Von Erhard Korn
20.01.2012

Meilenstein oder Fehlstart?

In Baden-Württemberg startet die Gemeinschaftsschule, unumstritten ist das Projekt aber nicht

Mit der Bekanntgabe der ersten 34 Schulen gab in dieser Woche die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg den Startschuss zur Einführung der Gemeinschaftsschule. Das Konzept stößt vor allem in ländlichen Kommunen auf Zustimmung, können sie damit doch die Schließung ihrer Hauptschulen aufgrund sinkender Schülerzahlen verhindern.

Dass die Gemeinschaftsschule kein Modell für alle werden soll, stellte Kultusministerin Warminski-Leutheußer (SPD) gleich zu Beginn fest: »Wir machen keine Schulreform, wir machen nur Angebote«, formulierte sie die Leitlinie ihres Ministeriums; es soll den Gemeinden überlassen bleiben, wie die Schullandschaft künftig aussieht.

Die Starterschulen sollen im September 2012 in den Klassen 5 beginnen und als »Leuchttürme« für ein längeres gemeinsames Lernen werben. Entsprechend gab es eine Vorauswahl unter den 50 Bewerbern, um pädagogisch innovative Schulen zu finden, die individuelle Förderung besonders intensiv betreiben. Denn in Gemeinschaftsschulen müssen Lehrkräfte aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium unterrichten und auch die Bildungsstandards der drei Schularten berücksichtigen. Viele orientieren sich schon an den Ideen des Schweizer Schulreformers Peter Fratton, der sein Konzept eines autonomen Lernens und der Orientierung an Kompetenzrastern in der Künzelsauer Privatschule des Schraubenkönigs Würth umsetzen darf.

Vor allem für die Gemeinden als Schulträger dürfte es weniger wichtig sein, dass Lehrkräfte jetzt Lernpartner heißen. Bei ihrer Entscheidung, eine Gemeinschaftsschule zu beantragen, steht das Motiv des Standorterhalts an erster Stelle. Mit Ausnahme von Tübingen handelt es sich durchgehend um kleinere ländliche Hauptschulen, deren langfristiger Bestand nicht gesichert wäre. Das Modell Werkrealschule, mit dem die Vorgängerregierung unter Stefan Mappus (CDU) die Hauptschule stärken wollte, war von Grünen und SPD scharf kritisiert worden. Die Befürchtung, die Gemeinschaftsschule würde nun als umbenannte Hauptschule genauso wenig Akzeptanz finden, ist also nicht ganz von der Hand zu weisen.

Da Gemeinschaftsschulen als verpflichtende Ganztagesschule geführt werden müssen, bedarf es einer entsprechenden Ausstattung mit Mensa und Betreuungspersonal. Diese Verpflichtung zur Ganztageschule stößt bei Gymnasien auf große Vorbehalte. Auch deshalb halten sich die Gymnasien im Ländle vornehm zurück und setzen eher auf eine Parallelführung von G 8 und G 9, die für 44 Schulen landesweit gleichzeitig zur Einführung der Gemeinschaftsschule zugelassen wird. Vor allem in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wird dies scharf kritisiert, da so eine Konkurrenz für die Gemeinschaftsschulen geschaffen werde und das Schulwesen noch unübersichtlicher werde. Da nur etwa 10 Prozent der Gymnasien das Abitur nach 13 Schuljahren (G 9) anbieten dürfen, zeigen sich wiederum viele Eltern enttäuscht, die von der Verlängerung der Gymnasialzeit eine Verringerung des Drucks erhofft hatten und nun die SPD an ihre Wahlversprechen erinnern. Vizeregierungschef und Finanzminister Schmid (SPD) allerdings fährt einen strikten Sparkurs. Sein Credo: kein Euro zusätzlich für Bildung.

Im Zuge dieser Sparmaßnahmen hat die Landesregierung die für die Verlängerung der Schulzeit an Werkrealschulen eingeplanten Lehrerdeputate halbiert - die Verantwortlichen im Ministerium erfuhren davon in einer öffentlichen Anhörung. Die Schulräte hatten wenige Tage vorher noch mit der guten Ausstattung der 10. Klassen geworben und mussten nun kleinlaut zurückrudern. So bleibt nicht nur das Versprechen auf der Strecke, mehr für Bildungsgerechtigkeit zu tun. Die Stimmung in Schulverwaltung und Kultusministerium wird zunehmend frostig. Andererseits wurde dieses Ministerium 50 Jahre lang von der CDU dominiert, die Köpfe sind Verteidiger des dreigliedrigen Schulsystems und tun sich nun schwer, eine Reformpolitik tatsächlich umzusetzen. Dass Abteilungsleiter Manfred Hahl, zuständig für Lehrerplanung und Organisation, in einer Weihnachts-Mail an seine Mitarbeiter beklagte, Sachverstand würde nicht ausreichend eingebunden, die Kommunikation im Haus sei nicht verlässlich und nicht transparent, trifft zwar inhaltlich zu, Form und Veröffentlichung der Kritik belegen aber schlagend, dass es mit der versprochenen Loyalität nicht immer weit her ist. Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) stellte sich vor seine Ministerin, doch selbst in deren Heimatpartei nehmen die Zweifel an der Umsetzungskompetenz zu.

Gleichzeitig mobilisieren die Verbände des konservativen Beamtenbunds in einer bisher nicht gekannten Aggressivität gegen den »Grün-Roten Sparangriff«, gegen »Giftliste« und »Beamtenattacke«, da die Landesregierung, die 130 Millionen Euro durch Kürzungen bei den Beamten einsparen will, vor allem durch eine Verschiebung der anstehenden Besoldungserhöhung. Die Reformbereitschaft der Lehrkräfte jedenfalls wurde durch die Kürzungen nicht gefördert. Mag auch die Kultusministerin ihre Eigeninitiative loben - wenn ihr der Finanzminister gleichzeitig das Fortbildungsbudget zusammenstreicht, können Qualitätssprünge nicht erreicht werden.

Der Autor ist Rektor einer Grund- und Werkrealschule und Vorsitzender der GEW-Fachgruppe Hauptschule in Baden-Württemberg.

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