Von Bernd Kammer
27.01.2012

Viel Lärm um Schönefeld

Die Flugrouten für den neuen Flughafen stehen fest, die Poteste gehen weiter

Rund vier Monate vor Eröffnung des neuen Großflughafens BER in Schönefeld am 3. Juni wurden gestern vom Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF) die Flugrouten über Berlin und Brandenburg vorgestellt. Für viele Anwohner eine Enttäuschung: Proteste, Demonstrationen, Klagen haben offenbar nicht viel bewirkt. Besonders im Südosten Berlins wird es laut.

Die Friedrichshagener Bürgerinitiative hatte noch einmal die Transparente hervorgeholt. »Keine Flugrouten über dem Müggelsee« wurde darauf gefordert und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zum »Drückeberger des Jahres« gekürt, weil er an keiner ihrer Demonstrationen teilgenommen hat. BAF-Direktor Nikolaus Herrmann zeigte sich davon unbeeindruckt und stellte vor der Presse erst einmal klar: »Wo ein Flughafen ist, ist auch Fluglärm.« Die Schutz der Bevölkerung vor Lärm sei zwar von zentraler Bedeutung, in einem so dicht besiedelten Raum lasse er sich aber kaum so verteilen, dass nur wenige Menschen betroffen sind. Besonders im Nahbereich werde es »sehr laut«, Doppelbelastungen durch Starts- und Landungen seien kaum zu vermeiden.

Das gilt insbesondere für Blankenfelde-Mahlow. Die Gemeinde werde massiv betroffen sein, unvermeidbar angesichts der Lage des Flughafens, sagte Herrmann. Bei Starts von der Nordbahn gebe es derzeit keine Alternativen zu Geradeausflügen, bei einer Verlagerung der Route Richtung Norden würde der Lärm noch weit hinter Mahlow hinausreichen. Bei Starts von der Südbahn Richtung Westen drehen die Maschinen nach Süden ab, die einzige Möglichkeit, um den Siedlungskern zu meiden. »Aber man hört die Flugzeuge sehr deutlich.«

Das Routenkonzept war Mitte vergangenen Jahres von der Deutschen Flugsicherung (DFS) vorgelegt worden und wurde jetzt von der BAF ohne wesentliche Änderungen bestätigt. Besonders empört dies die Anwohner des Berliner Müggelsees, die bis vor einem halben Jahr noch davon ausgehen konnten, vom Fluglärm verschont zu bleiben. Laut BAF-Chef wurde die Route gewählt, um Erkner und Berlin-Müggelheim zu entlasten. Besonders für Müggelheim wäre es ansonsten »unzumutbar« gewesen, da die Bewohner schon die »relativ niedrigen« Anflüge zu ertragen hätten. »Es hätte praktisch keine Lärmpause gegeben.« Das jetzt ein Erholungsgebiet betroffen sei, sei natürlich misslich.

Der Müggelsee soll jetzt in etwa 1150 Metern Höhe überflogen werden, bei Ostwind etwa 122 Mal am Tag. Anwohner im Umfeld des Wannsees hatten mit ihren Protesten mehr Erfolg. Er wird bei Westwind zwar noch 48 Mal am Tag überflogen, aber die Flugzeuge sind dann schon doppelt so hoch wie über dem Müggelsee. Als Alternative für den Müggelsee hatten das Umweltbundesamt und auch der Berliner Senat eine Route über die Gosener Wiesen vorgeschlagen, doch wurde diese erst gar nicht geprüft. Sie hätte den zeitgleichen und unabhängigen Betrieb beider Landebahnen gefährdet und somit die Wirtschaftlichkeit des Flughafens, begründete dies Herrmann. Außerdem hätten sich auch die Bürger aus Gosen-Neuzittau vehement gegen diese Vorschläge gewehrt.

Hoffnung, dass sich an den Flugrouten noch Wesentliches ändert, besteht kaum. Herrmann kündigte zwar an, den »tatsächlichen Betrieb« des Flughafens nach seinem Start im Juni zusammen mit dem Betreiber des Flughafens und der Fluglärmkommission, in der die betroffenen Gemeinden vertreten sind, auszuwerten. Aber es würden wohl nur noch »Modifikationen und kleine Ergänzungen« möglich sein.

Damit dürfte klar sein, dass der Streit um die Flugrouten noch längst nicht zu Ende ist, auch wenn Berlins Regierender Bürgermeister aufrief, sie als Kompromiss zu akzeptieren. Mehrere Gemeinden und Bürgerinitiativen kündigten Klagen gegen die Luftschneisen an. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) mahnte, jetzt »den Lärmschutz in voller Kraft unbürokratisch und auch in Grenzfällen im Sinne der Betroffenen umzusetzen. Linksparteichef Gregor Gysi nahm sich Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) vor, der »Profitinteressen eindeutig über die Gesundheit der Menschen« stelle. Ramsauer hatte ein Bekenntnis der Anwohner zum Flughafen gefordert mit der Bemerkung, dass »Wohlstand ohne Risiken und Nebenwirkungen« nicht zu haben seien.

Der Filmregisseur Leander Haußmann, der am Müggelsee wohnt, will sich mit den Nebenwirkungen nicht abfinden und auch nicht wegziehen. Gestern Abend protestierte er wieder mit Tausenden Betroffenen gegen die Routen.


Der lange Streit

13. August 2004: Planfeststellungsbeschluss für den Bau des Flughafens. Ihm liegt eine Flugroutenplanung zu Grunde, die von Geradeausflügen nach dem Start ausgeht.

6. September 2010: Die Deutsche Flugsicherung (DFS) stellt erstmals ihre Flugroutenplanung für den neuen Airport vor. Anders als in der Planfeststellung angenommen, sollen die Routen nicht mehr geradlinig verlaufen, sondern bei zeitgleichen Abflügen von beiden Startbahnen im Winkel von mindestens 15 Grad voneinander abweichen. Damit werden Gebiete etwa im Süden Berlins betroffen, die sich bisher vor Fluglärm sicher wähnten.

8. September 2010: In Berlin-Wannsee gründet sich die erste Bürgerinitiative gegen die Flugrouten, Dutzende folgen. In der Lärmkommission, in der die betroffenen Kommunen vertreten sind, werden über Monate Alternativvarianten zu den DFS-Routen diskutiert. Es kommt zu Massendemonstrationen gegen die Routenplanung.

10. Dezember 2010: Ein Schreiben des ehemaligen Flughafenchefs Götz Herberg wird bekannt, wonach schon 1998 klar war, dass die abknickenden Flugrouten international vorgeschrieben sind.

4. Juli 2011: Die DFS legt ihr amtliches Routenkonzept vor. Potsdam soll nicht mehr überflogen werden, der Wannsee nur noch in großer Höhe. Dafür wird die Region um den Müggelsee stark belastet, um Erkner zu verschonen, das schon die Landeanflüge ertragen muss.

11. Januar 2012: Das Umweltbundesamt stellt sein Lärmgutachten zu den Routen ins Internet, nachdem das Bundesverkehrsministerium eine Pressekonferenz gestoppt hatte. Vorgeschlagen wird, den Müggelsee nicht zu überfliegen, den Wannsee nicht bei Tage. B.K.

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