Potsdam (nd). Der Kirchenmann Günter Kuhn verteidigt die Landtagsabgeordnete Gerlinde Stobrawa (LINKE), die sich Angriffen wegen ihrer Kontakte zum DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ausgesetzt sieht. Die Beurteilung Stobrawas als »sehr stark belastet«, habe ihn betroffen gemacht, schrieb Kuhn dem Landtagspräsidenten Gunter Fritsch (SPD). Der Brief liegt dem nd vor.
Stobrawa hatte dienstliche Gespräche mit Stasi-Offizieren stets eingeräumt. Sie beteuert, nichts davon gewusst zu haben, dass sie als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) »Marisa« geführt wurde. Die Stasi-Kommission des Landtags zweifelt aber Stobrawas Glaubwürdigkeit an und bemängelt, dass die Politikerin einst als Abteilungsleiterin im Rat des Bezirkes Frankfurt (Oder) Informationen über ihren Stellvertreter weitergab. Die Opposition fordert Stobrawa auf, ihr Mandat niederzulegen.
Günter Kuhn ist Superintendent in Rente, Ehrenbürger der Stadt Fürstenwalde und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er erklärt, die Landtagsabgeordnete kenne er aus seiner Zeit als Komoderator des Runden Tisches im Bezirk Frankfurt (Oder) 1989 und 1990 sowie als Bürgermeisterin von Bad Saarow.
Im vergangenen Jahr sei er mit drei anderen Herren gebeten worden, für die Gemeindevertretung von Bad Saarow Stasi-Dokumente zu sichten und Beurteilungen abzugeben, berichtet Kuhn. Man habe Stobrawa zu einer »eidesstattlichen Versicherung« geraten, »zu keinem Zeitpunkt offiziell mit dem MfS zusammengearbeitet zu haben«. Den Kirchenmann wundert offensichtlich, warum die Landtagskommission zu einem anderen Urteil gelangte, obwohl sie das selbe Material der Stasi-Unterlagenbehörde auswertete.
Die Kommission hörte keine Entlastungszeugen. Ohne dies halte er die »Wertung sehr dürftiger MfS-Unterlagen für unverhältnismäßig«, bekennt Kuhn. »Der anerkannte Einsatz« Stobrawas seit 1990 ist seiner Ansicht nach »gewichtiger als der einstige Bericht über ihren Stellvertreter«. Kuhn fragt auch, ob dem »Angeschwärzten« denn Nachteile erwuchsen. Dergleichen ist tatsächlich nicht bekannt. Der Mann behielt seinen Posten und rückte im Dezember 1989 sogar noch zum Abteilungsleiter auf.
Gleichwohl riet Kuhn der gesundheitlich schwer angeschlagenen Politikerin bei einem persönlichen Gespräch am Montag, Amt und Mandat aufzugeben - allerdings nur, um sich »nicht der übergroßen Belastung eines Kampfes über die Bewertung ihrer Vergangenheit auszusetzen«.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Die LINKE steht hinter Stobrawa Kein Ausschluss aus Fraktion wegen Neubewertung von Stasi-Vorwürfen
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