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Gunnar Decker ist Philosoph und Redakteur der Zeitschrift »Theater der Zeit«. Er schreibt regelmäßig im nd-Feuilleton.
Foto: privat
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Auf der Berlinale 2010 wurde Oskar Roehlers »Jud Süß - Film ohne Gewissen« gezeigt, ein schwacher Film über die Entstehung von Veit Harlans »Jud Süß«. Den Gegenstand von Roehlers Film, Harlans »Jud Süß«, habe ich bis heute nur in Ausschnitten sehen können, er ist nach wie vor verboten. Glaubt irgendeiner, man sähe diesen Film und werde daran zum Antisemiten? Das scheint mir absurd.
Warum sind Hitlers »Mein Kampf« und Alfred Rosenbergs »Mythus des 20. Jahrhunderts« heute nicht Schulstoff? Ist die Entstehung der nationalsozialistischen Rassenideologie kein Thema, das zur staatsbürgerlichen Bildung gehört? Wir sind umgeben von fragwürdigen Dokumenten aus zweiter Hand, fast täglich läuft auf irgendeinem Kanal etwas über Hitler und die Frauen oder Hitler und die Hunde. Aber »Mein Kampf«, diese Urzelle des Antisemitismus, der mitten im 20. Jahrhundert zur herrschenden Staatsdoktrin des Massenmords führte, sollen wir nicht lesen dürfen? Ist dieser Text so gefährlich, muss man ihn fürchten? Auf einer CD aus dem Eulenspiegelverlag von 1996 liest Ekkehard Schall aus »Mein Kampf« - da hört man anderes: einen größenwahnsinnigen Spießer.
Verbote machen eine Sache immer erst interessant, die Original-NS-Dokumente aber sind keine magischen Texte, sie werden es - in bestimmten Kreisen - erst, indem man sie mit dem Tabu belegt. Verklärung lässt sich allein dadurch verhindern, dass man Lektüre ermöglicht. Alfred Rosenberg etwa mit seinem »Mythus des 20. Jahrhunderts« von 1930, über 700 Seiten dick, ist überaus ermüdend. An der Oberfläche eine Attacke gegen die offizielle Kirchengeschichte (!), wird im Hintergrund das »arische Volk« und sein »Führer« zum Messias. Wie Rosenberg Hitler in den Himmel hebt, das klingt auf verworrene Weise pathologisch. Es gab nach dem Erscheinen eine heftige Debatte unter Theologen über Rosenbergs obskures Machwerk und die Frage, was überhaupt ein Mythos sei, der Autor kam darin äußerst schlecht weg - 1933 wurde die Diskussion gewaltsam beendet.
Diffuse Kapitalismuskritik gibt es bei Hitler und Rosenberg reichlich, das Unglück der Herrschaft des Finanzkapitals wird immer wieder beschworen. Aber das Kapital - Rothschild ist hierbei der suggestivste Name - steht als jüdische Erfindung und Teil einer Weltverschwörung vor uns. Der Kapitalismus wird rassisch erklärt. Dieser Mechanismus der Verwandlung von Ressentiments (Sozialneid!) in mörderische Ideologie transparent zu machen, scheint mir - heute mehr denn je - die Pflicht einer aufklärenden Kultur.
Und wer ist denn vor allem dagegen, dass die NS-Quellentexte endlich vom Nimbus ihrer Gefährlichkeit befreit werden? Das Bayerische Finanzministerium! Es beharrt auf seinem Urheberrecht (!) an Hitlers »Mein Kampf« bis 2015. Dass eine derartige angemaßte Vormundschaftlichkeit sich auch noch bürokratisch rückversichert, ist fatal. »Mein Kampf« und auch der »Mythus des 20. Jahrhunderts« sind schlechte Bücher, weil sie aus lauter geistigen Kurzschlüssen bestehen. Umberto Eco beschrieb dieses Muster wie folgt: Das Land mit dem Flughafen, auf dem mir ein Koffer gestohlen wurde, wird von lauter Dieben bewohnt.
Antiquarisch konnte ich mir ein Exemplar von Rosenbergs »Mythus des 20. Jahrhunderts« unter der Versicherung kaufen, dass ich es für wissenschaftliche Zwecke benötige. Nein, es scheint mir heute kein gefährliches Buch mehr zu sein und dass es überhaupt je intensiv gelesen wurde, daran zweifle ich, denn in meinem Exemplar sind die Seiten nur zu einem kleinen Teil aufgeschnitten. Da lese ich auf Seite 552: »Nicht im Wohnungsbau in der Großstadt, nach dem noch immer so viel gerufen wird, liegt eine Rettung - dieser fördert vielmehr den Untergang - sondern in der Aufhebung der liberalen volkszerstörenden Freizügigkeit. Die genehmigungslose Einwanderung in Städte über hunderttausend Einwohner müsste in Zukunft unbedingt aufgehoben werden.« Ich denke, dies sollte heute ruhig jeder lesen. Aufhebung der Freizügigkeit als Programm! Der Kleinstadtbewohner und Schollenbewirtschafter als Ideal, der Blockwart als allgegenwärtiger Kontrolleur und Denunziant im Auftrag herrschender Engstirnigkeit. Will jemand in solch einer Gesellschaft leben?
Ad fontis! Zu den Quellen!, ist inmitten einer massenmedialen Flut von NS-Dokumentationen, einschließlich von Goebbels Tagebüchern und zahlreichen Biografien, die beste Vorbeugung gegen neue Legendenbildung und gläubige Verklärung.
Adolf Hitlers »Mein Kampf« soll ab Monatsende in kommentierter Form am Zeitungskiosk ausliegen. Der Reihe »Zeitungszeugen«, die Blätter aus der Zeit des Nationalsozialismus veröffentlicht, wird in drei Ausgaben eine Broschüre beiliegen, die das Buch in Auszügen dokumentiert. Geplant ist eine Auflage von 100 000 Exemplare. Wird der Beileger ein Verkaufsschlager, seien weitere Ausgaben mit kommentierten Auszügen möglich, heißt es von Verlagsseite. »Mein Kampf« ist eine Mischung aus Hitlers Lebensgeschichte, antisemitischem Pamphlet und nationalsozialistischer Propaganda. Das Bayerische Finan...
Der "Schollenbewirtschafter" verfügt über einen wesentlich höheren Freiheitsgrad als der supermarktabhängige Verbraucher im sechszehnten Stock im Gropiusviertel
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Die Juden und die Radfahrer »Mein Kampf« von Urs Odermatt und Martin Lehwald
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