Zur Zeit schafft sie es überall hin, die Zwickauer Untergrundzelle. Sie besetzt vielfach das Denken über Landes Lage und Leid. Soeben ist sie bei Lessing angelangt. Nazis bei Nathan? Terror trifft Träume? Mörder dringen in ein Märchen ein?
Mit einer fulminanten Rede eröffnete der Schriftsteller Navid Kermani dieser Tage die Hamburger Lessing-Tage, und er nennt darin die Namen der Verbrecher Mundlos, Böhnhardt noch vor dem Namen des großen humanistischen Dichters. Den Heiner Müller als den »Lehrer unserer schwer geschädigten Güte« sah, »dieser ewigen Sonderschülerin, die laufen lernen muss im Schlamm der deutschen Siegesstrecken«.
Kermani, Jahrgang 1967, beredet die geistigen, logistischen Prozesse der nazistischen Gesinnungskriminellen und stellt die Konsequenz ihres Selbst-Mordes neben den aufwallenden Patriotismus des Prinzen Philotas in Lessings gleichnamigem Einakter. Philotas, kriegsgefangen, steht vorm Austausch mit dem ebenfalls gefangenen Sohn des feindlichen Königs. Im Wissen um diese andere Geisel beginnt in Philotas, merkwürdig verfiebert, die Vaterlandsliebe zu brennen. Plötzlich will er die Freilassung gar nicht mehr. Es geht ihm auf, »dass sein Tod dem eigenen Land einen entscheidenden Vorteil brächte: ›Denn mein Vater‹, so räsoniert er, ›hätte alsbald einen gefangenen Prinzen, für den er sich alles bedingen könnte; und der König, sein Feind, hätte - mit mir den Leichnam eines gefangenen Prinzen, für den er nichts fordern könnte.‹« Worauf kommt es also an?, fragt Kermani ins Stück hinein. »Aufs Sterben«, so Philotas.
Für Kermani (er hat einen deutschen und einen iranischen Pass) ist dies Brückenschlag zu jenem Schreckensethos von Terroristen, der von fanatischer Überzeugung gespeist werde. »Das gilt für Morde, die im Namen des Islams begangen werden, genauso wie für Morde, die im Namen Deutschlands begangen werden« - schon hat wieder Lessings Philotas das Wort: Jedes Ding sei vollkommen, wenn es seinen Zweck erfülle. »Welch Feuer tobt in meinen Adern? Die Brust wird dem Herzen zu eng! Geduld, mein Herz! Bald will ich dir Luft machen!« Die explosive Luft, in die alles fliegt.
Vor 25 Jahren spielte Ulrich Mühe den Philotas am Deutschen Theater Berlin, Regie: Friedo Solter. Der Prinz als Soldat in Weiß. Er steht von Beginn bis Ende auf der Bühne. Überstürzung in der Schlacht, Zerknirschung in der Gefangenschaft, dann der Weg ins Freie - mit dem Kopf durch die Existenzwand: Wäre ja noch schöner, wenn ihm die Himmlischen das Schwert verweigerten, das er braucht, um über die Erniedrigung durch besagtes Gefangensein zu triumphieren. Hat er es dann in der Hand, ist er Bonny und Clyde in einem, Meinhof und Baader, ein Freudentänzer der Konsequenz ...
Kermanis Rede, eine lange Rede, ist eine erregende Klugheitssteigerung. Sie beschreibt zum Beispiel den neuzeitlichen Rechtspopulismus als Ausdruck einer langen Traditionslinie, er vertrete im Kern nichts anderes als der Nationalismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Seine Durchsetzungskraft in Deutschland scheitere bislang am Immunsystem der etablierten Parteien, aber »ein völlig anderes Bild ergibt sich, wenn man auf die Gesellschaft blickt - hier unterscheiden sich die Deutschen in ihren Einstellungen keineswegs signifikant von anderen europäischen Gesellschaften.«
Von der gefährlichen Attraktivität, bürgerliche Normen zu brechen, spricht diese Rede auch. »Sowohl der Kopf der Zwickauer Terrorzelle, Uwe Mundlos, als auch der Kopf der Hamburger Terrorzelle, Mohammad Atta, stammen aus gebildeten Familien, in deren Einstellung der nationale beziehungsweise religiöse Extremismus gerade nicht vorgeprägt war - der Vater von Mundlos auch nach dem Ende der DDR offenbar noch mit Sympathien für den Sozialismus, der Vater von Atta Rechtsanwalt und weltlich-säkular. Die Gewöhnlichkeit und wohl auch Bequemlichkeit der familiären Verhältnisse, die man von der Vorgeschichte der meisten RAF-Mitglieder ebenso kennt, steht nicht im Widerspruch zu der späteren Hinwendung zum politischen Extremismus, sondern scheint die Attraktivität eines Lebensentwurfes eher zu begünstigen, der die bürgerliche Norm radikal verneint.«
Der Terrorismus, der sich im Übrigen dem Diskurs mit seinen Feinden verweigere, ziele nicht mehr auf Staaten und Regierungen, sondern auf ganze Systeme und Kulturen. Die Angst, die dieses Attentatswesen schüre, dürfe aber auf keinen Fall die kulturelle, rassische, systemweite Abschottung zum Gegenmittel erheben. Also: Jene selbstbewusste nationale Besinnungskraft mitten im Globalen, die just die Deutschen sehr nötig hätten, darf nicht (wieder) in einen fremdenfeindlichen Patriotismus führen, der am Ende nur die Komplementärstruktur zum blutbereiten Vaterlandsrumor der Naziterroristen wäre.
Deshalb jetzt Lessing, eine volle Breitseite Maßstab! Lessing sei nicht einverstanden gewesen mit Philotas' »enthusiastischem Patriotismus«, wie es Kermani nennt. Wieder kommt mir Ulrich Mühe ins Blickfeld: Wie sein Prinz dem Hochdruck gehorcht, den er selber produziert. Wahnsinn als Produkt der Disziplin. Das blaue Stirnband dunkel vor Schweiß. Plötzlich von einem Gleichmut wie ein Fluss, der sich ja an Quelle und Mündung zugleich befindet. Quelle, Mündung - für den Menschen wäre das die Strecke zwischen Geburt und Tod, für die er Zeit und Erfahrung braucht. Wenn die Erfahrung nicht zur falschen Zeit ein Schwert in die Hand bekommt ...
Lessing also: sein sehr skeptischer Blick auf den rasenden Prinzen. Lessing, so Kermani, »liebte den feindlichen König Aridäus, der den Philotas fragt, was ein Held denn ohne Menschenliebe sei, und der kampflos aufgibt, als Philotas sich aus Liebe zum Vaterland umbringen will«.
Aridäus, das ist das Beispiel: das Waffenlose als Heldentum; die Kapitulation vor der unnatürlichen Zuspitzung der Dinge als eigentlicher Sieg; Lessing als wahrer Patriot, der gleichsam, so würden wir heute sagen, die Festung Europa an die offene Welt verrät. Einer der ersten deutschen Autoren, die das Kosmopolitische beschworen.
»Seltener in den Blick gerät, dass diese Weltoffenheit mit einem konsequent kritischen Bezug auf die eigene Gesellschaft einherging. Seine Absage an den Patriotismus bezog sich grundsätzlich auf den Staat, der ihm am nächsten stand. Er war ein Nestbeschmutzer aus Überzeugung. Für den Redner ein »fundamentaler Anspruch an jedwede Intellektualität und Literatur auch heute: Respekt für das Fremde und Unerbittlichkeit gegen das Eigene; die Verteidigung des Verfemten und die Bestreitung des Geltenden«. Patriotismus ist Verfassungstreue; das Handlungsgebot geht ins Weite; Mauerfall bleibt fortwährende Arbeit.
Freilich: Im öffentlichen Raum beobachtet Kermani das Gegenteil - alle Kraft dort ist Gewalt gegen das Schwache, alles Bündnis ist Abbindung dessen, was uns unzugehörig erscheint; alle Gemeinschaft ist Abwehr der Geringen. »Sie können beinah beliebig jeden Bestseller der letzten Jahre zum Thema Europa, jede Talkshow zum Thema Migration, jede Schlagzeile der Bild-Zeitung zum Thema Hartz 4 nehmen, fundiert oder niveaulos, wohlmeinend oder reißerisch, es geht nicht um das Urteil, es geht um die Struktur des Diskurses, der auf der ganzen Welt gleich ist: das Wir, das darin auftritt, ist stets das Bedrohte.«
So wird Lessing zum akut Gegenwärtigen: Er widersetzt sich der Trennung »zwischen dem Eigenen und dem Fremden, zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheit, dem Herrscher und den Beherrschten.«
»Wir« sagt Navid Kermani in blitzend heller Lakonik, »wir - das ist für Lessing jeder.«
Gotthold Ephraim Lessing, wozu schreiben? Wem den Kranz flechten, da alles - Shakespeare - aus den Fugen ist?
Der gute Schriftsteller, wenn er nicht nur schreibet, seinen Witz, seine Gelehrsamkeit zu zeigen, hat immer die Erleuchtetsten und Besten seiner Zeit und seines Landes in Augen.
Da hat er wenig »in Augen«!
Selbst der dramatische Dichter, wenn er sich zu dem Pöbel herablässt, lässt sich nur darum zu ihm herab, um ihn zu erleuchten und zu bessern, nicht aber ihn in seinen Vorurteilen, ihn in seiner unedlen Denkungsart zu bestärken.
Der Dichter als Pädagoge?
Wunder dulden wir nur in der physikalischen Welt; in der moralischen muss alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das Theater die Schule der moralischen Welt sein soll.
Klingt nicht sehr unterhaltend.
Geh Er in die Schenke, aber lasse den Bühnen den höh'ren Stand einer gegenseitigen Befrommung. Ich lass nichts kommen auf das, was Herz und Verstande möglich ist an Friedenswerk.
Preis: 75,00 €
Preis: 120,00 €