Bilder der Sehnsucht sind es tatsächlich, die derzeit in der Brasilianischen Botschaft zu sehen sind. Gemalt hat sie Fritz Steisslinger, einer, der gerade wieder entdeckt wird. Geboren wurde er 1891 in Göppingen, absolvierte eine Ausbildung zum Metallgraveur, studierte von 1911 bis 1914 Kunst in Rom und Venedig. Beide Weltkriege hat er mitmachen müssen. Sein Interesse an Brasilien entfachte die deutschstämmig dort geborene Ehefrau, mit der er 1922 das selbst entworfene Haus in Böblingen bezog. Hier blieb er bis zum Tod 1957. Bis dahin hat er, Vertreter eines expressiven Realismus, über 360 Ölgemälde, rund 500 Aquarelle und Gouachen sowie Skizzen, Zeichnungen und Druckgrafiken geschaffen. Aufbewahrt werden sie großenteils in der Städtischen Galerie und dem zur Gedächtnisstätte gewordenen Böblinger Wohnhaus. »Sehnsucht Brasilien« präsentiert in der Botschaft an der Wallstraße eine Auswahl von knapp 40 Werken des Malers. Gut 30 davon stehen für jene Sehnsucht nach der Südamerika dominierenden Republik von der Größe eines Kontinents.
Alle fangen sie mit Pastelltönen und hinreißender Leichtigkeit brasilianisches Leben ein. Erstmals 1934 besuchte Steisslinger die Amazonas-Nation, lebte zwischen 1948 und 1950 auf fast zwei Jahre in Teresópolis, hielt sich insgesamt mindestens fünfmal dort auf. Ausgedehnte Reisen ließen ihm Land und Leute ans Herz wachsen. Besonders die Natur mit ihrer üppigen Flora hatte es ihm angetan; mit Deckfarbe respektive Tempera auf Papier setzte er ihr ein Denkmal, auch noch lange nach Rückkehr von seinen Reisen. So entstand 1955 eine Szenerie aus bläulichen Bergen unter blauweißem Himmel, davor schlanke Bäume und das satte Grün einer tropischen Vegetation, hingetupft mit kurzem Strich und in unruhiger Gebärde. Etwas früher datiert eine prächtige Bananenstaude, hinter deren großen roten Blütenkelchen ein Affe vorlugt. Meisterhaft die Atmosphäre einer Berglandschaft bei Teresópolis, goldgerahmt das flirrende Grün der Natur in dickem Farbauftrag, kraftvoll violett eine Blüte im Vordergrund.
An Christan Rohlfs Farbintensität erinnert eine hellblaue Tropenpflanze, die nach oben in loderndem Gelb ausläuft. Auch sein Haus in Teresópolis malt Steisslinger, weiß auf roter Erde, klar die Farbflächen gegeneinander setzend. Liebenswürdig fallen seine Reiseimpressionen aus, zeigen Menschen in ihrem Lebensalltag, beim Dreschen oder am Hafen, beim Warentransport auf Lasttieren oder mit Fuhrwerken. Immer wieder fixiert der Maler den Strand bei Rio de Janeiro mit fernem Blick auf einen rötlichen Zuckerhut und die berühmte Christus-Statue darauf. Pittoresk, nicht aber romantisierend zeichnet Steisslinger das Treiben auf einem Markt, die Menschen in typischer Tätigkeit festgehalten.
Noch vor dem ersten Aufenthalt in Brasilien besuchte der Maler Berlin, lebte mit der Familie 1929 bis 1931 an der Kantstraße. Eine Skizze zeigt ihn mit der Frau und den drei Söhnen bei der Ankunft am Anhalter Bahnhof; zwei werden den Weltkrieg nicht überleben. In Berlin knüpft Steisslinger nicht nur Kontakte zu Paul Cassirer, Ludwig Justi, Max Liebermann, Alfred Kerr. Es entstehen zahlreiche Stadtlandschaften, düster und expressiver im Ausdruck als die späteren Brasilien-Reminiszenzen, gemalt mit breitem Pinsel und großflächigem Farbauftrag. Der Fluss trägt Schleppkähne, am umwölkten Funkturm tummeln sich Kinder, zwischen Mietskasernen spielen Jugendliche Tennis. Vitrinen mit Skizzenbüchern ergänzen die Eindrücke.
Bis 27.1., Brasilianische Botschaft, Wallstr. 57
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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