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Von Marion Pietrzok 26.01.2012 / Kino & Film

Der Wolf

»Drive« von Nicolas Winding Refn

Sein Gang: durchtrainierter Körper, klar, aber vor allem gefesselte Energie. Der Mann mit dem hübschen Allerweltsjungengesicht, dessen Unterkiefer, weich und zu den Ohren hin schräg zulaufend, die ebenso harmlose Antwort auf sanfte, blaue Augen ist, gibt den brodelnden Vulkankräften immer mal kaltblütigen Auslauf: mit 300-PS-Autos auf den hunderttausend Straßen von Los Angeles. Als von Einbrechern gemieteter Fahrer von Fluchtfahrzeugen. Er erscheint als Routinier ohne jede Emotion: Zunahme des Risikos - Steigerung der Gelassenheit. Auf dem Lenkrad die Hände in Lederhandschuhen, die knarzen manchmal, wenn er mit hochgelungener Aktion die Polizei austrickst. Aber seine Miene ist die sportlicher Konzentration, Spiel - Satz - Sieg. Die Gangster, mit denen er, der wortkarge Driver, nichts als das Fahren eines bereitgestellten Autos zu schaffen hat - so viel Moral muss sein -, können seiner Höchstleistung im Höllentaxi sicher sein. Auch die gelegentlichen, hochgefährlichen Stuntfahrten in Hollywood, regelmäßig perfekt erledigt, weisen ihn als super Mann aus.

»Wenn man ihn hinters Steuer setzt, gibt es nichts, was er nicht kann«, sagt Shannon, sein Agent, der eine Autowerkstatt betreibt. Driver, der eines Tages von irgendwoher bei ihm aufgetaucht und brauchbar war als guter Mechaniker, soll für ihn Profirennfahrer werden. Shannon will, nach irgendwie krimineller Vergangenheit, einen Rennstall aufbauen und gewinnt in seiner alten Bekanntschaft, dem dubiosen Nino, einen Geldgeber.

Driver ist ein Einzelgänger, hat das Zeug zum Roboterdasein, trinkt nicht, raucht nicht, hat nur einen Zahnstocher zwischen die Lippen geklemmt. Er lebt in kahlem Quartier, hat keine Freunde und wohl auch kein Problem oder Trauma, das es in Nervenkitzelaktionen abzuarbeiten gilt. Es scheint, als ginge es einzig um uneitle, beiläufige Befriedigung an müheloser Makellosigkeit.

So makellos wie der silbrig-weiße Blouson, den er trägt. Auf dem Rücken die Stickerei in Orange, ein Skorpion - ein Zufallsdekor oder hat der den Bösen Blick zu bannen? Ist er das Zeichen des ersten Menschen oder das der Gefährlichkeit? Letzteres wohl, denn die gesteppte schöne Bundjacke wird im Laufe des Films zunehmend blutig. Man achte darauf.

Dass Driver seine neue Nachbarin Irene trifft - Irene: der Name der Friedlichen - und sich in sie verliebt, ist paradoxerweise der Ausgangspunkt für Gewaltorgien. Shockingly. Es fließt viel Blut, sehr viel, ein bisschen zu viel. Selbst ein Schädel wird zertreten (man sieht es nicht, aber hört die Knochen knacken). Zu Irene und ihrem kleinen Sohn hatte Driver ein natürliches Verhältnis unschuldiger Zärtlichkeit gewonnen. Die drei hatten Stunden verbracht wie auf einem anderen, paradiesischen Stern. Nach einem derartigen Gewaltausbruch dieses doch so anständigen Mannes wird Irene ihr Glückslächeln, das ihr die Begegnungen mit Driver immer in ihr schönes, stilles Gesicht zauberten, in traurige Ungläubigkeit zurückziehen. Was Driver tat und fortan tun wird, jedoch, es geschieht aus dem Impuls des Beschützers heraus. Er setzt sein Leben ein - denn mit der Mafia und deren Bandenkampf hatte er es zu tun bekommen - für Irene und in Verantwortung für ihren Sohn. Er bleibt - trotz seiner Jacke und dank böser, böser Messerstiche im Bauch - rein.

Ryan Gosling, aufstrebender Hollywoodstar (»The Ides of March«, »Blue Valentine«), spielt mit absoluter Perfektion den anonym bleibenden Helden, dem die Inszenierung des großen dänischen Regietalents Nicolas Win-ding Refn eine Art Batman-Image gibt. Außerdem hat der Regie-Preisträger von Cannes jede Menge Klassiker des Thriller-Genres auf der Pfanne, die er mit Raffinesse und souveräner Eleganz zum Wiedererleben bringt. Stilisten unter den Cineasten gibt er allerhand Stoff zum Staunen: Licht, Zeitlupe, Rhythmus, Musik und all das. Die Bilder, die Newton Thomas Sigels Kamera schafft - sie sind absolut einzigartig.

In die faszinierende Kühle der Oberfläche der Bilder, in die gewollte Unwirklichkeit setzt Gosling Glanzlichter warmen Charmes. Wie er mit seinen langen Wimpern den Blick verschattet - Frauen, haltet euch fest! Den starken Spielern der Nebenfiguren - unter anderen Carey Mulligan als Irene, Bryan Cranston als Shannon, Albert Brooks als ein Drahtzieher der Bösewichterei, bleibt so nicht viel. Aber auch das muss man gesehen haben.

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