Von Gunnar Decker
20.01.2012

Ab in den Lunapark!

Manfred Karge inszenierte am Berliner Ensemble Georg Heyms »Faust«

Manfred Karge inszeniert das Faust-Fragment von Georg Heym, einen Text, ganze zwei Seiten lang? Das kann nichts werden, war ich mir sicher, denn diese Skizze ist nicht viel mehr als eine Sammlung bizarrer Stichworte, ein mörderischer Rummelplatz. Auch Karge charakterisierte zwischenzeitlich mit dem Wort »haarsträubend« das, was er da begonnen hatte. Ja, haarsträubend ist es tatsächlich - aber auf welch großartige Weise!

Mit dem Faust-Stoff hat Karge Erfahrung, mit dem miniaturisierenden Guckkastenformat, über dem ein Schild suggeriert, dass wir hier - statt im Pavillon des BE - im Neopathetischen Cabaret sind (wo Heym seine ersten Auftritte hatte), ebenfalls. 1980 inszenierte Karge in Bochum Thomas Braschs Georg-Heym-Drama »Lieber Georg«. Brasch hatte im verzweifelt zukunftssüchtigen Expressionisten Heym einen Seelenverwandten entdeckt, einen, der so wie er in der Hassliebe zum Vater (Braschs Vater war stellvertretender DDR-Kulturminister) ein Zeitalter erspürte, dem der Untergang schon auf die Stirn geschrieben war. Aber was hilft Erfahrung, wenn man vor etwas ganz Neuem steht, einen ungewissen Anfang wagen muss? Auch eine Frage Heyms aus seinem - uns Heutigen verwandten - Lebensgefühl heraus, in einer »vor Wahnsinn knallenden Zeit« ausgesetzt zu sein.

Als der vierundzwanzigjährige Dichter vor hundert Jahren in der Havel ertrank, hinterließ er etwa siebenhundert Seiten Dramenfragmente, die wegen ihres epigonal-historisierenden Charakters heute ebenso unspielbar sind wie Peter Hacks' Stücke nach Stücken. Aber Karge hat mit sicherem Gespür in der »Faust«-Skizze einen Schlüssel entdeckt - und dann selber ein Stück aus lauter Heym-Sätzen montiert, die so drastisch ausdrucksstark sind, weil sie aus seinen Tagebüchern kommen. Ein Dichter am Vorabend des Ersten Weltkrieges, den er in apokalyptischen Bildern als Weltuntergang fürchtet und herbeiruft zugleich, ein zweiter Büchner, ein deutscher Bruder von Rimbaud, Baudelaire.

Wie Büchner in »Dantons Tod« will Heym uns die Schädel aufmeißeln, um zu sehen, wie das funktioniert, was sich Mensch nennt. Aber diese zweifellos schockierende Ankündigung hat zugleich etwas so naiv Verspieltes, dass man, wenn man sich gerade unter der Gewalt der Worte wegzuducken beginnt, schon wieder erleichtert aufatmet: Ach, es ist nur ein Narr, ein Außenseiter mit bizarren Visionen, der mit uns sein Spiel treibt. Nur? Am Ende des »Faust«-Fragments stehen jene Sätze, die Karge als Klammer für seine Heym-Collage nimmt: »Wer das Tragische mit dem Komischen mischen kann, hat ein tieferes Lebensgefühl.«

Was soviel heißt wie: unbedingtes Pathos und unbedingte Verhöhnung jedes Pathos. Ein trunkenes Schiff, das dem Schicksal der ebenfalls 1912 auf den Eismeergrund tauchenden »Titanic« nur darum entgeht, weil es in all seinen stolz vorgeführten technischen Möglichkeiten doch die alten Geschichten vom fliegenden Holländer, von Riesenkraken und Monsterwellen wichtiger nimmt als fantasielose Streckenrekorde.

Welch Überfülle von Licht und Geschwindigkeit! Heym greift nach der Metropole Berlin, die auch Moloch ist, wie nach einem Fetisch, mit dem man zaubert. Verzaubere die eiserne Schlange (die Maschinenwelt), bevor sie dich zerstört! Karge setzt in seinem neunzigminütigen Abend dieses paradoxe Lebensgefühl eines jungen Menschen aus der Provinz ins Bild. Die Großstadt fasziniert ihn und stößt ihn ab. Es ist eine Reise, die Karge inszeniert - mit Heym als Faust, dem Stürmer und Dränger, den doch Anfälle von Apathie schütteln. Sie geht, eine einzige Walpurgisnachtszenerie lang, durch den schrillen Lunapark (Europas größter Vergnügungsmeile) mitten hinein ins Herz der Finsternis in einer vor Banalität brüllenden Zeit. Der Dichter, die Todes- und Verwesungsbilder eines Zeitalters vorwegnehmend, sucht verzweifelt nach Rettung.

Den Schauspielern gefällt der Ausflug in die Schaubude des Grotesken. Andy Klinger, Schauspielschüler noch, ist Heym und Faust in einem - und er kann diesen genialen Dichter spielen, der im Körper eines trinkfesten Korpsstudenten und schließlich Gerichtsreferendars gefangengesetzt wurde, und auch schon mal eine Grundbuchakte, die ihn nervt, im Klo entsorgt, das prompt verstopft (solch einen Skandal gab es noch nie am Amtsgericht Lichterfelde). Patrick Bartsch ist ein Teufel, wie ihn Heym in seinem »Faust«-Fragment selbst ankündigt: »Ein Mann mit rotbeschmiertem Gesicht und einem Dreizack«.

Nehmt die Klischees in die Zange, bis sie vor Schmerz und Lust schreien! Karge hat dafür einen Sinn. Wie auch alle anderen Schauspieler, von Johanna Griebel, Michael Kinkel, Peter Luppa bis zu Laura Mitzkus. Denn immer treffen sie den Ton Heyms, gemacht aus echter Not, großmäuliger Selbstverkündigung und unverstelltem Jargon: »In dem allgemeinen Tohuwabohu kommt einmal der Dichter über die Bühne gelaufen: Donnerwetter, jetzt hab ich den Faden verloren. Er sucht, findet einen Bindfaden: Das ist er nicht.«

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