Ein Schauspiel vor dem Schauspiel: Etwa 40 Personen stehen gegenüber der Einfahrt zum Theater. Sie halten Kerzen in den Händen, Kreuze, weiße Rosen und ein Gesangbüchlein. Alois Brühwieler, Pater der erzkonservativen katholischen Piusbruderschaft, spricht vor, und wiederholt klingt ein kollektives Vaterunser durch die Abendluft des Hamburger Stadtteils Altona. Der Jungfrau Maria gelobt die Gruppe, »dich nach Kräften vor neuen Beleidigungen zu bewahren«.
Die Mahnwache protestiert am Montagabend gegen die Aufführung des Theaterstücks »Gólgota Picnic« im Thalia in der Gaußstraße (TiG), der Nebenbühne des dreimal (zuletzt 2007) zum Theater des Jahres gekürten Thalia Theaters. Das Werk des argentinisch-spanischen Regisseurs Rodrigo García behandelt Wesen und Grund von Religion anhand des Letzten Abendmahls. Jesus wird dabei von einer Frau im »Nackt-Kostüm« verkörpert, deren Kopf einen Motorradhelm mit Dornenkrone trägt. Konsumkritische Bühnen-Basis bilden 20 000 Hamburger-Brötchen, auf denen die Schauspieler der Frage nachgehen, ob der Schrecken der Welt zu religiöser Sehnsucht führe oder umgekehrt Religion erst Schrecken hervorbringe.
Genug Zündstoff offenbar, um Hunderte von Protestschreiben zu provozieren, die beim Theater eingingen, teils mit Gewaltandrohungen. Einen Antrag, die Aufführung zu verbieten, hat das Hamburger Verwaltungsgericht nur drei Stunden zuvor abgelehnt. Die Aufführung des Theaterstücks beeinträchtige nicht die individuelle Freiheit, seinen Glauben als Christ zu praktizieren, begründen die Richter ihre Entscheidung: Die Beteiligung am »religionsbezogenen gesellschaftlichen Diskurs über das Theaterstück« stehe jedem frei. Weil »der Kreuzestod unseres Erlösers in diesem Stück verhöhnt« werde, leite er nun ein »öffentliches Bitt- und Sühnegebet«, so Pius-Pater Brühwieler.
Auf der anderen Straßenseite drängt das Publikum in die ausverkaufte Vorstellung. »Die Kunst wird genutzt, um Themen auch einmal auf radikale Weise zu behandeln«, sagt Christina Schonk und zeigt ihre Eintrittskarte dem Sicherheitsdienst, der das TiG-Gelände abgesperrt hat: »Vielleicht hat die Piusbruderschaft das auch zum Aufhänger genommen, um Aufmerksamkeit für sich zu erzeugen.«
Vor Ort hält sich die Aufmerksamkeit in engen Grenzen. In Paris mobilisierte »Gólgota Picnic« im Dezember 4000 Gegendemonstranten, in Altona beobachten drei Polizisten das Geschehen auf beiden Seiten der Gaußstraße. Die Demonstranten halten Plakate hoch. »Nein zu Blasphemie« steht auf dem einen, »Stoppt das Theater mit dem Sohn von unserem Vater« dichtet das andere. Als die Mahnwache erneut zum Choral anhebt, ruft ein Mann dazwischen: »Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!« Die Menge singt unbeirrt weiter. »Die Stadt ist voll mit Freudenhäusern, das hier ist Kunst«, argumentiert die Gegenstimme. »Heuchelei«, wirft sie der christlichen Versammlung vor, und legt nach: »Christus ist nicht für uns gestorben, damit wir traurig sind.«
»Konsum und Religion sind zwei Themen, die kritisch zu behandeln sind«, bekräftigt die Besucherin Benita Ortwein kurz vor der Aufführung und blickt hinüber zu den Protestierenden: »Mit ihrer Intoleranz zeigt die Piusbruderschaft ja genau das, wovon das Stück handelt.« Ortwein bezeichnet sich selbst als gläubig, auch andere Glaubensvertreter haben wenig Berührungsängste. Jesuitenpater Hermann Breulmann von der Katholischen Akademie Hamburg sieht sich »Gólgota Picnic« an und diskutiert danach mit Thalia-Intendant Joachim Lux. »Den lieben Gott wird das cool lassen«, kommentiert Breulmann die Aufführung und das Spektakel drum herum.
Inzwischen ist es kurz nach acht. »Gólgota Picnic« hat gerade begonnen, auf der anderen Straßenseite flackern weiter die mit Windschutz versehenen Kerzen. Die Fernsehteams mit ihren Kameras sind verschwunden, ein Gebet ist gerade beendet. »Ist ein Polizist hier?«, fragt Pater Brühwieler und dreht sich um: »Dürfen wir noch ein Lied singen?« »Selbstverständlich dürfen Sie das!«, erwidert der Beamte. Die Gruppe stimmt »Salva Regina« an, eine weitere Lobpreisung Marias.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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