Der erste Fototermin dieser Grünen Woche hieß: »Gerd Sonnleitner begrüßt den Bullen Hoeneß.« Hoeneß ist nicht irgendein Bulle, sondern der »heimliche Star des Besamungsvereins Neustadt«, wie in der nordbayrischen »Winsheimer Zeitung« zu lesen ist. Da trafen also zwei Schwergewichte aufeinander. Passend zu so viel demonstrativ zur Schau getragener Männlichkeit verkündete Bauernpräsident Gerd Sonnleitner zum Auftakt: »Die deutsche Produktionskette bei Nahrungsmitteln steht gut da.« Der Umwachs steige und auch die Zahl der Vollzeitbeschäftigten nehme wieder zu. In Zahlen stieg die Erwerbstätigkeit in der Landwirtschaft um 12 000 Beschäftigte auf 660 000.
Doch da Sonnleitner ein Mann der klaren Worte ist, verschwieg er auch nicht, dass es »eine Reihe drängender Fragen und wenig erfreulicher Meldungen« gebe. Da wäre der Einsatz von Antibiotika in der Hühnermast. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hatte in der vergangenen Woche eine Stichprobenstudie vorgestellt, nach der auf 10 von 20 gekauften Hähnchen antibiotikaresistente Keime gefunden wurden. Die Umweltschutzorganisation macht hierfür den nach wie vor massiven Einsatz von Antibiotika verantwortlich.
Auch Sonnleitner erklärte, es dürfe nirgendwo einen sorglosen Umgang mit Antibiotika geben und nahm gleich weitere Kritik an der Tierhaltung in deutschen Massenställen auf: »Wir wollen weg von der Ferkelkastration und dem Schnäbelkürzen beim Geflügel.« Wie das ohne grundlegenden Wandel in der Tierhaltung funktionieren kann, ließ der Bauernpräsident unbeantwortet, machte aber klar, »das geht nicht von heute auf morgen«, denn es gelte auch die Wettbewerbssituation der deutschen Landwirte zu beachten.
Konkrete Vorwürfe schob Sonnleitner ganz zur Seite. So hatte der Tierarzt Rupert Ebner vor kurzem darauf verwiesen, dass Veterinäre heute 80 Prozent ihres Einkommens durch Medikamentenverkäufe erzielten: »Das System funktioniert nur, weil Antibiotika leicht verfügbar sind.« Der oberste Landwirt sieht darin kein Problem. Im Gegenteil, wenn die Tierärzte die Medizin nicht direkt verkaufen würden, würde das zu unnötigen Kosten führen, entgegnete Sonnleitner auf Nachfrage.
Gute Zahlen gab es auch aus der Nahrungsmittelindustrie, neben dem Bauernverband zweiter Gastgeber der Grünen Woche. Hauptproblem hier: die schwankenden Rohstoffpreise. Nach Berechnungen der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) erwirtschafte sie einen Umsatz von 162,2 Milliarden Euro, das entspricht einem realen Wachstum von 1,3 Prozent. 30 Prozent der Umsätze werden nach Angaben von Jürgen Abraham, Vorsitzender des BVE, durch Exporte erzielt. Der Auslandsumsatz ist demnach 2011 sogar noch um 13 Prozent gestiegen, auf den Rekordwert von 48,5 Milliarden Euro. Von der gegenwärtigen Wirtschaftskrise ist hier kaum etwas zu spüren. Gestützt werde die Konsumstimmung im Inland durch die stabile Arbeitsmarktlage, allerdings gehe er für 2012 nur von einem »moderaten Umsatzplus von bis zu vier Prozent aus«, erklärte Abraham und kündigte steigende Lebensmittelpreise von drei bis vier Prozent an.
Von einem steigenden Wachstum geht auch der Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) aus, der konkrete Zahlen in der kommenden Woche vorlegen will. Allerdings klaffe die Förderung des Ökolandbaus laut einer Branchenstudie bundesweit erheblich auseinander. Die besten Anreize bietet Bayern, gefolgt von Baden-Württemberg und Sachsen, wie aus einer Analyse des BÖLW hervorgeht. Schlusslicht ist demnach Schleswig-Holstein. Bei etlichen Bundesländern fehle der politische Wille, die Chancen des wachsenden Biomarkts für die Landwirte nutzbar zu machen, sagte BÖLW-Chef Felix Prinz zu Löwenstein in Berlin.
Bewertet wurden u.a. Förderzahlungen für den Ökolandbau, die in Westdeutschland zu 18 Prozent und im Osten zu 8 Prozent von den Ländern getragen werden. Der Rest entfällt auf Bund und EU. Zudem wurden Weiterbildung, Beratung und Vermarktungshilfen berücksichtigt. Grund für die schlechten Plätze Schleswig-Holsteins und Brandenburgs sei, dass sie Zahlungen für die Umstellung auf Ökolandbau ausgesetzt hätten. Momentan mache der Anteil an ökologischer Landwirtschaft sechs Prozent aus. Löwenstein appellierte an die Politik, den von ihr angestrebten Anteil von 20 Prozent durch konkrete Fördermaßnahmen zu erhöhen.
Alles um und über Blumen und das Kleingartenwesen gibt es in Halle 9 auf dem Berliner Messegelände. Insgesamt gut 30 000 »Blühpflanzen« sollen den Winter vergessen machen. Berliner Kleingärtner präsentieren aber auch Obst und Gemüse und wie man sie richtig anbaut.
Wie Nutztiere - idealerweise - in der Landwirtschaft leben, wird im begehbaren Stall in Halle 25 demonstriert. Die Veranstalter versprechen »täglich wechselnde Vorführungen in echter Stadionatmosphäre«. Täglich um 11, 13.30 und 16 Uhr gibt es Tiervorführungen. Vom 20 bis 29. Januar ist eine Sonderschau über Schafe und Ziegen angesetzt; am 29. Januar gibt es ein Pferdewagenrennen.
Schon seit über einem Jahrzehnt gibt, es auf der Grünen Woche den vor allem für Kinder interessanten Erlebnisbauernhof. Diesmal wird die Nahrungskette in Halle 3.2 veranschaulicht. Hier gibt es auch den Messekindergarten, der im Trubel der Grünen Woche zur Erholung der Eltern wie der Kinder dienen soll.
Um biologische Nahrungsmittel, ihre Vielfalt, Qualität und Erzeugung sowie um den fairen Agrarhandel mit den Ländern des globalen Südens geht es in Halle 6.2. Für Infotainment wird auf einer zentralen Bühne u.a. mit »Kochevents« gesorgt.
Um Heimtiere geht es in Halle 1.2a. Von der Rassekatze über Hundevorführungen und Aquaristikexpertise bis hin zu Vogelspinnen und Schlangen reicht hier das Sortiment.
In Halle 10.2 präsentiert sich Rumänien als Gastland der Internationalen Grünen Woche.
Im Rahmenprogramm der Messe findet vom 19.-21. Januar wieder das internationale Agrarministertreffen in Berlin statt. Auf dem Messegelände gibt es eine Vielzahl von Informationsveranstaltungen und Pressekonferenzen, die von den unterschiedlichsten Interessengruppen rund um die Landwirtschaft veranstaltet werden. Einen Überblick über die 300 Veranstaltungen gibt es im Internet unter gruenewoche.de.
Geöffnet ist auf dem Berliner Messegelände zwischen 20. bis 29. Januar zwischen 10 und 18 Uhr. Der Tageseintritt kostet für Erwachsene 12 Euro. nd
Am 19. Januar wurde die 77. Internationale Grüne Woche in Berlin offiziell eröffnet. Bis zum 29. Januar zeigen 1624 Aussteller aus 59 Ländern ihre Produkte aus Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft und Gartenbau. Das Motto in diesem Jahr: Regionalität ist Trumpf. Mehr
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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