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Von Harald Loch 19.01.2012 / Literatur
Literatur

Mit Witz und Welterkenntnis

Henry Roth: Mit »Ein Amerikaner« hat er sein eigenes Lebensthema umkreist

Was bleibt von einem Autor, der die Hälfte seines Lebens nicht schreiben kann? Henry Roth war 89, als er 1985 in Albuquerque (New Mexico) starb. Er war als kleines Kind mit seiner jüdischen Familie aus Galizien nach New York eingewandert. 1934 hatte er den Roman über seine Kindheit »Nenn es Schlaf« veröffentlicht, der heute als Klassiker gilt. Es folgten 45 Jahre Schreibblockade, die sich erst nach einer Neuauflage dieses Romans 1964 zu lösen begann. Es dauerte weitere 15 Jahre, bis er die ersten Entwürfe zu einer monumentalen Tetralogie zu Papier brachte, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Gar nicht zu Ende bringen konnte er die nur als »Stapel« hinterlassenen Versatzstücke seines Romans »An American Type«. Die setzte der Literaturredakteur Willing Davidson zusammen. Die Endfassung ist jetzt als »Ein Amerikaner« in der atmosphärisch überzeugenden Übersetzung von Heide Sommer erschienen.

Auch »Ein Amerikaner« handelt vom Autor selbst, der aber - an einer Stelle im Roman wird das poetologisch abgeleitet - nicht in der ersten Person erzählt, sondern seinem alter ego namens Ira eine auktoriale Erzählperspektive überordnet. Dieser Trick bewahrt das Subjektive, gibt ihm aber auch Allgemeingültigkeit. Das Buch setzt nach dem ersten Romanerfolg »Nenn es Schlaf« ein, als Ira mit der etwas älteren Edith in New York zusammenlebt. Während eines gesponserten Aufenthalts in einer Künstlerkolonie lernt Ira 1938 seine spätere Frau M. kennen, die der Komponistin Muriel Parker, der Ehefrau des Autors, nachgestaltet ist. Um seine sich abzeichnende Schreibhemmung zu überwinden, trennt sich Ira von Edith, von der er sich abhängig fühlt, und geht nach Los Angeles. Die Reise unternimmt er zusammen mit einem gleichfalls mittellosen Genossen aus der Kommunistischen Partei der USA, einem waschechten Proletarier mit Frau und zwei Kindern, mit denen er dann zusammenlebt. Eine noch größere Abhängigkeit entsteht ...

Es geht um das Lebensthema des Autors: das Scheitern vor fast allen Herausforderungen, die condition humaine eines Künstlers, der seine Schreibbehinderung aus seiner Persönlichkeitsstruktur ableitet. Henry Roth zieht nach so langer Pause die Register, die nicht von einer durchschaubaren Routine geölt sind. Vielmehr prägt sein vorhandenes, aber über Jahrzehnte nicht abrufbares Talent diesen Roman. Mit dem Herzblut des verzweifelt mit sich selbst ringenden Autors geschrieben, steckt das Buch voll Witz und tastender Welterkenntnis.

Henry Roth: Ein Amerikaner. Roman. Aus dem Amerikanischen von Heide Sommer. Hoffmann und Campe. 383 S., geb., 23 €.

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