Von Stefan Amzoll
24.01.2012

Alles Schall und Rauch? Hier nicht

In Berlin hat das »Ultraschall«-Festival für Neue Musik begonnen

Festivals Neuer Musik gibt es in Deutschland zuhauf. Eine Ressource, zu bewundern wie kritisch zu beäugen, denn immer mehr Tinneff hält Einzug, billige Musik, postpostmoderne hoch technisierte Feinstrickware für jede Mücke in der Nische, Performance-Einerlei, Schall und Rauch. Mindestens jede Landeshauptstadt hat ihr auf Neues getrimmtes Musikfest, das irgendwie überleben will. Alle müssen sich unentwegt und aufwändig legitimieren.

In Berlin sind »Ultraschall« und »MaerzMusik« seit einigen Jahren feste Größen. Potsdam hat jährlich die »Intersonanzen«. Die »Randspiele« in Zepernick, bald nach der Wende eingerichtet und anfangs hauptsächlich Möglichkeit für so genannte ostdeutsche Komponisten (als wären die keine deutschen Komponisten), finden nach wie vor Zuspruch, obwohl es immer schwerer wird, dieses Kleinformat am Leben zu erhalten. Misslicher Umstand: Die Musik-Biennale Berlin, genuines DDR-Produkt und bis in die späten 90er Jahre auf hohem Niveau fortgeführt, gibt es seit über zehn Jahren nicht mehr. Eine Lücke, die nicht geschlossen worden ist, nicht schließbar ist. Um Belange lebender Zeitgenossen kümmert sich sodann das »Musikfest Berlin«, Nachfolger der »Berliner Musikfestspiele«, die noch Ulrich Eckhardt einst sehr erfolgreich veranstaltet hatte, vielfach einbeziehend osteuropäische Kompositionskulturen.

Für »Ultraschall« trifft der obige Blick auf Schwächen nicht zu. Das Programm ist wieder klar konzipiert, ohne Schnickschnack. Auch die Orte, jenseits der Allmacht von Philharmonie und Konzerthaus, passen: Parochialkirche, Sophiensäle, Musikinstrumentenmuseum, RBB-Sendesaal. Hochrangig die Interpreten: Neue Vocalsolisten, Pellegrini-Quartett, Salome Kammer, Rico Gruber, Nicolas Hodges, Frank Gutschmidt, um nur diese zu nennen. »Ultraschall« rekurriert auf Geschichte und Durchgesetztes gleichermaßen und schafft Neuestes (Rundfunkaufträge, die produziert werden und auf CD erscheinen).

Cage und Rihm, Jubilare in diesem Jahr (der Anflug ihrer Hochjubelei jagt schon jetzt Schrecken ein), sind Figuren unter anderen. Rainer Pöllmann von Deutschlandradio und Margarete Zander vom RBB, beide Institutionen ermöglichen »Ultraschall«, haben sehr sorgfältig erwogen und umsichtig montiert. Vorteil, bei ihnen liegen bedeutende Klangkörper: das Rundfunksinfonieorchester Berlin, das Deutsche Symphonieorchester, diesmal auch der RIAS-Kammerchor. Diverse Radio-Übertragungen am Abend (nicht nachts) erlauben es, teils schwierig entzifferbare Musik in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen.

Es juckt freilich, diese Bemerkung nicht zu unterlassen: Wozu sich mit Neuer Musik, Herkunft DDR, Ostdeutschland, beschäftigen, wo doch der Zwischenfall längst bereinigt ist? Den Schenker schenkt man sich (in diesem Jahr wird er siebzig), den Goldmann belässt man im Grabe, den Bredemeyer desgleichen. Katzer darf allenfalls Konzerte besuchen, ohne Ehrenkarte, und Christfired Schmidt (er wird achtzig), den alten Haudegen, denkt man sich lieber als einen, der aus seiner Wohnung in Prenzlauer Berg die Häuserwände anguckt, als ihn aufzuführen. Lediglich ein Blümelein darf ins Licht treten, die Partitur von »Live« (aus Androgyn) von Helmut Oehring und Iris ter Schiphorst, ein älteres Werk, das jetzt auf seine Verwirklichung wartet.

In der Parochialkirche, kaum beheizt, trotzdem bis auf den letzten Platz gefüllt, eröffnete der RIAS-Kammerchor, ein Wunder für die Ohren, den Reigen mit A- cappella-Chören und Kantaten. Dazwischen eingesprengt Stücke für Violine. Chor- und Instrumentalklang hallte wider von ungeputzten Mauern. Auf einem Dachboden entdeckte Frühwerke des bedeutenden Jean Barraqué, Mitbegründer der seriellen Kompositionsmethode im Frankreich des Nachkriegs, sind erklungen - neben späteren Arbeiten des Kanadiers Claude Vivier, von Pierre Boulez und José-María Sánchez Verdú.

Das Entdeckte - fraglich, ob der Komponist dies Stöbern erlaubt hätte - enthüllte sich als zwiespältiges Material. »Ecce videmus eum« für gemischten Chor a cappella (1949) ist rein auf Schönklang und ganz harmonisch gearbeitet, äußert Anmut und Empfindsamkeit. Ganz anders, sehr gelenkig, erfindungsreich, schon seriell konzipiert, aber sinnlich und keineswegs trocken gelehrig, Bar-raqués Sonate pour violon seul«, gleichfalls 1949, hier gespielt von Carolin Widmann. Dann noch seine Alt-Kantate mit Chor und vier Instrumenten »La nature...«, ein eher chaotisch anmutendes Stück, das kaum gefallen konnte. Der Alt kam spät und war fast nicht zu hören, die Instrumente eher unmotiviert eingesetzt.

Freilich bestach Boulez' »Anthémes 1« für Violine, jedoch Claude Viviers »Musik für das Ende« für 20 Stimmen und Schlagzeug (1971), eine Uraufführung, durfte man unter religiösen Ulk verbuchen, so ernsthaft sich auch die Choristinnen und Choristen auf ihre Rollen verstanden. Sie mussten laufen, dabei singen und Stäbe, Blöcke und sonstiges Schlagwerk betätigen. 30 Minuten Posen und eigentümliche, auf den Kirchenraum und Augenglänzen haarklein zugeschnittene Choraliter, Mätzchen und philosophische Sequenzen im Sinne von »Wer bin ich?«. Alle Achtung vor dem Glauben. Aber 30 Minuten zu viel.

Bis 29. Januar

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken