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Von Ulrike Henning 23.01.2012 / Wirtschaft

23000 hatten es satt

Demonstration in Berlin für Neuausrichtung der Agrarpolitik

Tausende Menschen demonstrierten am Samstag in Berlin gegen die Agrarindustrie und die aktuelle Agrarpolitik. Unter dem Motto »Wir haben es satt!« hatte ein Bündnis von mehr als 90 Organisationen zum Protest aufgerufen.

Umwelt- und Tierschützer, Bauern, Imker, Slow-Food-Anhänger, Vegetarier und Veganer zogen vom Berliner Hauptbahnhof zum Bundeskanzleramt. Nach Angaben der Veranstalter nahmen 23 000 Menschen an Demo und Kundgebung teil. Anlass war die Verbraucher- und Landwirtschaftsmesse »Grüne Woche« sowie der gleichzeitig stattfindende internationale Agrarministergipfel.

Auf Transparenten, Plakaten und in Sprechchören machten die Teilnehmer auf aktuelle Risiken der industriellen Lebensmittelproduktion aufmerksam. Waren es im 2011 Dioxinreste im Tierfutter, wurden kürzlich antibiotikaresistente Keime in Geflügelfleisch gefunden. Angesichts ständig neuer Skandale verlangten die Veranstalter von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und von Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) eine Neuausrichtung der Agrarpolitik. Der Regierung wurde vorgeworfen, bei der EU-Agrarreform Steigbügelhalter der Agrarindustrie zu sein, statt Forderungen der Zivilgesellschaft durchzusetzen. Subventionen müssten an ökologische, soziale und Tierschutzkriterien gebunden werden. Zuzahlungen für Agrarexporte seien zu stoppen.

Forderungen gab es auch an die Regierungen der Bundesländer. Schleswig-Holstein und Brandenburg gehören nach einer Branchenstudie zu den Regionen mit den schlechtesten Bedingungen für die Öko-Landwirtschaft - trotz wachsender Nachfrage. Gastronomin Sarah Wiener forderte eine Hinwendung zu einer bäuerlichen und nachhaltigen Landwirtschaft, da der Anteil derer, die gesunde Lebensmittel wünschten, viel größer sei, als die Politik glauben machen wolle.

Die Kritik galt auch der Anwendung von Gentechnik in der Landwirtschaft, der Tierquälerei in den Massenställen und dem Flächenverbrauch für den Anbau von Rohstoffen für die Energieerzeugung. Gefordert wurde eine ökologische und zukunftsfähige Landwirtschaft in Deutschland. In diesem Zusammenhang protestierten mehrere Redner gegen den Import billiger Futtermittel aus ärmeren Ländern, nur um in Deutschland jederzeit Fleisch zu Schleuderpreisen zur Verfügung zu haben und sogar noch zu exportieren.

Gegen Landraub für Futtermittel und Agrosprit in den Ländern des Südens wandte sich die Nigerianerin Mariann Bassey, Sprecherin des internationalen Umweltnetzwerkes »Friends of the Earth«: »Die Politik hat die schrankenlose Spekulation auf Lebensmittel erst möglich gemacht.« Die EU-Agrarpolitik brauche eine Kehrtwende weg von Überproduktion und Fleischexporten.

Wie schon im Vorjahr versuchte auch diesmal wieder eine Gruppe von Neonazis, das Thema für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Sie wurden aus der Demonstration gedrängt und mussten sich unter Polizeischutz entfernen. Seite 2

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Internationale Grüne Woche

    Am 19. Januar wurde die 77. Internationale Grüne Woche in Berlin offiziell eröffnet. Bis zum 29. Januar zeigen 1624 Aussteller aus 59 Ländern ihre Produkte aus Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft und Gartenbau. Das Motto in diesem Jahr: Regionalität ist Trumpf. Mehr

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