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Von Hans-Dieter Schütt 24.01.2012 / Feuilleton

Die Macht der Mikrobe

Morgen wird der »Universaldilettant« Werner Schneyder 75 Jahre alt

Wenn man Schneyder schulterstark, aufragend daherkommen sieht, weiß man: Das »y« macht’s. Aus der Massenware Schneider wurde so die Herausgehobenheit Schneyder - ein einziger Buchstabe, und die Welt des Durchschnitts ist überwunden.

Werner Schneyder ist angriffslustig, kraftbewusst, professionell im Streitvermögen. Der gewachsenen Macht der Zerstreuungsindustrien begegnet er mit der Unbesorgtheit eines Ausgesorgten: Er schimpft sich frei, besonders gern natürlich in seiner Heimat Österreich, dieser »Isolierzelle, in der man schreien darf«. Dabei lässt er sich freilich nicht die Noblesse nehmen, vor allem nicht sein literarisches Niveau, das Wiener Caféhäusern (denen von früher, wohlgemerkt!) offenbar näher steht als jener fragwürdigen Moderne, in der die Entgrenzung zwischen Kultur und Warenwelt immer bösere Maße annimmt.

Im Jahre 1995 gab er seinen kabarettistischen »Abschiedsabend«. Wer ihn erlebte, sah einen Mann im Maßanzug, der mit geradezu utopischer Bedächtigkeit, dann wieder mit beinahe brutalem Schwung resümierte: Es sei » Erntezeit« (so der Titel eines späteren Buches). Und trotzdem schlug da noch ein Wunsch durch, gegen alle Erfahrung: der Wunsch vielleicht, es gäbe ein Leben, das aller Zurechtweisungen und Korrekturen durch Kunstanstrengung nicht mehr bedarf. Die Menschen also endlich gut wären.

Aber Werner Schneyder sagte damals vorsichtshalber »Auf Wiedersehen!«, nicht »Lebt wohl!« Denn diesen schön-grausamen Wunsch einer moralisch befriedeten Welt würde er uns und würde die Welt uns nicht erfüllen. Kabarett hat er danach nicht wieder gemacht, aber mit Alt-Freund Dieter Hildebrandt ging er wieder auf die Bühne (»Sunny Boys«). Und er hat geschrieben, das Tagebuch einer Arthur-Schnitzler-Regie in Meiningen, über den Abschied von seiner sterbenden Frau, Geschichten über das schöne, böse, blöde, blendende Leben. Und es hat sich herausgestellt: Im Grunde seines Selbstverständnisses ist der Schriftsteller Schneyder - bekennender Liebhaber der Barocklyrik, besonders Friedrich von Logaus - ein Melancholiker. Der sehr direkt daherkommen, aber zugleich sehr keusch wirken möchte.

Seine erzählerische Bitterkeit achtet auf Raum für versöhnendes Sentiment. Wer seine aufregenden, vertrackten, verschmitzten Erzählungsbände »Das Gefährliche in der Kunst« und »Karrieren« liest, weiß um die Leiden jener, die sich Höherem verschreiben, und die an sich selber kranken, weil sie für die anderen Welten vielleicht doch zu klein sind. Aber es sind auch Geschichten darüber, wie Kunst funkeln kann im Alltag der unentwegten Voranschreiter und Weltdurchschauer. Die Kunst zu lieben und sie zu leben - das ist das Gefährliche an ihr, in ihr.

Der 1937 in Graz Geborene ist Kaufmannssohn (»Der wichtigste Satz meiner Mutter: ›Was werden nur die Leute sagen!‹ Das habe ich früh verachten gelernt«), er studierte Publizistik und Kunstgeschichte, 1974 begann die Bühnenlaufbahn. »Talktäglich« hieß das Start-Programm mit Dieter Hildebrandt. Ihm folgten unzählige Brettl-Auftritte und erfolgreiche Soli. Er war der erste »nichtkommunistische Kabarettist« auf DDR-Gastspielreise. Sprach aus, was anderen verboten war. »Ich hatte die Macht der Mikrobe.«

In Los Angeles, Seoul und Barcelona kommentierte der 1,96-Mann olympische Boxturniere. Seine Stärke war intellektuelle Distanz, am liebsten »gesprochen von der Höhe eines Barhockers«. Im »Ausgefallenen Sportstudio« versuchte er spöttisch-feuille-tonistische Betrachtungen, bis das ZDF diese Art des routinewidrigen Journalismus wirklich ausfallen ließ. Indem es die Sendung absetzte und so dem Zorn Schneyders auf mediale Selbstbeschneidung dauernde Nahrung gab. »TV-Direktoren, die auf ihre zwei Prozent gute Programme verweisen, kommen mir vor wie Mafia-Bosse, die für SOS-Kinderdörfer spenden.«

Der Autor ist stolz darauf, »ganz konservativ« in Reimen zu dichten und diese in zwei alte Schreibmaschinen hineinzutippen. Er mag nicht jene computerbewehrten Neuzeit-Gefangenen, die von Software zu Software hetzen, die immer mehr wissen - aber doch deshalb nicht ein Quentchen mehr können.

Ein Mann zwischen allen Stühlen - aber mit dem haltbaren Ehrgeiz, auf jedem ein wenig Platz zu nehmen: Medien und Kabarett, Literatur und Chanson, Boxring und Regie. Es scheint, dieser Mann passt bei allem, was er himmlisch gut tut, doch höllisch auf, dass Kompetenz nie Oberhand gewinnt über dilettierende Lust. Ein Multitalent? Er hat kein Talent wirklich richtig; aber erst im Dilettanten, so Erich Friedell, vereinen sich so wunderbar Mensch und Arbeit.

»Gäbe es den Abstieg nicht, wären die Gipfel übersät mit erfrorenen Bergsteigern.« Ein Schneyder-Satz, ausgesprochen von einem, der lange und lange genug oben war. Hatte er je selbst Angst vor dem Abstieg, dem Absturz gar? Der (Lebens-)Künstler im nd-Interview: »Den Abstieg werde ich mir unterhaltsam zu gestalten wissen, und sei es mit Wein. Absturz wäre der Tod, aber da kenn ich mich nicht so aus.« Er werde wohl nie den Kopf in den Sand stecken. Denn »genau dort könnte das Dioxin gelagert sein«.

Morgen wird Werner Schneyder 75 Jahre alt.

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