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Von Tom Strohschneider 21.01.2012 / Medial

BLOGwoche: Sprachlos in der Krise

Er würde noch gern erzählen, schreibt Ingo Schulze, »dass es darauf ankommt, sich selbst wieder ernst zu nehmen und Gleichgesinnte zu finden, weil man eine andere Sprache nicht allein sprechen kann«. Aber Schulzes Text bricht vorher ab. Man kann das als journalistischen Kunstgriff ansehen, oder aber als Ausdruck eines allgemeinen Symptoms: Krise, Kapitalismus, Arm und Reich - das »ist alles so offensichtlich«, dass man dazu kaum noch etwas sagen möchte. Weil mit dem Reden darüber, mit jeder Anklage auch der Kontrast zur gesellschaftlichen Untätigkeit, zum eigenen Zaudern immer bedrängender wird.

Schulzes Appell in der »Süddeutschen« hat viel netztypische »Gefällt mir«-Beachtung gefunden. Auch deshalb, weil das Gefühl, das Denken, dass es doch eigentlich »jetzt um die einfachen Fragen« geht, so verbreitet ist wie die Hilflosigkeit, die sich in einem ausbreitet, wenn nach den Konsequenzen gefragt wird und man bemerkt, dass doch fast alle bloß zuschauen (Harald Welzer, Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, d. Red.). Es geht um oben und unten, darum, wem es nützt und wer daran verdient - und also, und hier fängt es dann an spannend zu werden, darum, wie man es ändert.

Schulze schreibt dazu nichts. Sein Text handelt ja auch mehr von der eigenen Sprachlosigkeit, die beendet wird, um sichtbar zu machen, dass »die Intellektuellen schweigen«. Nur: Stimmt das überhaupt? Liegt das Problem wirklich darin, dass niemand redet, schreibt, appelliert, kritisiert? Ist es nicht eher so, dass zwar das Offenkundige heute bis weit in die Mitte der gesellschaftliche Öffentlichkeit hinein behandelt wird, wo Krise und Kapitalismus auf eine Weise zum Thema geworden sind, die man vor vier, fünf Jahren kaum für möglich gehalten hätte - dass aber daraus nichts folgt, was unmittelbare, praktische, sichtbare gesellschaftliche Wirkung entfaltet? »Alles könnte anders sein«, den Spruch soll sich Nils Minkmar (Feuilleton-Chef der FAZ, d. Red.) über seinen Frankfurter Redaktionstisch gehängt haben. Aber wie kann es das auch werden?

Der Autor ist Redakteur der Zeitung »Freitag« und Mitbetreiber des Weblogs »Lafontaines Linke«; zum Weiterlesen: www.lafontaines-linke.de

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