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Von Thomas Klatt 28.01.2012 / Medial

»Ich habe Dich im Radio gehört ...«

MEDIENgedanken: 50 Jahre Deutschlandfunk

Im Grunde dürfte es den Deutschlandfunk so gar nicht geben, zumindest wenn man den Aussagen so mancher Redakteure und Wellenchefs anderer öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten Glauben schenken wollte. Als vor gut neun Jahren die Fusion von SFB und ORB an stand, wurde nicht nur in der Berliner Masurenallee erbittert darum gestritten, wie denn nun das Kultur- und Wortprogramm des neuen Berlin-Brandenburger Senders aussehen sollte. Alles müsse schlanker, schicker, schneller, moderner werden, hieß es damals. »Tagesbegleitprogramm« lautete das Zauberwort. Die Hörerinnen und Hörer wollten angeblich keine geballten Wortsendungen mehr, sondern nur noch kleine Informations-Häppchen. Das Programm müsse sich verjüngen, damit gerade die werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen angesprochen und zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurück geholt werde. Auf das Argument hin, dass doch nun gerade der Deutschlandfunk auf ein reines Informations- und Wortprogramm setze, wurde man zumindest damals beim fusionierenden rbb ausgelacht. Das sei doch das gute alte Dampfradio von vorgestern. Das wolle doch heute keiner mehr hören.

»Aber der Erfolg gibt uns recht. Seit Jahren verzeichnen wir steigende Hörerzahlen, jetzt liegen wir bei gut 1,6 Millionen Zuhörern täglich. Und eben auch viele junge Leute hören uns«, sagt Hartmut Buchholz, Pressesprecher beim Deutschlandfunk in Köln. Gerade Themen-Sendungen wie das Wissensmagazin »Forschung aktuell«, die Bildungsrubrik »Campus & Karriere« oder das Kulturformat »Corso« würden auch viele Schüler und Studenten ansprechen. Und die wollten wie die vielen anderen Zuhörer zuerst sach- und fachgerecht informiert werden.

Doch in anderen Sendeanstalten hält man von einem solchen Programmauftrag nicht unbedingt viel. Der Autor dieser Zeilen durfte für gut ein Jahr als freier Redakteur beim öffentlich-rechtlichen Sender im Südwesten der Republik arbeiten. Dort lautete in der Redaktion die oberste Maxime, dass man in den Sendungen zuerst ganz viel Gefühl transportieren müsse. Es ging um Porträts, um Emotionen, um möglichst viele Pfefferminzakkorde. Mein Einwand, dass der Hörer oder Zuschauer nach der Sendung schlauer sein sollte als vorher, wurde begrinst. Ich sei mit so einer Auffassung eben ein typischer aber langsam aussterbender Nischen-Journalist! Der Deutschlandfunk also ein Nischensender?

Vor 50 Jahren im Januar 1962 wurde als Reaktion auf den Mauerbau der Kölner Sender mit dem Auftrag gegründet, als deutschlandweiter Informationsfunk gerade auch in die DDR hinein zu senden. »Man kann jene Mauer (...) höher oder stärker machen; man kann eine zweite und dritte ziehen, den letzten Fluchtweg blockieren oder selbst einen festtäglichen Besuch von Kindern bei ihren Eltern unterbinden. Noch aber gibt es Ätherwellen, die von uns zu Ihnen hinüber reichen, die ein verbindendes Wort zu Ihnen bringen sollen, ein informierendes, ein erleichterndes oder auch ein tröstendes«, formulierte Bundespräsident Heinrich Lübke damals den politischen Auftrag. Anders als das West-Fernsehen (ARD stand verballhornt für »Außer Rügen und Dresden«) war der Deutschlandfunk praktisch in allen Teilen der DDR via Mittel- und Langwelle empfangbar. Erst in den 70er Jahren erhielt der Deutschlandfunk erstmals UKW-Frequenzen und wurde damit auch im westlichen Teil Deutschlands besser hörbar.

Nach dem Mauerfall hatte der Deutschlandfunk politisch ausgedient, doch zum Glück für die heutigen Hörer einigte sich die Politik auf den Fortbestand und sogar Ausbau. 1994 fusionierte der Kölner Deutschlandfunk mit dem Berliner RIAS und dem ehemaligen DDR-Programm Deutschlandsender Kultur unter einem Dach im neu gegründeten »Deutschlandradio«. Neben dem »Deutschlandradio Kultur« gibt es seit 2010 die dritte digitale Welle »DRadio Wissen«, die allein über Internet, Satellit, Kabel und DAB empfangbar ist. Mittlerweile sichern 710 Festangestellte und weitaus mehr freie Mitarbeiter ein jeweils 24-Stunden-Vollprogramm ab, das immer mehr Gebührenzahler zu dem besten in der Bundesrepublik zählen. Sie wollen eben keinen Dudelfunk.

Das aber sehen Sendeverantwortliche an anderen Standorten anders. Drei Wochen lang durfte ich in einem Funkhaus des öffentlich-rechtlichen Senders in Nordostdeutschland mitarbeiten. Meine Sendekritik am NDR-1-MV: Die Hörer werden nicht für voll genommen, besonders morgens setzt eine unerträgliche Dauerbespaßung ein. Egal welches Thema, die Moderatoren meinen, unbedingt immer gute Laune verbreiten zu müssen. Als bräuchten die Menschen auf dem Land keine Informationen und Hintergrundberichte, sondern nur seichte Unterhaltung.

Welcher Kontrast zum Deutschlandfunk. Besonders die Morgenstrecke bietet mir ein Optimum an Information. Unübertroffen die nationale und internationale Presseschau. Nie im Leben würde ich sonst in so kurzer Zeit einen Überblick über die Stimmenvielfalt in europäischen Zeitungen erhalten. Sicher arbeite ich auch gerne für die Kultur- und Inforadiowellen der ARD-Anstalten. Auch dort gibt es zumindest streckenweise gutes Radio, nur eben regional begrenzt. Ganz eitel muss ich bekennen, wie gut es tut, wenn Kollegen, Freunde, Bekannte und Verwandte mir ab und an aus den weiten Teilen der Republik mitteilen: »Ich habe Dich im Deutschlandfunk gehört!«

Thomas Klatt arbeitet als freier Autor für alle deutschsprachigen öffentlich-rechtlichen Sender, meistenteils für den rbb und den Deutschlandfunk.

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