Von Erik Eggers, Niš
20.01.2012

Die Rückkehr der Langsamkeit

Bei der Handball-EM in Serbien nimmt die Anzahl der Tore und Tempogegenstöße wieder ab

Vor einigen Tagen zeigte das serbische Fernsehen ein Spiel aus der »Steinzeit« des Handballs: Jugoslawien gegen Rumänien, Olympia 1972 in München, die Bilder in schwarz und weiß, die Aktionen wie in Zeitlupe. »Habe ich lange nicht mehr gesehen«, sagt Horst Bredemeier. Der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB), der die Nationalmannschaft bei der EM in Serbien begleitet, bestaunt die großen Spieler von damals: Rumäniens Torschützenkönig Gheorge Gruia, Milan Lazarevic oder den jungen Trainer Vlado Stenzel. Das Spiel von damals hat mit dem modernen Handball nichts mehr zu tun, weiß er. »Wie langsam die waren! Unglaublich!«, sagt Bredemeier kopfschüttelnd.

Wenn Handball in den letzten vier Jahrzehnten schneller geworden ist, attraktiver, athletischer, belegt das die stürmische Entwicklung des Sports. Beschleunigt wurde das Spiel vor allem durch die Einführung der »Schnellen Mitte« im Jahre 1996; seither hat jedes Team nach einem Gegentor die Möglichkeit des sofortigen Wiederanwurfs, ohne auf die zurücktrabenden Gegner warten zu müssen. Am konsequentesten spielte der Bundesligist TBV Lemgo 2002/03 diese taktische Variante aus, auch die deutsche Nationalmannschaft nutzte sie bis 2004 erfolgreich. Resultat war eine Torflut. Die Spiele endeten nicht mehr 14:13, wie jene Partie von 1972, über 70 Tore waren auf einmal keine Seltenheit mehr. Ende 2006 schlug der THW Kiel den SC Magdeburg mit 54:34-Toren - bis heute Ligarekord.

Doch danach kam es im Handball zur Konterrevolution, die auch bei der aktuellen EM zum Ausdruck kommt. Ergebnisse wie das 24:24 zwischen Spanien und Ungarn sind normal, da die Abwehrreihen wieder das Geschehen dominieren. Die »Schnelle Mitte« wird kaum angewandt. Das Spiel ist wieder so langsam geworden, dass sogar der Wechsel von Abwehr- zu Angriffsspezialisten keine Gefahr darstellt. »Vor zwei Jahren dachten alle, die Abwehrspezialisten sind eine aussterbende Spezies, aber inzwischen ist das wieder anders«, sagt Alfred Gislason, Trainer des THW Kiel.

Eine Erklärung dafür liefert Stefan Lövgren. Der schwedische Teammanager meint: »Die Trainer wissen inzwischen, dass in diesem Turnier die Belastung zu groß ist«, um ständig die »Schnelle Mitte« zu praktizieren. Dabei wurde das Turnier auf 15 Tage ausgedehnt; 2004, als Deutschland den Titel gewann, wurde das gleiche Programm in zehn Tagen durchgezogen. Für Lövgren ist die Schnelle Mitte allerdings keinesfalls tot: »Mannschaften wie Frankreich werden schnell spielen, wenn es am Ende um alles geht.«

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