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»Tingel Tangel«, Hans Baluschek, 1900
Foto: Martin Adam
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Er gehört zu den Künstlern, die Kaiser Wilhelm II. als »Rinnsteinkünstler« diffamierte, weil ihm deren neue Sichtweise, Themenwahl und soziales Engagement so ganz und gar nicht passte. Als »Armeleutemalerei« hat man diese Richtung der Kunst vor und um die Jahrhundertwende auch bezeichnet: die Wäscherinnen, Büglerinnen, Absinthtrinker von Edgar Degas, die Arbeiter auf dem engen trostlosen Weg zur Fabrik und ausgepowert auf dem Heimweg, die Arbeitslosen am Bahndamm von Hans Baluschek, das hungernde Elend in der Hütte, Krankheit, Vergewaltigung, Tod ohne Beistand in den Grafiken der Käthe Kollwitz.
Von der nüchternen Feststellung der Tatbestände zur polemischen Protokollierung des am Menschen begangenen Unrechts bis zum suggestiven Einsatz der melancholisch düsteren Farbgebung reicht die Skala dieser Kunst, deren Ziel die Herausforderung des saturierten Bürgertums und der für das Sozialprogramm verantwortlichen Führungsschicht war. Hans Baluschek (1870-1935) hat als Protagonist eines sozialen Realismus schon früh zu einer sachlichen und ungeschminkten Darstellung der Wirklichkeit in der gründerzeitlichen Großstadt Berlin mit ihrem Gegensatz von Licht und Schatten gefunden: Er hat die Stadt als Ort sozialen Elends und der Vergnügungen des Volkes porträtiert, das freudlose Schicksal der Arbeiter und Kleinbürger beschrieben und seiner Faszination von der Welt der Technik Ausdruck verliehen.
Das Bröhan-Museum, das selbst über einen respektablen Baluschek-Bestand verfügt, hat jetzt mit Leihgaben aus dem Stadtmuseum Berlin eine repräsentative Ausstellung vornehmlich des Frühwerkes zusammengestellt, zu der die schöne Hans-Baluschek-Monographie von Margrit Bröhan als Begleitbuch dienen kann. Schon um 1890 - Baluschek war damals noch Student an der Berliner Kunstakademie - entstanden erste Aquarelle und Gouachen mit Ertrunkenen, Selbstmördern und 1894 »Ein Verbrechen ist geschehen« - Hausbewohner und Straßenpassanten diskutieren erregt einen Vorfall, der dem Betrachter verborgen bleibt. Malerisch bestimmend ist ein trübes Dämmerlicht, von Lichtreflexen durchbrochen, wie es gerade erst Lesser Ury und Franz Skarbina ausgebildet hatten. »Mittag« (1894) verwirklicht dies durch den scharfen Gegensatz des lichtdurchfluteten, ausschnitthaften Bildraums zu den sich von ihm abhebenden Rückenfiguren der Frauen und Mädchen, die ihren Männern und Vätern das Mittagessen in die Fabrik bringen. Die aus der Raumtiefe von der Fabrik strömenden »Arbeiterinnen« (1900), Kopf an Kopf gereiht die Gesichter, individuell und doch durch das gleiche Schicksal geprägt - ein Höhepunkt des Frühwerkes von Baluschek. Die stereotype Wiederkehr des Alltäglichen und des Massenhaften in seinen Bildern kann auch das Licht nicht mildern. Todmüde und apathisch erleben drei junge Mädchen den »Montagmorgen« (1898) in ihrer engen Mansardenstube. Sind es Prostituierte, erschöpft von ihrer »Nachtarbeit«, oder Näherinnen, die Nähmaschine links hinten deutet darauf hin, die die Sonntagnacht durchgebummelt haben und die nun wieder die Fron erwartet?
Das monumentale Gemälde »Sommerfest in der Laubenkolonie« (1909) zeigt einen Festzug der Kinder - und doch entsteht nicht der Eindruck von Fröhlichkeit. Ernst sind die Kindergesichter und auch die zuschauenden Erwachsenen stehen empfindungs- und regungslos vor ihren Lauben. Ein mit einer Kaiserbüste und schwarz-gold-roten Behängen dekoriertes Vergnügungsetablissement - »Tingeltangel« (1900) - zeigt Honoratioren und Studenten, die ebenso lüstern wie gelangweilt dem Tanz eines den Rock hebenden »Tingeltangel«-Mädchens zusehen.
Als Eisenbahnmaler der Jahrhundertwende hat er sich einen Namen gemacht, die Welt der Technik war für ihn ein Faszinosum: »Da werde ich positiv, wenn ich sie darstelle.« Fahrende Züge, Dampf ausstoßende Lokomotiven, Bahnhöfe - freilich auch mit dort sich aufhaltenden Obdachlosen - sie sind Ausdruck seines technischen Fortschrittsglaubens.
Baluschek hat später die soziale Anklage in seinen Bildern weitgehend aufgegeben und sich auf die mehr oder weniger beschauliche Wiedergabe des Lebens beschränkt. Aber mit seinen Fantasie sprühenden Farbtusch- und Federzeichnungen zu Gerdt von Bassewitz’ Märchenerzählung« Peterchens Mondfahrt« (1919) hat er einen Gegenakzent zur Alltagsbildwelt gesetzt und seinen Ruf als vielgefragter Kinderbuchillustrator begründet.
Bis 15. April., Bröhan-Museum
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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