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»Burggartentreppe«, Radierung, 2011. Links: »Selbstporträt«, Zeichnung, 2005
Foto: Katalog
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Treppen, Stufen, Steige, Stege - in der freien Natur geschaute Lieblingsmotive des Radierers und Zeichners Walter Herzog. Die Titel der Blätter sagen manchmal, wie und wo es hingeht: »aufwärts« lautet oft das Adjektiv. Wiewohl die steinernen, erdigen oder knüppeligen Wege, Pfade, Brücken die Richtung der Begehbarkeit eigentlich nicht vorschreiben. Auf- oder absteigen, das ist eine Frage der Perspektive. Herzogs Blick geht in die Höhe, in die Ferne, fasziniert allein vom Übergang. Menschenleer die Szenerien, brüchiges Gemäuer, verfallene Hütten, gestorbene Bäume, Wurzelgeschlinge, Astnetze, Zweiggeflecht, Windflüchter, Weidenkrüppel, Meeresstrandweiten mit rundgeschliffenem Gestein. Hingegeben ans Eichendorffsche »Schweigt des Menschen laute Lust«.
Eiche, Lärche, Apfelbaum, pflanzliche Formationen, die verwachsen sind, manche zu bizarren Gespinsten, oder ein nackter Baumstamm, dem geschundenen Marsyas gleich - alles, was Herzog mit Nadel, Feder, Stift filigran, detailreich und vielgestaltig aufs Papier bringt, ist natur-getreu. Das heißt: den Augen trauend, es ist nicht verrätselt, diffus, verschleiert, wie heutzutage Mode in der bildenden Kunst. Ist jedoch mehr als Dokument: Ist Denk- und Stimmungsbild aus intimer Naturerfahrung. Die Stubbenkammer auf Rügen, das Elbsandsteingebirge, der Harz und jüngst die Dolomiten sind die wichtigsten Spender der künstlerischen Inspiration.
Die Kostbarkeit des Augenblicks ist eingefangen in diesen Metaphern für Abschied, Vergehen, Verlust. Die Dramatik kleidet sich in Stille. Herzogs Credo: das Vergängliche festhalten, »Schönes bewahren und erzeugen«. Dass er dabei mehr als Abbild schafft in nuancenreichem Wechsel von Licht und Schatten, er nennt es »Inbild«. Vielleicht im Rilke'schen Sinne: »Nirgends ... wird Welt sein als innen. Unser Leben geht hin mit Verwandlung.« Die assoziative Nähe zu Caspar David Friedrich, Giovanni Battista Piranesi und Werner Tübke jedenfalls, die man in den Bildern erkennt, ist dem 1936 in Dresden geborenen, in Berlin lebenden Herzog durchaus recht.
Die Arbeiten sind in altmeisterlicher Technik geschaffen. Auch einige Porträts und Akte und die auf Reiseimpressionen basierenden Blätter gehören dazu: Venedig, Florenz, Epidauros, Syrakus, Delphi - Statuen wie Nike, Venus, antike Architektur. Dafür bietet das Panorama Museum in Bad Frankenhausen mit Werner Tübkes Monumentalgemälde eine Etage über dem Sonderausstellungsraum einen wunderbaren Zusammenklang. Tübkes »theatrum mundi« wächst geradezu aus Herzogs Parade sinnlich wuchernder Natur heraus.
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Foto: Katalog
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Wie sehr ihm auch Figürliches in der Art eines Rembrandt oder Tintoretto zu Gebote steht, zeigen einige Beispiele. Herzog ist dem Schwarz-Weiß-Grau aus dem Druck der Kupferplatte verpflichtet. Dass er wohl immer auch die Farbe mitdenkt, lässt sich aufs Eindrücklichste anhand der neueren großformatigen Zeichnungen bemerken, die mit Feder auf zart lavierten, mildtonigen Bütten-Untergründen mit ihrer plastischen Oberfläche oder auf grünlichem bis bräunlichem Papier ausgeführt sind: Zackige Felsspitzen - das obere Plateau der Dolomiten ist der Blickpunkt - ragen ins Wolkenwabern hinein. So, als sei der Künstler den Leerstellen, in die die Treppen, Stege, Steige der früheren Grafiken führten, und die gefüllt waren von nichts als Ferne und Sehnsucht, ein wenig näher gekommen. Nun sind es die Wolken, über die es ins Freie, ins Ungewisse, Ungeschaute, in die Unendlichkeit geht.
Räume schafft Herzog im Zweidimensionalen des Papiers, und man kann sie als Anblicke genau lokalisierbarer Orte wiedererkennen. Doch sind sie in der Form fantastische Steigerungen des genau Beobachteten, sie verdichten Ideelles - das Schweigen der Natur. Dieses Atemanhalten, das der Betrachter geradezu physisch spürt, ist das Wissen: Wie hoch hinaus die Wege auch gehen, welche Tore auch zu durchschreiten sind, am Ende steht der Tod.
Herzogs Grafiken und Zeichnungen in ihrer Poesie und handwerklichen Meisterschaft sind außerordentlich begehrt von Sammlern, im Bestand zahlreicher Museen, mit der stattlichen Zahl von über 200 Ausstellungen gewürdigt. Das Panorama Museum zeigt eine Auswahl von 150 der mehr als 1500 von Herzog in vier Jahrzehnten geschaffenen Blätter. Kurzum, er ist ein Künstler, der unbeirrbar seinen Weg geht: die Treppe aufwärts.
Panorama Museum, Am Schlachtberg 9, Bad Frankenhausen: Walter Herzog - Grafik und Zeichnungen. Bis 12. Februar, Di-So 10-17 Uhr. Katalog.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Preis: 14,95 €
Preis: 9,95 €
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