Die Werkstattschule an der Pawlowstraße ist wohl eine Vorzeigeeinrichtung. Selbst am späten Freitagnachmittag kann man durch die Fenster noch Kinder beim Flöten sehen, in der Aula zeigen die Socken, auf denen ältere Schüler unterwegs sind, dass man sich hier zu Hause fühlt. Mustergültig haben sich die wahlberechtigten Schüler - kommunal gilt das Wahlalter 16 - in der vergangenen Woche mit den Programmen der Parteien befasst. Und nun, da der Oberbürgermeister und seine sechs Herausforderer zum Podiumsgespräch gekommen sind, stellt der Moderator als Erstes die Frage, auf die sich die Schüler als für sie wichtigste geeinigt haben: »Wie stehen Sie zur Atomkraft?«
Routiniert spulen die sieben ab, wie wichtig der Energieumbau sei; Amtsinhaber Roland Methling (parteilos) sagt immerhin, dass er das vor einem Jahr noch anders gesehen habe, während die CDU-Bewerberin und Bürgerschaftspräsidentin Karina König die alternativ angehauchte Schülerschaft mit einem flotten »Atomkraft, Nein Danke, ist klar« unterhält. Die Frage nach der Energie ist in der Windradstadt Rostock nicht mehr sonderlich kontrovers; man hätte gern etwas zu den schmutzigen Details der Lokalpolitik erfahren, wie die Schüler in ihrem selbsterstellten Flyer angedroht hatten: Wie steht es mit dem Ausbau der Straßenbahn in den Stadthafen? Gibt es Geld für eine neue Schwimmhalle im Nordwesten?
Doch dazu kommt es nicht, weil der Moderator stattdessen in einer allgemeinen Form über Stadtfinanzen diskutieren lässt. Und das ist der Punkt, an dem in Rostock die Front verläuft. OB Methling, der nach seiner Wahl 2005 einen weitreichenden Verkauf des städtischen Tafelsilbers ins Werk hatte setzen wollen, brüstet sich vor den Schülern tatsächlich mit den Gewinnen, die kommunale Betriebe wie die Wohnbaugesellschaft WIRO oder die Straßenbahn inzwischen abwerfen: »Ich bin sehr froh darüber, dass wir das gemeinsam geschafft haben.«
Das lassen ihm die anderen nicht durchgehen: Es sei die Bürgerschaft gewesen, die den Ausverkauf zum Glück verhindert habe, sagt der 46-jährige Grünen-Bewerber Andreas Blauel, der in dieser Schule offenbar eine Art Heimspiel hat, unter Szenenapplaus: Wer kommunale Betriebe der Daseinsvorsorge verkaufe, »der schneidet sich ins eigene Fleisch.« Das scheint inzwischen Konsens an der Warnow; nicht einmal Methling, der noch in seinem Haushaltsentwurf für 2011 erhebliche Vermögensveräußerungen eingeplant hatte, wagt den Widerspruch auf offener Bühne.
Die Stimmung war freilich mal anders. Als unter anderem LINKE, ver.di und Arbeitslosenverband vor wenigen Jahren mit dem Sammeln von Unterschriften gegen den Verkauf der Daseinsvorsorge begannen, sprachen selbst SPD und Grüne von Traumtänzerei; erst unter dem Eindruck des Erfolgs der Sammlung gab es einen Umschwung in der Bürgerschaft. Nun ist es Kerstin Liebich, gebürtige Rostockerin und Berliner Ex-Staatssekretärin, die diese Ernte bei der OB-Wahl für die LINKE einfahren will und soll.
Doch das Polarisieren liegt ihr nicht. Statt an dieser Stelle anderen ihre Sünden vorzuhalten, versucht sie es mit leisen Tönen: Ihr Anliegen sei es, »der Sozial- und Jugendpolitik wieder eine Stimme zu geben«. Und als es später um die kulturellen Fragen geht, das neue Haus für das Stadttheater, aber auch die freie Szene, gibt Liebich das Wort sogar freiwillig an Grünen-Bewerber Blauel weiter. Demnach sind Blauel und Liebich für eine »Öffnung des Volkstheaters in die Stadt«, für ein »urbanes« Konzept, in dem auch die Bedürfnisse der freien Stätten auf Augenhöhe mit der »Hochkultur« behandelt werden. Einem teuren Theaterneubau, der eigentlich freilich beschlossen ist, stehen Liebich und Blauel demnach eher skeptisch gegenüber. Vor allem aber, sagt Liebich, müsse »der Streit aufhören in dieser Stadt«.
Auch Rostocker-Bund-Chefin Sibylle Bachmann sorgt sich längst um »das Vertrauen der Mitarbeiter« der Stadt. Finanzamtschef Ait Stapelfeld, der überraschend für die SPD antritt, sieht die Stadt vom Dauerstreit zwischen OB und Bürgerschaft gebremst. Die anderen nicken - bis auf den Oberbürgermeister, der auf saftigen Plakaten das Gegenteil verspricht: »Anpacken statt schnacken« steht darauf oder: »Mittendrin statt nur Partei«. Sprich: Ich, Methling, gegen alle.
Solange vor allem diese Front steht, das muss des OB Kalkül sein, hat er eine Chance: Die anderen nehmen sich die Stimmen weg, sie unterscheiden sich zu wenig. Am 5. Februar wird sich zeigen, ob das aufgeht.
...heißt die CDU-Kandidatin.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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