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Von Volkmar Draeger 26.01.2012 / Berlin / Brandenburg

Panoramen der Leere

Die Collection Regard entdeckt frühe Fotos von Hans Martin Sewcz

Sie wecken wehe Erinnerungen, die rund 60 Fotos des Hans Martin Sewcz, wie sie derzeit in der Collection Regard zu besichtigen sind. Alle stammen sie aus den Jahren zwischen 1973 und 1981, einer Zeit, in der die Verhältnisse in der DDR noch fest gefügt schienen. Soziale Errungenschaft war soziale Errungenschaft, städtischer Zerfall war städtischer Zerfall. Ihn dokumentiert Sewcz mit akribischer Besessenheit und fängt derart das Leben in seinem Kiez ein.

Aber Menschen kommen kaum vor auf den schwarz-weißen Fotos mit der atemberaubenden Perspektive. Fast alle Bilder sind von der Straßenmitte aus aufgenommen, mit Panoramablick, der die Ränder der Architektur zu beiden Seiten der Straße scheinbar aufbiegt, wie umgekehrt dorische Säulen optisch raffiniert sich nach oben verjüngen. Vom Standpunkt des Fotografen aus schießen die Gebäudelinien auf den Fluchtpunkt hin, als würden sie sich nicht erst im Unendlichen treffen. Das macht das Unikale jener ungewöhnlichen Aufnahmen aus und entfaltet gleichsam die scheinbar auf Dauer festgeschriebene Tristesse vorm Auge des Betrachters.

Ab 1975, im Jahr seines Studienbeginns an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, bezog der gebürtige Hallenser Sewcz ein Zimmer in der Tucholskystraße, kurz vorm Gang über die Spree hin zum Bodemuseum. Jener graue Flecken der Spandauer Vorstadt hat es ihm, Wahlberliner bis heute, offenbar angetan. Ihn dokumentiert er in seiner maroden Architektur und gibt damit zugleich ein Porträt damaligen Lebens.

Kriegswunden sind durch Brachen noch allemal sichtbar, Lücken mithin unbebaut, oft ist der Putz bis aufs rohe Mauerwerk ab. Eine Frau mit faltiger Stirn lehnt sich aus dem Fenster, ist im Zerbröckeln um sie herum das einzig Lebendige; ein Kind macht sich am Müllcontainer zu schaffen; einer Passantin schwebt die Republikfahne aus einer Fassade voller Kriegseinschüsse schlaff über dem Kopf. Auf einer Flachmauer sitzen Jugendliche und üben Frohsinn im Leerraum.

Manche Motive gehen auf noch frühere Zeiten zurück, »Holz und Kohlen« liest man, »Glashandlung« oder »Vulkanisierwerkstatt«. Anderes ist neueren Datums: »Je stärker der Sozialismus desto sicherer der Frieden«, ohne Komma und als Blindlosung, denn es ist kein Leser in Sicht. Auf porösem Asphalt posieren für Sewcz in braver Frontalposition Kinder, andere nehmen unter Lenin den Schulimbiss, wieder andere feixen fröhlich vor einem Zelt. Junge Menschen tanzen hingegeben, Liebe funktioniert in allen Systemen. Wie demonstrativ eine Alte jedoch Abstand von einem jungen Paar auf derselben Bank hält, schmerzt fast: Welten ohne Berührung.

Zupackend Sewczs Blick auf den Alltag: Mit geradezu pittoresker Freude hält er von weit oben die Kamera auf die Weißwäsche, die sich in engem Hof von Wand zu Wand spannt. Oder er hält einfach die Struktur eines aufplatzenden Straßenbelags fest. In acht Porträts nach demselben Prinzip, alle Studenten frontal mit Blick in die Linse, fixiert er bildfüllend frische Gesichter, auch den noch blutjungen Ulrich Mühe mit intensiv fragenden Augen.

Am meisten beeindrucken dennoch die Panoramaaufnahmen ganzer Straßenzüge. So die Aussicht auf einen schier endlos entfernten Fernsehturm, der am Ende der Straßenbahngleise wie eine Fata Morgana auftaucht; rechts in der Oranienburger Straße die noch immer ungenutzten ehemaligen Postgebäude, links ein inzwischen restaurierter Eckbau zur Tucholskystraße noch im Totalzerfall. Oder der Blick von der Tucholskystraße aus, zwischen bröselnden Altbauten, aufs japanische Handelszentrum der Friedrichstraße wie auf den fernen Glanz eines besseren Lebens.

Selbst schwarze Brandmauern haben es dem Fotografen angetan: Harmlose Kritzel des Mottos »Das ist …« als frühe Graffiti zieren sie oder die Umrisse eines weggebombten Hauses als Rückstände der einstigen Bebauung. Spaziergänger flanieren, an Trabis werkeln ihre stolzen Besitzer. Ruhe und Weite haben die Schnappschüsse und das Flair einer verflossenen Ära. Foto-Raritäten von Will McBride und Exzerpte des DEFA-Films »Berlin Auguststraße« von 1979 ergänzen die Ausstellung.

Bis 2.3., Collection Regard, Steinstr. 12, Mitte, Fr 14-18 und nach Vereinbarung, Telefon 847 11 947, www.collectionregard.com

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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