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Von Ulrike Henning 23.01.2012 / Wirtschaft

Protestzug drängt auf eine andere Landwirtschaft

Veganer, Umweltschützer, Biowirtschafter: Widersprüchliche Forderungen auf Demo

Die Demonstration zu Beginn der Grünen Woche in der Bundeshauptstadt war bunt. Vielleicht zu bunt? In zentralen Forderungen haben sich die Teilnehmer nämlich widersprochen.
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Auch ein Huhn hat Rechte, so die Botschaft dieser Demonstrantin.

Schneeregen, Wind und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt hielten am Sonnabend nach Veranstalterangaben etwa 23 000 Menschen in Berlin nicht davon ab, unter dem Motto »Wir haben es satt« für ihre Vorstellungen einer alternativen Landwirtschaft zu demonstrieren. Eröffnet wurde der Protestzug am Hauptbahnhof von einer ganzen Reihe Traktoren. Diesen folgten vor allem viele Jugendliche, aber auch Familien und Ältere, neben Gruppen von Verbänden und Bauern diverser Ausrichtungen. Trommeln, Trillerpfeifen und Kuhglocken sorgten für die passende Geräuschkulisse. »Power to the Bauer« hieß es auf der Standarte der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, »Tiere würden Freiheit wählen« erklärten die Veganer. Vor dem Kanzleramt schließlich ragte eine hohe Maiskolben-Nachbildung mit der Aufschrift »Manipuliert?« in den grauen Himmel.

Gegen die »Vermaisung« Deutschlands wandten sich Naturschützer. Sie und andere Kritiker der übermäßigen Förderung von Biogasanlagen weigern sich auch, diese landwirtschaftlichen Akteure Bauern zu nennen. Das weist auf einige Widersprüche in der Agrardemonstration hin. Zu finden waren diese auch zum Thema Tierhaltung. Während die Veganer und andere Tierschützer Fleischverzehr und die Nutzung tierischer Erzeugnisse ganz ablehnen, fordern andere »nur« art- und umweltgerechte Haltung.

Vegetarier, Veganer, Tierschützer, Umweltschützer und auch die Biowirtschaft stellten Fahnen und Transparente und sammelten Zuspruch. Ein vom Vegetarier-Bund empfohlenes Buch wurde per Flyer beworben. Kunden, Mitarbeiter und Freunde des Kleidungsversandhändlers Hessnatur wollen lieber eine Genossenschaft als in die Hände eines Private-Equity-Fonds zu geraten. Andere Demonstranten empfanden schon mehr als nur leichtes Unbehagen angesichts der Demeter- und Bioland-Fahnen und der Präsenz anderer Bio-Wirtschaftsvertreter: Ökokapitalismus, so ihr Transparent, sei auch keine Lösung. Das System müsse verändert werden, nicht nur das Label.

Viele Ortsschilder wiesen auf die Gemeinden hin, die versuchen, sich der riesigen Stallanlagen in ihrer Nachbarschaft zu erwehren, von denen ihnen diverse Umweltverschmutzungen drohen: Antibiotika im Grundwasser, Verkehrslärm durch Transporte, Güllegestank. Auf einem großen Transparent wurde der Schlachthof Weißenfels thematisiert, wegen dessen fehlender Kläranlage der Umweltverband BUND Klage einreichte. Ein Solokünstler will zu Pfingsten in Burg Klempenow »die Sau rauslassen« und mit anderen gegen den Neubau der größten europäischen Ferkelzuchtanlage in Alt-Tellin (Mecklenburg-Vorpommern) tätig werden.

Wenn auch die Anliegen sehr verschieden sind, eins wollten die Demonstranten keinesfalls: sich von Landwirtschaftsministerin Aigner und der Agrarindustrielobby diffamieren lassen. Luxusprobleme hätten die wohlstandsgesättigten Protestler, sie wollten den Hungernden der Welt die Errungenschaften einer modernen industriellen Landwirtschaft verweigern. Das weisen Veranstalter und Teilnehmer von sich, Umweltzerstörung durch Agrarkomplexe seien sowohl in Industrie- als auch Entwicklungsländern nachweisbar. Kritisch verfolgt und konkret benannt wird jeder Schritt der Politik, so das Zurückweichen der Ministerin beim Tierschutz. Nur ein Aspekt dabei: Die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung soll nun erst ab 2017 verboten werden.

Alternativen gab es nicht nur auf Transparenten und in Redebeiträgen. Ganz konkret wurde das bei der Selbstversorgung mit heißer Protest-Suppe. Hunderte Beteiligte schnippelten am Abend vor der Demonstration bei Popmusik in einer Kreuzberger Markthalle frische Zutaten, die nicht den Handelsnormen entsprechen.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Internationale Grüne Woche

    Am 19. Januar wurde die 77. Internationale Grüne Woche in Berlin offiziell eröffnet. Bis zum 29. Januar zeigen 1624 Aussteller aus 59 Ländern ihre Produkte aus Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft und Gartenbau. Das Motto in diesem Jahr: Regionalität ist Trumpf. Mehr

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3 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Rotspoon, 22. Jan 2012 22:20

    Egal wo für oder wo gegen

    Hauptsache es ist alles Bio - und anders. Aber einigen scheint schon ein Licht aufzugehen: Das ganze deutsche ökosoziale grüne Geschnatter läuft tatsächlich nur auf eins hinaus: einen nachhaltigen Ökokapitalismus. Und bei dem werden nur die mit dem KLEINEN ökologischen Fußabdruck zugelassen. Der Rest bleibt draußen vor der Tür.

    • Permalink

  • Rotspoon, 22. Jan 2012 22:35

    Und was ich noch fragen wollte

    War die LINKE auch dabei? Gab es einen Grünen LINKEN Block mit der zentralen Forderung aus dem Programm: "... Kauf von Bio-Lebensmitteln für alle ..."?

    • Permalink

  • fuerTiere, 24. Jan 2012 13:23

    Tierquälerei

    Tiere sind Lebewesen genau wie Menschen. Sie empfinden Schmerz und Gefühle wie z.B. Angst. Trotzdem werden Schweine, Rinder, Hühner usw. von Menschen wie Produkte oder Waren behandelt. Wir sperren sie ein, halten sie teilweise unter den schlimmsten Bedingungen, mästen und töten sie, um sie dann zu essen.

    • Permalink

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