Auf dem havarierten Kreuzfahrtschiff »Costa Concordia« drehte der französische Regisseur Jean-Luc Godard 2010 einige Sequenzen von »Film Socialisme«. Das ist reiner Zufall, erscheint im Nachblick aber von Vorahnung künftiger Katastrophen inspiriert. Nicht das durch Naturgewalten, das durch eines einzelnen Menschen oder eines technischen Defekts verursachte Unglück ist hier gemeint. Kreuzfahrtschiffe bilden die Gesellschaft im Kleinen ab. Schon die »Titanic« ahnte den kommenden Massentourismus voraus. Freilich waren im April 1912 die Klassen noch fein säuberlich getrennt, das Betreten des Decks der ersten Klasse für die unteren Stände strengstens verboten. Die Überlebenschancen der oberen Schichten waren höher als die derjenigen, die im Unterdeck untergebracht waren. Ein wichtiger Grund hierfür: Passagiere der ersten Klasse verfügten über einen besseren Zugang zu überlebenswichtigen Informationen.
Auf Schiffen wie der »Costa Concordia« langweilen sich dagegen heute die Pauschaltouristen aller Klassen bei Bingo, Walzer, Buffet und Kapitänsdinner. Die erste Klasse - längst keine Frage des Geburtsstandes mehr; »Upgrade« nennt sich das probate Mittel, mit dem man - für kurze Zeit - für ein wenig mehr Geld aus der Tristesse der Mittelschicht entfliehen kann. Wer viel reist, kann Bonusmeilen fürs »Upgrade« verwenden. Das steigert das Ansehen - bei den Mitreisenden.
Auch Christian Wulff hat vom Mittel des »Upgrade« Gebrauch gemacht. In der FAZ war gestern zu lesen, das Amt des Bundespräsidenten verfüge nur über eine Ressource: Ansehen. Christian Wulff könne durch die anhaltende Kritik an seiner Person, seiner kleinen und großen Verfehlungen diese Ressource nur noch eingeschränkt nutzen und sollte daher zurücktreten.
Das Ansehen des Bundespräsidentenamtes ist in der Tat von Wulff beschädigt worden. Aber ist das nicht auch von Vorteil? Ausdruck brutalstmöglicher Demokratisierung gar? Wir Pauschaltouristen in der Gesellschaft müssen frohlocken: Christian, Du bist einer von uns! Bleibe standhaft!
Der Untergang der »Titanic« war auf den Ehrgeiz zurückzuführen, schnellstmöglich den Atlantik zu überqueren. Ein Eisberg setzte dieser Hybris ein Ende. Der Kapitän, von der Reederei unter Druck gesetzt, blieb bis zum Schluss an Bord und ging mit seinem Schiff unter. Eine Katastrophe, eine Tragödie. Die »Costa Concordia« havarierte im seichten Küstengewässer, weil ihr Kapitän aus Imponiergehabe zu dicht an einer Insel vorbeifuhr. Ein Fels setzte der Angeberei ein Ende. Der Kapitän flüchtete feige von Bord. Eine Katastrophe, aber doch eine Farce. Wer Demokratisierung will, muss das Mittelmaß ertragen können. Mittelmaß, aus dem Helden entwachsen. In Italien wird Gregorio De Falco als Held gefeiert. Der Fregattenkapitän hatte anstelle des fahnenflüchtigen Kapitäns Francesco Schettino vom Hafenamt aus die Rettung der Passagiere der »Costa Concordia« koordiniert. Ein Held? Nein, sagt De Falco. »Hört auf, von mir zu reden, bitte! Es ist meine Aufgabe, zu retten.«
Ein umstrittener Privatkredit, sein Umgang mit den Medien und nun der Verdacht auf Vorteilsannahme. Bundespräsident Christian Wulff hat am 17. Februar seinen Rücktritt erklärt, nachdem die Staatsanwaltschaft die Aufhebung der Immunität Wullfs beantragt hat. Sie will wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung gegen das Staatsoberhaupt ermitteln.
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Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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