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Hat den Parteihader auf seine Art beendet: W.I. Lenin (links)
Foto: Archiv
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Die 1993 neugegründete Kommunistische Partei der Russischen Föderation ist in der Ende vergangenen Jahres gewählten Duma wichtigste Oppositionskraft zur herrschenden Partei »Einiges Russland« von Wladimir Putin und Dimitri Medwedjew. Sie versteht sich als Nachfolgerin der mit dem Untergang der UdSSR aufgelösten, einst 19 Millionen Mitglieder zählenden KPdSU und sieht ihren Stammbaum in der Russländischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAPR), vor allem in der von Lenin geführten Fraktion, die sich vor 100 Jahren schon weitgehend zur eigenständigen Fraktion der Bolschewiki formierte - also jener Parteigruppierung, die mit dem Petrograder Aufstand im November 1917 die Macht in Russland übernehmen und über 70 Jahre nicht mehr abgeben sollte, obgleich sie schon in den ersten freien Parlamentswahlen 1918 nur ein Viertel der Stimmen erhielt.
1898 hatten neun Abgesandte sozialdemokratischer Organisationen aus den Industriezentren Petersburg, Moskau, Kiew und Jekatarinoslaw sowie des ein Jahr zuvor gegründeten Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes in Minsk die SDAPR ins Leben gerufen, die jedoch bald wieder zerfiel. Der seit 1883 bestehenden sozialdemokratischen Auslandsgruppe »Befreiung der Arbeit« unter dem international bekannten Philosphen und Publizisten Georgi Plechanow und deren Zeitung »Iskra« kam das Verdienst zu, der Partei wieder auf die Beine zu helfen. Auf ihre Initiative hin trafen sich 57 Delegierte von mehr als zwei Dutzend illegalen sozialdemokratischen Komitees und Gruppen im Sommer 1903 in Brüssel und London, um eine programmatisch und organisatorisch handlungsfähige revolutionäre Arbeiterpartei zu schmieden. Der Jüdische Bund und die polnisch-litauische Sozialdemokratie (SDKPiL) schlossen sich der wieder zu Leben verholfenen SDAPR vorerst nicht an.
In den Revolutionsjahren 1905 bis 1907 wuchs die Mitgliederzahl der Partei sprunghaft von 5000 auf 150 000 an. Sie beeinflusste die gesellschaftliche Entwicklung in dem territorial größten Land der Welt maßgeblich mit. Die 1903 gewählte Führungsspitze der SDAPR war jedoch in zwei politisch rivalisierende Fraktionen gespalten, die in die Geschichte als Bolschewiki (»Mehrheitler«) und Menschewiki (»Minderheitler«) eingingen. Die Bolschewiki um Wladimir I. Lenin und Alexander Bogdanow sowie die Menschewiki um Plechanow und Ljubow Martow hatten jeweils ein Drittel der 170 Komitees und Gruppen der SDAPR hinter sich. Auf dem Parteitag in Stockholm 1906 beschlossen sie, ihren Hader beizulegen. Auch polnische, litauische, lettische und jüdische Sozialdemokraten traten nun der SDAPR an. Die Bolschewiki hatten jetzt aber nicht mehr die Mehrheit in den Führungsgremien inne. Auf dem Londoner Parteitag 1907 wurden nur fünf Bolschewiki ins zwölfköpfige Zentralkomitee gewählt; Lenin war lediglich ZK-Kandidat.
Nach der brutalen Niederwerfung der ersten proletarisch-bäuerlichen Volksrevolution in Russland durch das autoritäre Regime des Zaren Nikolaus II, »des Blutigen«, wurden 14 000 Revolutionäre wurden ermordet, 75 0000 eingekerkert. Die Revolution gab jedoch dem Übergang von feudalen zu bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsverhältnissen im Zarenreich einen starken Schub. Die von Ministerpräsident Pjotr Stolypin vorangebrachten ökonomischen und politischen Reformen sollten das revolutionäre Potenzial neutralisieren und der Sozialdemokratie den Boden entziehen. Bürgerliche Freiheitsrechte wurden begrenzt gewährt; sie kamen vor allem den adligen Großgrundbesitzern sowie den kapitalistischen und mittelständischen Eigentümern in Stadt und Land zu Gute. Im Scheinparlament blieb die arbeitende und besitzlose Bevölkerung stark unterrepräsentiert. Dennoch verfehlten die Stolypinschen Reformen ihre Wirkung nicht. Die SDAPR erlitt einen gravierenden Mitgliederrückgang, viele Parteimitglieder resignierten, Uneinigkeiten und Streit prägten erneut das Bild der Partei.
Eine neue politische Strömung unter den Bolschewiki, die sich um das ZK-Mitglied Bogdanow gruppierte, wollte sich nur noch auf illegale Aktionen konzentrieren und die Parlamentswahlen boykottieren; Lenin nannte sie »Otsowisten« (Abberufler) und »Ultimatisten« und charakterisierte ihre Haltung als parteifeindlich. Andererseits breitete sich nach der Niederschlagung der Revolution und dem vermeintlichen Entgegenkommen der Herrschenden in nicht wenigen russischen wie nationalen Organisationen der SDAPR die Auffassung aus, auf revolutionäre Aktionen ganz zu verzichten, sich ausschließlich legalen Kampfmethoden zu bedienen und auf Reformen »von oben« zu setzen. Diese Gruppierung brandmarkte Lenin nun wiederum als »Liquidatoren«, als »Zerstörer« der revolutionären Sozialdemokratie. Darüber hinaus gab es weitere Fraktionen, wie die Wiener »Prawda«-Gruppe um Leo Trotzki und die so genannten parteitreuen Menschewiki um Plechanow und Martow, die das zerstrittene Parteilager versöhnen wollten.
Rosa Luxemburg sah die Situation in der SDAPR noch nicht gänzlich als hoffnungslos an; in ihrem Brief an Louise Kautsky vom 15. August 1911 schrieb sie: »Der einzige Weg, die Einigkeit zu retten, ist eine allgemeine aus Russland beschickte Konferenz zustande zubringen, denn die Leute in Russland wollen alle den Frieden und die Einigkeit, und sie sind die einzige Macht, die diese ausländischen Kampfhähne (d. h. die Führer in der Emigration) zur Räson bringen wird.«
Die Geschichte verlief anders. Lenin, der in der internationalen Sozialdemokratie neben Plechanow bereits beachtlichen Einfluss gewonnen hatte, sah den Ausweg der Parteikrise allein darin, seine ebenfalls auseinanderdriftende bolschewistische Fraktion möglichst mit den »parteitreuen« Menschewiki zu einer eigenständigen, streng zentralistisch und bedingungslos disziplinierten Partei von Berufsrevolutionären umzubauen. Er berief dazu ein Treffen in Prag ein, an dem Vertreter von 20 bolschewistischen Organisationen teil nahmen.
Auf der vom 18. bis 30. Januar 1912 in der Moldau-Metropole stattfindenden Parteikonferenz wurde ein siebenköpfiges ZK unter Lenins Führung gewählt, an dem u.. a. Georgi Sinowjew und der - wie sich erweisen sollte - Geheimdienstspitzel Roman Malinowski angehörten. Auf dem anschließenden Plenum der neuen Partei, der SDAPR (B), wurde auch der aus Georgien stammende Josef Dschugaschwilli, später besser bekannt unter seinem Parteinamen »Stalin«, in das ZK kooptiert. Die durch diese Neustrukturierung überrumpelten Köpfe der »Otsowisten«, des Jüdischen Arbeiterbundes sowie die Anhänger Trotzkis und Plechanows beschimpften Lenin als »Usurpator« der Partei. Rosa Luxemburg polemisierte im »Vorwärts«, Organ der deutschen Sozialdemokratie, am 30. März 1912 gegen die Spaltungsversuche der führenden »Kampfhähne« in der russischen Partei, sie wandte sich »sowohl gegen die Faustpolitik der Ausschließungen im angeblichen Interesse des Radikalismus, wie gegen die Vorschubleistung der opportunistischen Zersetzungselemente im Interesse der vermeintlichen Toleranz«. Rosa Luxemburg warnte: »Solange nicht eine Parteikonferenz zustande kommt, die diese beiden Gesichtspunkte gleichmäßig berücksichtigt, wird Friede und Einmütigkeit in der russischen Bewegung nicht einkehren.«
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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