine Siegerin. Erst im Auslauf liest ihr die Trainerin die Leviten. So verlässt die 14-Jährige das Eisoval zwar mit rotgeweinten Augen, aber trotzig. »Ich bin dennoch glücklich«, sagt Kaja Ziomek und schluckt. »Ich war das erste Mal bei Olympia.«
Zwei Sätze, wie sie sich die Organisatoren der Spiele wünschen. Schließlich lautet das Innsbrucker Motto »Teil sein ist alles!«. Nachdem die Sommerpremiere der Jugendspiele in Singapur 2010 mehr als 220 Millionen Dollar (172 Millionen Euro) gekostet hat, will Innsbruck (Etat: 23,7 Millionen Euro) den Weg für künftige Jugendspiele aufzeigen: einfacher, bescheidener, unperfekt - alles eine Nummer kleiner. Das hier ist Mini-Olympia, auch wenn die österreichischen Zeitungen vom dritten Olympia in Innsbruck schwärmen, und in ihrer Begeisterung sogar von Olympiasiegern schreiben, das Bestimmungswort »Jugend« wird kurzerhand unter den Tisch fallen gelassen.
Auf der Tribüne im Eisstadion steht Patrick McQuaid und schaut ganz entspannt zu. Der Ire ist der Präsident des Weltradsportverbandes und zugleich Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. IOC-Mitglieder trifft man an den Innsbrucker Wettkampfstätten zuhauf, an ihren weinroten Anoraks sind sie gut zu erkennen. Manchmal reisen sie sogar mit dem Shuttlebus, der ansonsten vor allem die 1059 Athleten, 1000 Journalisten und 1200 Freiwilligen zu den Wettkampfstätten in und um Innsbruck kutschiert.
Die meisten IOC-Mitglieder bleiben die gesamten zehn Wettkampftage, so auch McQuaid. Er finde die Jugendspiele grandios, sagt er. Und die Athleten seien keineswegs zu jung, wie mancher Kritiker zuvor anmerkte. »Als ich ein Nachwuchsradfahrer war, wollte ich auch immer auf höchstem Level fahren.« Probleme sieht er nur bei den Medaillengewinnern aufziehen: »Die müssen aufpassen, dass sie nicht denken, sie hätten bereits alles geschafft. Denn dann geht's erst richtig los.«
Auf dem Eis werden mittlerweile die Sieger des Männerrennens geehrt. An Liu, ein junger Chinese hat gewonnen. Er danke seinem Trainer und seinem Land, sagt er den Reportern seines Heimatsenders CCTV, sein Sieg habe er hartem Training zu verdanken. Dann zieht ihn ein junger Mann in gelber Weste weiter: ein Doping-Chaperon, der die Medaillengewinner bis zur Abgabe der Dopingprobe nicht aus den Augen lassen darf. Wie bei den »traditionellen Spielen« - so lautet die offizielle Sprachregelung - gehört auch zu Jugendolympia die Dopingprobe. Schließlich werden auch im Nachwuchssport ab und an Athleten beim Einsatz unerlaubter Mittel erwischt. Nach einer Studie von 2009 schummeln allein in Deutschland etwa sieben Prozent der Nachwuchssportler, wohl auch, weil bei den Jugendlichen nicht regelmäßig kontrolliert wird.
Nicht nur darin gleichen die Spiele zwischen Patscherkofel und Nordkette ihrem großen Vorbild. Auch in Innsbruck wohnen die Athleten in einem eigenen Dorf, 13 Wohnhäuser wurden dafür am Sillufer errichtet, während der Spiele sind die umliegenden Straßen aus Sicherheitsgründen abgesperrt. Nach den Spielen sollen hier Innsbrucker zu günstigen Preisen wohnen.
»Das Olympische Dorf ist wunderbar«, schwärmt die Eisschnellläuferin Enkh-Ariun Altantulga aus Ulan-Bator, die gemeinsam mit einem Skilangläufer die Mongolei repräsentiert. »Man trifft so viele Leute von überall auf der Welt.« Damit die Jugendlichen schnell ihre E-Mail-Adressen, Handynummern oder Facebook-Kontakte austauschen können, hat jeder bei den »Youth Olympic Games« (YOG) einen »YOGGER« bekommen, eine Art USB-Stick, den man an einem Band um den Hals trägt. Hält man zwei YOGGER aneinander, blinken sie grün, schon sind die »Contact details« ausgetauscht. »Wir unterhalten uns zumeist in Englisch«, sagt die mongolische Eisschnellläuferin, »noch öfter allerdings mit Händen und Füßen.«
Nicht nur im Olympischen Dorf begegnen sich die Athleten. Im gläsernen »Congress Innsbruck«, wo die Kurse und Workshops des Kultur- und Bildungsprogramms CEP veranstaltet werden, herrscht Stau am Einlass: Alle Besucher werden von den Sicherheitsleuten mit Metalldetektoren untersucht. Hier soll nichts schiefgehen.
Im Inneren des »Congress« herrscht Trubel, im Erdgeschoss haben Innsbrucker Schüler Stände aufgebaut, an denen sie die Teilnehmerländer vorstellen. Am französischen Stand werden Crêpes gebacken, am Stand der Neuen Mittelschule Wilten steht Sergej Bubka, Auf einem Computermonitor läuft eine Diashow: Viktor Janukowitsch - Ansichten von Kiew - Julia Timoschenko.
Stabhochsprung-Weltrekordler Bubka, heute IOC-Mitglied, sieht woandershin. Er klatscht im Takt der Musik, die aus einem CD-Player erklingt. Vor ihm tanzen die Innsbrucker Schüler mit ukrainischen Sportlern, die den Stand besucht haben. »Mini-Olympia funktioniert«, freut sich Sergej Bubka. »Was gibt es Besseres?«
250 Athleten melden sich täglich für die Kurse an, die im »Congress« veranstaltet werden. Antidopingworkshops, Karriereplanungsseminare (»Plane dein Handeln!«), Kochkurse (»Sei dein eigener Küchenchef!«), Trommel- und Tanzkurse. Im sechseckigen Saal »Tirol« gibt es gerade den täglichen Schuhplattler-Kurs. Auf der Bühne musiziert eine Trachtengruppe, im Saal wird geübt: »One, two, three, four!« ruft ein Moderator, bei »three« muss die Hand zum Schuh gehen. Schwedische Abfahrerinnen plattln mit tschechischen Biathleten, Volunteers mit Volunteers, Trainer mit Betreuerinnen, viele vertun sich ihäufig, überall wird gelacht. Olympia im Vier-Viertel-Takt.
Bei »Triff Dein Vorbild!« sitzen 150 junge Sportler im Saal Brüssel. Auf dem Podium die Eiskunstläufer Stephane Lambiel (Schweiz, Olympiasilber 2006) und Yu-na Kim (Südkorea, Olympiagold) sowie Schwimmer Alexander Popow (Russland, Olympiasieger). Zwei Moderatoren bemühen sich um krampfhaft gute Laune. Die Juniorathleten dürfen Fragen stellen, doch sie zögern. Erst nach zähem Anfang wird ein Gespräch daraus. Da staunen die Teenager über Popow, der mit russischer Eindringlichkeit fordert, nie etwas zu bereuen; über Kim, die erzählt, dass sie bereits mit elf Landesmeisterin war; und über Lambiel, der ihnen rät, die Nervosität vor dem Wettkampf einfach wegzusingen. Als er schließlich zu singen anfängt, geraten die jungen Leute aus dem Häuschen, sie johlen, singen und klatschen mit, sogar Anze Lanisek, Skisprung-Jugend-Olympiasieger aus Slowenien, der gerade vom Medals Plaza gekommen ist - die Goldmedaille um den Hals.
Auf der Bühne wird noch ein paar mal vom Olympischen Geist geredet. In Innsbruck ist er ab und zu deutlich zu spüren.
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