Peter Kirschey aus Berliner Gerichtssälen
Foto: nd/Burkhard Lange
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Was treibt einen normal gebauten, erwachsenen Mann dazu, in Hausfluren Kinderwagen anzuzünden und damit das Leben der Bewohner in Gefahr zu bringen? Die Antwort fällt schwer, denn der 29-jährige Maik D. ist kein Pyromane mit krankhafter Freude am Zündeln. Er ist auch kein Kinderwagenhasser oder Schwabenfeind, er ist ein stiller, in sich gekehrter Berliner, der irgendwie mit seinem Leben nicht mehr klar kam. Vielleicht liegt darin das Gefährliche seines Tuns, dass er als ganz »normaler« Bürger diese Taten begangen hat.
Der gestern eröffnete Prozess begann mit einem Geständnis des Täters. Zwischen dem 15. Juli und dem 19. August des letzen Jahres hat Maik insgesamt elf Mal gezündelt. Glücklicherweise ohne größere Personenschäden, auch der Sachschaden hält sich in Grenzen. Auf alle Nachfragen nach dem Motiv folgt nur ein hilfloses Schulterzucken.
Das erste Geheimnis, wie der Mann in den frühen Morgenstunden in die Hausflure in Prenzlauer Berg kam, klärt sich mit seiner Beschäftigung. D. war bis zu seiner Verhaftung am 19. August Zeitungsausträger für eben jenes Karree und er hatte die Hausschlüssel zu allen Aufgängen. Das treibt er schon seit über zehn Jahren, er kannte also alle Details der Hausflure. Seinen Tagesablauf schildert er so: Gegen Mitternacht begann sein Job in der Verteilerhalle. Ab 3 Uhr erfolgte dann die Zustellung. Um die 250 Zeitungen steckte er jeden Tag in die Briefschlitze. Dann zog er sich um zur zweiten Schicht als Bauarbeiter. Schwarzarbeit. Gegen 16.30 Uhr war er dann zu Hause in seiner Wohnung in der Sonnenallee. Zum Schlafen blieb wenig Zeit, zumal er an vier weiteren Tagen zusätzlich eine Werbezeitung verteilte. Alles in allem, Maik war ein Arbeitstier, rackerte fast rund um die Uhr und war mit sich und seinem Leben unzufrieden.
Zwar brachte er es mit allen Jobs auf rund 3000 Euro im Monat, doch was nutzte das Geld, wenn keine Zeit für Erholung und Entspannung blieb. Er versorgte sich mit Aufputschmitteln, um für die nächste Schicht fit zu sein. Fit war er nach dem Pillenschlucken, doch einen Lebenssinn hatte er völlig aus den Augen verloren. Und so trottete er vor sich hin, vereinsamte. Tief im Inneren steckte eine stille Wut über all jene, denen es in seinen Augen besser ging, möglicherweise auch auf die Zugewanderten aus dem Schwabenland, die nach Berlin gezogen waren und hier aus seiner Sicht ein Leben in Luxus führten. So oder so ähnlich muss sich das latente Unbehagen in seinem Unterbewusstsein festgesetzt haben.
Warum er ausgerechnet an jenem 15. Juli nach zehnjähriger Zustellerarbeit erstmals zum Feuerzeug gegriffen hat, D. weiß keine Antwort. Es gab kein Schlüsselerlebnis. Auch nach den wiederholten Fragen, ob ihm nicht bewusst gewesen sei, dass er viele Menschen in Gefahr gebracht hat, schaut er unbeholfen in die Runde. Irgendwie war er mit seinem Leben in drei verschiedenen Jobs hoffnungslos überfordert. Das Nachdenken über sein Tun unterdrückte er.
Nach den ersten Brandstiftungen am Tucholskyplatz war die Polizei verstärkt im Einsatz. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie dem Feuerteufel das Handwerk legen würde. Es musste ja einer sein, der früh in die Häuser konnte und sich dort auskannte. Das geschah am 19. August, als D. gegen fünf Uhr erst die Zeitungen einsteckte und dann zu kokeln begann. Irgendwie war er froh, dass nun alles vorbei sei, sagte er. Die Verhöre und die Untersuchungshaft hätten ihn in eine tiefe psychische Krise gestürzt. Er habe aber erkannt, dass er sein Leben grundlegend ändern müsse. Die zu erwartende Haft sei für ihn die Chance zu einem Lebensschnitt.
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