Zu jeder Jahreszeit lädt die Villenlandschaft am Wannsee Berlins zu Bewunderung ein: Staatlichkeit, schöner Bewuchs. Aber selten verweist ein Ort derart auf Brecht: Jedes Gespräch über Bäume verbiete sich, weil es ein Schweigen über so viele Verbrechen einschließe.
Am Großen Wannsee 56-58: Am 20. Januar 1942 berieten hier hohe Beamte Hitlers die Deportation und Vernichtung von Europas Juden. Die da die prächtigen Allee-Wege gingen, sie legten hinter verschlossenen Türen logistische Grundlagen für die Gleise nach Auschwitz.
Das Konferenz-Haus der Mörder ist Gedenkstätte, die 1992 eröffnet wurde. Erst 1992. Gründungsdirektor Gerhard Schoenberner im nd-Interview: »Man muss manchmal einen langen Atem haben.« Einen langen Atem haben zu müssen, ist in diesem Falle eine Schande. Sie hat freilich ihre Logik: Wo Drahtzieher und höhere Marionetten aus braunem Dienst nahtlos, von Rechenschaftspflicht unbedrängt, in neue Ämter wechseln durften - dort ist kompromisslose Mahnung nicht möglich. Der fehlende radikale Umgang mit der Wahrheit des deutschen Massenmordes (aus vermeintlicher Rücksicht auf die Gefühlslage eines erschütterten Volkes?) hatte Langzeitfolgen für die innere Freiheit und Souveränität der Demokratie. Es war wohl auch diese frühe Verdrängungs- und Vertuschungskraft der Bundesrepublik, die später zum Eifer geriet, mit anderen politischen Systemen um so rigider abzurechnen. Als könne man mit der notwendigen Anklage fremder Aktenberge das Bild der Leichenberge entschärfen, das hartnäckig aus der eigenen Geschichte herüberschimmert ...
Was lernen wir daraus?
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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