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Von Michael Müller 28.01.2012 / Reise

Marschall macht mobil

Tito in Ex-Jugoslawien: Erst hat er überwintert, jetzt hat er Renaissance

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Der kommunistische jugoslawische Präsident und Marschall Tito hatte viel zusammengebracht und zusammengehalten: sechs südslawische Teilrepubliken (Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien, Montenegro, Mazedonien), fünf Nationen, vier Sprachen, drei Religionen, zwei Alphabete und den Bund der Kommunisten Jugoslawiens. Das Original des Denkmals, von dem es landauf, landab etliche Kopien gibt, steht in seinem kroatischen Geburtsdorf Kumrovec

»Und schauen Sie hier noch diese Grafik, im Original von Gavarni, ich glaube das war ein Franzose.« Der quirlige untersetzte 60-Jährige lässt auch dieses Porträt von Josef Broz Tito aus seiner privaten Sammlung nicht unerwähnt. »Alle Welt hat den Marschall damals gemalt, bedichtet, beschrieben. Und alle Welt, meine ich, kann sich damals einfach nicht in ihm geirrt haben«, ist sich der Mann sicher, den hier, wo das serbische Donau-Ufer in die Ausläufer der Severni-Kucaj-Berge übergeht, jeder nur Kapitan Miso nennt, und der auch nur so genannt werden will.

Unbestritten ein Original, dieser vitale Graukopf, der hoch oben auf dem Berg in aller Abgeschiedenheit eine Ausflugsgaststätte betreibt. Serbe mit Herz und Pass, von der Herkunft her einer der als schlitzohrig berühmten Vlachen aus der rumänisch-serbischen Grenzgegend. Doch was die Verehrung des obersten kommunistischen jugoslawischen Partisanenführers im Zweiten Weltkrieg und späteren Präsidenten (1946 bis zu seinem Tod 1980) angeht, ist Kapitan Miso alles andere als ein kurioser Einzelfall in den Nachfolgerepubliken des einstigen Jugoslawiens. »Fahren Sie einmal von Slowenien bis Montenegro durch das, was Sie da im Westen Westbalkan nennen, und Sie werden staunen, wie gegenwärtig der Marschall bei Jung und Alt ist.«

*

Es ist naheliegend, dem Ratschlag folgend, in Kumrovec zu beginnen. Ein malerisch gelegenes Dörfchen am Rande der kroatisch-slowenischen Grenze, in dem Tito offiziell (ganz genau weiß man es nicht) am kommenden 25. Mai vor 120 Jahren als siebtes Kind von Vater Franjo, Kroate, und Mutter Marija, Slowenin, geboren wurde. Hier, vor dem in den 60er Jahren zum Museum erweiterten kleinen Bauerngehöft, steht die Originalplastik des kroatischen Bildhauers Antun Augustinic (1900-1979): Tito im Alter von Anfang 50, sinnend mit gesenktem Kopf, den Mantel der Geschichte lässig über den Schultern, überlebensgroß. Kopien davon gab und gibt es in den Ländern des einstigen Jugoslawiens etliche. Die absolut größte in der slowenischen Bergarbeiterstadt Velenje, eine der kleineren vor der Universität des bosnischen Sarajevo.

»Dieses Haus möge im Geiste Jugoslawiens erhalten bleiben«, ist im großen, dicken Gästebuch von Kumrovec zu lesen, dessen 51. Fortsetzungsband inzwischen zur Eintragung ausliegt. Kustos Stipan Baran sagt: »Der Marschall steht bei allen in- und ausländischen Umfragen zu den bekanntesten jugoslawischen Persönlichkeiten nach wie vor auf Platz eins.« Kein Wunder, dass sich Kumrovec, wo mehr Touristenbusse als Traktoren fahren, gern das »bekannteste Dorf der Welt« nennt.

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Tito-Hemd mit Sprüchen, ein bisschen wehmütig, ein bisschen wahr, an einem Stand in der Altstadt des bosnischen Mostar.

*

Dass das auch noch 2012 so ist, widerspricht mancher kurzatmigen Vision aus den Jahren nach 1990, als Jugoslawien von inneren und äußeren Kräften zerschlagen wurde. Da forderten antikommunistische Politiker, wie der serbische Extremist Vojislav Seselj, das Belgrader Tito-Museum in die Luft zu sprengen und jedem ehemaligen Partei- und Staatsfunktionär »zum Andenken eine Tüte mit Trümmern« zu schenken. Heute ist jedoch dieses Museum das mit Abstand meistbesuchte der ehemaligen jugoslawischen und jetzigen serbischen Hauptstadt Belgrad. »Natürlich kommen viele Ausländer«, sagt die Historikerin Dr. Sorana Ristic. »Aber in den letzten Jahren zunehmend die jugoslawischen Nachbarn.« Erst also musste Tito etwas überwintern, nun hat er eine Renaissance. Warum?

»Da gibt es meiner Meinung nach mehrere Gründe«, sagt Ristic, die für eine serbische Nichtregierungsorganisation tätig ist. »Da ist das Interesse an dem, was Tito damals sozial und ökonomisch geschafft hat. Weiterhin das Staunen über die fast vergessene und verdrängte internationale Rolle Jugoslawiens als eine Gründungs- und Führungsmacht der Blockfreien. Dann ist da Wissbegier darauf, wie und wie weit Tito mit Jugoslawien zwischen Moskau und Peking einen dritten sozialistischen Weg ging. Und letztlich schwingt auch immer Nostalgie mit; die Zeit mildert gern harte Konturen der Vergangenheit «

Das Belgrader Museum geht in seiner Gründung auf 1975 zurück. Ausstellung und Fundus umfassen 200 000 Exponate aus der jugoslawischen Geschichte. Darunter viele hundert Staatsgeschenke an Tito. Nicht wenige in zeitgeistigem und hofierendem Kitsch, aber auch solche brillante Stücke wie Originaldrucke der Caprichos von Francisco Goya. 2008 kam auch das naheliegende, zuvor bis 2003 noch offiziell genutzte Präsidialviertel hinzu. Darunter, wie es in aktuellen Reiseführern oft heißt, »die geheime Residenz von Slobodan Milocevic, die Villa Mir«. Historisch präzise ist es jedoch, worauf schon die Abkürzung Mir hinweist, die »Marsalova intimna rezidencija«, also das offiziell-persönliche Anwesen von Tito.

Hier empfing er neben vielen anderen die Präsidenten Indiens und Ägyptens, Nehru und Nasser, um mit ihnen 1961 die Gründung der Organisation der nicht paktgebundenen Staaten vorzubereiten. »Titos Jugoslawien begann damals Weltgeltung zu erlangen. Zu seiner Beisetzung 1980 kamen, wenn man das mal als ein öffentliches Kriterium heranziehen mag, Staats-, Regierungschefs und Außenminister aus rund 130 Ländern, darunter Helmut Schmidt, Saddam Hussein, Jassir Arafat, Leonid Breshnew und Margaret Thatcher«, erläutert die Historikerin Ristic. Und sie fügt hinzu: »Auch 1990, als der Warschauer-Pakt-Sozialismus perdu gewesen ist, war Jugoslawien in Europa eigentlich noch ein erheblicher realsozialistischer Machtfaktor. Dass es selbstzerstörerisch zu Grunde ging, dürfte den Intentionen und Aktionen der Sieger des Kalten Kriegens entsprochen haben.«

3
Kapitan Miso, serbischer Gastwirt und Tito-Fan

*

Die gegenwärtige Tito-Renaissance hat natürlich auch mit glücklichen biografischen Umständen zu tun. Zum einen mit der Gnade des frühen Todes als Präsident im Jahr 1980. Zum anderen damit, dass die Partisanenarmee, deren von Stalin wie von Churchill hofierter Führer er war, im Zweiten Weltkrieg als einzige in Europa ihr Land selbst von den Nazis befreite. Deshalb haben die musealen Hinterlassenschaften in Bosnien-Herzegowina, etwa um die Schauplätze der auch Hollywood-adaptierten »Schlacht an der Neretwa« oder um den präsidialen Führungsbunker bei Konjic fast etwas sakrales. Hinzu kommt natürlich noch, dass Tito nach 1945 zwar innenpolitisch die rigide kommunistische Linie einer Diktatur des Proletariats durchsetzte, für Jugoslawen indes den Eisernen Vorhang weitgehend offen hielt.

Doch das eine wie das andere dürfte für die Jugend im Detail kaum maßgebend sein, wenn sie heute massenweise T-Shirts mit dem Aufdruck »Born in YU« trägt und vorzugsweise nach der Musik von Yugo-Gruppen der 70er und 80er Jahren tanzt. Etwa im »YUCafé« von Sarajevo. »Die Politiker der letzten 30 Jahre haben uns Jugoslawen doch nur verraten und verkauft. Der Marschall war hart aber cool«, versichern Luka und Sanja brüllend in einer Ecke der von Bands namens »Brot und Salz« oder »Roter Apfel« zugedröhnten und mit Tito- bzw. Yugo-Devotionalien zugepflasterten Lokalität. »Zivo Tito i ti to!« hat jemand mit Filzstift auf die gegenüberliegende Wand gepinselt. Sinngemäß bedeutet das Wortspiel so viel wie »Es lebe Tito, und Du tu's!«

Regierungen und staatliche Institutionen der jugoslawischen Nachfolgeländer verhalten sich all dem gegenüber indifferent. In Slowenien entschied 2011 beispielsweise das Verfassungsgericht, dass die Entscheidung der Stadt Ljubljana, eine Straße neu nach Tito zu benennen, verfassungswidrig sei. Der Name symbolisiere Totalitarismus und Verletzung der Menschenwürde. Dennoch bleiben bestehende Erinnerungen auch in Slowenien unangetastet. Etwa die Tito-Straße in Maribor oder das Tito-Denkmal am Tito-Platz von Velenje, das größte jugoslawische überhaupt.

  • nd-Studienreise »Jugoslawien nach Tito« - Programmverlauf in der Wochenendausgabe vom 4./5. Februar.
  • Info und Buchung: nd-leserreisen, Dr. Irene Kohlmetz/ Frank Diekert, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin, Tel: (030) 29 78 - 1620,- 1621, Fax: - 1650, E-Mail: leserreisen@nd-online.de

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