Auf den ersten Blick wirken sie befremdlich, eher skurril als von dieser Welt, die kleinen Knitterfiguren des Kay Voigtmann. Dann aber gewinnt man sie lieb und entdeckt den ganz eigenen Kosmos, mit dem der Illustrator auf unsere Welt reagiert und sie, uns zu Freude und Belehrung, fein modelliert. Feinmechaniker war der 1968 in Zeulenroda geborene Voigtmann denn auch im Erstberuf, ehe er an der Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig studierte - bei Renommierten wie Karl-Georg Hirsch, Volker Pfüller und Albrecht von Bodecker. Seit 2002 lebt er freischaffend in Gera, hat sich als Illustrator zahlreicher Bücher bestens eingeführt. Der Typus seiner Männchen, auch als »Kartoffelmenschen« bezeichnet, bleibt sich stets gleich; was er jedoch mit ihnen auszudrücken weiß, spezifiziert die Blätter erheblich. Gut 20 »Zeichnungen & Illustrationen« von Voigtmann beweisen das in der Galerie der Berliner Graphikpresse. Einzelwerke sind sie oder Arbeiten aus Gedichtbänden.
Mit ihnen experimentiert er bisweilen. So hat er die seriellen Unikate zu Lyrik von Wolfgang Windhausen auf Packpapier gemalt, die Figuren dann ausgeschnitten, aufgeklebt und nachgetuscht. In glattem, dünnem Braun hängen sie nun als gespensterähnliche Wesen auf ihrer raumlosen Unterlage, mit hellen Knopfaugen, wie aufblasbaren Körpern und dürren Kurzbeinen.
Zu einem steigt ein Fisch auf und scheint Kugeln aufzufangen; einen Knienden hält eine Schlange umfangen; ein anderer mit fettem Po hat drei Arme für seine Kugeln. Einem Alten mit wackliger Brille gaukelt ein Geisterkopf vorm Gesicht: Das zugehörige Gedicht erzählt vom Geist Kafkas, der beim Prag-Besuch stets gegenwärtig sei. Zu Franz von Assisis »Sonnengesang« hat Voigtmann 2008, hier eine der ältesten Arbeiten, vor goldenem Fond ein hageres Wesen mit Vogel auf dem Kopf entworfen; weitere Tierchen picken auf einer Platte an Möhren oder aus Tüten, wohl auf die Vogelpredigt des Gottesmannes anspielend. Spitzfindig wird der Illustrator bei Rosendorfers »Gnadenbrotbäcker«: Sein »Kippenberger« ist ein gefährliches Monster mit Nagelzähnen im fletschenden Maul, wie es mit abgekipptem Oberkörper vor einem Fresseimer hockt, Tiere auf dem massigen Leib. Der »Blaseengel« wieder schwebt im Hemd auf einer Wolke, bläst durch einen Penis in die anschließende Harnblase hinein.
Voigtmanns kann indes noch bissiger. Dem »Soldat des finstren Lichts«, bewaffnet mit Morgenstern und Stilett, qualmt Dampf aus dem Mund; ein »Garstiger Jäger« hat tausend Zähne, sieht eher wie ein Ganove aus. Selbst einem politisch brisanten Stoff weiß Voigtmann noch Spott abzugewinnen: »Hagen Kreuz aus Braunichswalde« ist ein Feister im Leibchen, mit Bulldoggenhund und Zigarette in der Hand; auf der anderen - zum Gruß erhobenen - sitzt ein Vogel, der Mund ist zum Hakenkreuz verkniffen.
Heute letzter Tag, Galerie der Berliner Graphikpresse
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Kobold unterm Lampenschirm Notwendiges Wiedersehen: Grafik von Lea und Hans Grundig in Berlin
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